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Montag, 13. Februar 2012
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Völkermord an den Armeniern „Die türkische Geschichte ist rein“

22.04.2010 ·  Ein exemplarischer Fall: In Minden sollte nach einem Lokalzeitungsartikel über den Völkermord an den Armeniern diskutiert werden. Doch die Stadtverwaltung tauchte ab und das Feld wurde der türkischen Linie überlassen.

Von Karen Krüger
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Minden ist ein hübsches mittelalterliches Städtchen. Ruhig, gediegen, beschaulich und, so sieht man das in Ostwestfalen jedenfalls gern, ein klein wenig ausgefallen. Um es mit dem von Mindener Werbeprofis ausgeheckten Slogan zu formulieren: „Unbedingt merk-würdig seit 798!“ Und Merkwürdiges geschieht derzeit tatsächlich in dem 83.000 Seelen zählenden Ort.

Keine vier Wochen ist es her, da postierte sich ein Grüppchen türkischstämmiger Demonstranten vor der Redaktion des „Mindener Tageblatts“, um mit türkischer Flagge und Plakaten mit dem Konterfei des türkischen Staatsgründers Atatürk gegen die angeblich einseitige Berichterstattung der Zeitung zu demonstrieren. Der Auslöser: Ein Leserbrief über die Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917. Offenbar beeindruckt von der Belagerung druckte das „Mindener Tageblatt“ daraufhin einen Artikel, der versöhnlich gemeint war und das gegenüber der Redaktion vorgebrachte Anliegen der Demonstranten, genannt „Mindener Vorschlag“, beschreibt: „Wie in einem Gerichtsprozess“ solle von Türken und Armeniern der Sachverhalt der damaligen Ereignisse geprüft und bewertet werden.

Konfliktangst verhindert Aufarbeitung

Auch die Europaausgabe der türkischen Zeitung „Hürriyet“ reagierte - die Demonstranten hatten sie gleich mitgebracht -, nämlich mit einem Text, der sich als Aufruf liest, nach dem Beispiel des „Mindener Vorschlags“ eine europaweite Lobby gegen die Aufarbeitung des Völkermords zu gründen. Darin wird einer der Demonstranten zitiert: „Die türkische Geschichte ist rein. Wir müssen in Europa eine Einheit bilden. Der Kampf hat begonnen. Die Archive sind geöffnet. Wenn sie die Wahrheit erfahren wollen, sollen sie kommen und lesen und nicht vor einer Konfrontation weglaufen. Der Türke hat in seiner Geschichte nichts gemacht, wofür er sich schämen müsste.“

Man würde die Geschichte gern als deutsch-türkische Kleinstadtposse abtun, wäre sie nicht exemplarisch für das Vorgehen gewisser türkischer Kreise, die hierzulande versuchen, einen offenen Umgang mit dem Völkermord an den Armeniern zu verhindern - und damit dessen Anerkennung und Aufarbeitung. Es ist die Politik der Einschüchterung von Menschen, Medien und Institutionen. Aus fehlender Kenntnis der Sachlage, aus dem Wunsch, Konflikte mit den türkischstämmigen Mitbürgern zu vermeiden, knicken diese ein.

Ein Abend der „Versöhnung“ sorgt für Polarisierung

Doch der Reihe nach. Die Geschichte beginnt im vergangenen Dezember. Damals überraschte der Mindener Integrationsrat, zu diesem Zeitpunkt noch Ausländerbeirat genannt, mit einer Einladung zu einer Veranstaltung. Man wolle am 11. Dezember einen Abend organisieren, der dem Konflikt zwischen Armeniern und Türken ein Ende setze. Ein Dialog müsse stattfinden, eine Annäherung. Beide Seiten sollten sich aussprechen können, die Herzen ausschütten und ihre Meinung darlegen, so die Verlautbarung. Innerhalb des türkischen Publikums machte allerdings eine andere Nachricht die Runde: Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands sei es gelungen, in einem staatlichen Rahmen - nämlich im Rathaus Minden - eine Veranstaltung zu organisieren, bei der - sinngemäß - die armenische Sicht von einem Türken revidiert werden könne, heißt es in einer E-Mail, die an mögliche Gäste verschickt worden ist. Im ganzen Land müssten deutsche Institutionen dazu gebracht werden, vergleichbare Abende zu initiieren. Den türkischen Kreisen, die sich lange um diesen vielversprechenden Erfolg bemüht hätten, sei zu danken.

Deutsch-Armenier und alevitische Türken verständigten daraufhin den Mindener Bürgermeister Michael Buhre und den Moderator des Abends, Pfarrer Andreas Brügmann, das „Mindener Tageblatt“ sowie den Vorsitzenden des Mindener Ausländerbeirats. Nur Bürgermeister Buhre und Pfarrer Brügmann sagten daraufhin kurzfristig ihre Teilnahme ab. Ansonsten kam die Veranstaltung wie geplant und in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten zustande. „Mutig ein sehr ,heißes Eisen' angepackt“, lautete die Überschrift des Artikels, mit dem sich das „Mindener Tageblatt“ zwei Tage später der Veranstaltung widmete. Und weiter: Der vom Ausländerbeirat organisierte Abend sei ein gewagtes Experiment gewesen, „aber es ist gutgegangen - und vielleicht hat der sicher einseitige Vortrag von Dr. Ali Söylemezoglu auch ein Stückchen zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen können.“ Doch das kann man auch anders sehen: Der Abend, der als ein Beitrag zur Versöhnung und Annäherung propagiert worden war, verteidigte letztendlich nur die Leugnung des Genozids als einen Akt der Meinungsfreiheit.

Fast zweihundert mehrheitlich türkischstämmige Zuhörer lauschten dem Hauptredner, besagtem Ali Söylemezoglu, Autor eines Buches, das die 1,5 Millionen getöteten Armenier als bedauernswertes, doch kriegsbedingtes Unglück darstellt. Einen Völkermord hat es ihm zufolge nie gegeben. Einleitend sprach Söylemezoglu, wie Teilnehmer berichten, von der „schwierigen Geschichte“ zwischen Armeniern und Türken, später habe es geheißen, schwierig seien die Armenier selbst und ihr vorurteilsbeladener Umgang mit den Türken. Und auch die Dolchstoßlegende wurde aufgetischt: Die Armenier hätten die Türkei vernichten wollen und versuchten nun, ihre eigene Schuld am massenhaften Tod den Türken anzuhängen.

Die türkische Seite will so etwas wie einen „Gerichtsprozess“

Verärgert über den Vortrag und enttäuscht über die Berichterstattung des „Mindener Tageblattes“ verfasste daraufhin Madlen Vartian vom Verein Armenische Gemeinde in Köln e. V. einen Leserbrief, der am 14. Dezember gedruckt wurde. Der Abend habe geholfen, dem geschichtsrevisionistischen Bild nationalistischer Türken einen öffentlichen Raum zu bieten, schreibt sie. „Die Genozidleugnung ist laut Bericht des Verfassungsschutzes NRW ein Merkmal des türkischen Rechtsextremismus und stellt das Pendant zur Holocaustleugnung beim deutschen Rechtsextremismus dar.“ Das wiederum rief den türkischen Initiator der Veranstaltung, Ümit Rahmi Tuncel, auf den Plan. Er verfasste ebenfalls einen Leserbrief, der den bei der späteren Demonstration vorgetragenen „Mindener Vorschlag“ vorformuliert und Madlen Vartian einlädt, an dem „Gerichtsprozess“ teilzunehmen. Das „Mindener Tageblatt“ veröffentlichte Tuncels Beitrag zunächst nicht. Im März erschien er dann doch - in der Online-Ausgabe der Zeitung.

Damit wollte man sich in besagten türkischen Kreisen nicht zufriedengeben, deshalb wurde Ende März kurzerhand die Demonstration vor dem Redaktionsgebäude organisiert. Am 31. März reagierte die „Hürriyet“, am 2. April dann veröffentlichte die Mindener Lokalzeitung den Artikel „,Mindener Vorschlag' zu einer Versöhnung: Bürgergruppe greift Armenien-Frage auf“ in ihrer gedruckten Ausgabe. Auch das Internetportal „TurkishPress“ widmete sich dem Thema, am 7. April. In dem Artikel ist nicht mehr die Rede von einem „Gerichtsprozess“, sondern von einem „Dialog“, der zwischen Türken und Armeniern geführt werden solle. In dem Text heißt es, laut Ali Söylemezoglu, einem „der Initiatoren der insgesamt sechsköpfigen Gruppe“, würden in deutschen Medien weiterhin Nachrichten verbreitet, die weder fundiert noch wissenschaftlich erwiesen seien. Diese verhinderten einen ernsthaften Dialog und drängten die Türken an den Rand. Die Frage solle laut Söylemezoglu deshalb „in Diskussionsrunden gemeinsam erörtert und angegangen werden“.

Kein Ort für Geschichtsrevisionisten

Ein Forum für eine derartige Veranstaltung wird es in Minden nicht geben: „Der Subtext des ,Mindener Vorschlags' lautet, dass Armenier den Türken helfen sollen, den Völkermord zu relativieren und zu leugnen. Da machen wir nicht mit. Minden sollte nicht in die Geschichte eingehen als ein Ort, an dem Geschichtsrevisionisten auf offene Tore und Türen stoßen“, sagte Madlen Vartian dieser Zeitung. Statt dessen bemühen sich Mitglieder des Integrationsrates seit Wochen um eine Anschlussveranstaltung für den Abend im Dezember, bei der diesmal der Völkermord und nicht dessen Leugnung im Mittelpunkt stehen soll.

Doch anders als noch vor vier Monaten, als es um die Veranstaltung von Ali Söylemezoglu und Ümit Rahmi Tuncel ging, tut sich die Verwaltung der Stadt mit der Organisation des für den 30. April anberaumten Abends schwer. So schwer, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, man wolle die Geschichte aussitzen - um sich die zu befürchtenden Proteste von türkischer Seite zu ersparen: Mal passte der Termin nicht, dann verabschiedete sich jemand in den Urlaub, bestellte Stühle wurden nicht geliefert, Einladungen zu spät versendet und Scheingefechte über den Titel der Veranstaltung geführt: Selbst innerhalb des Integrationsrats herrscht keine Einigkeit darüber, ob das Wort Völkermord in der Einladung stehen darf oder nicht. Denn ob es sich tatsächlich um einen solchen handele, müsse von Historikern schließlich erst bewiesen werden.

Klingelt es da nicht in den Ohren? Genau - es ist das Argument, mit dem auch offizielle Verlautbarungen der türkischen Regierung arbeiten. Und es wird auch gern von jenen Deutsch-Türken verwendet, deren Ziel die Leugnung des Genozids und dessen Nichtanerkennung ist, und die sich deshalb den Ergebnissen der internationalen Forschung verschließen.

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Eingeführte

Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr