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Veröffentlicht: 21.08.2016, 16:40 Uhr

Vietnamkrieg Agent Orange ist noch im Dienst

Vietnam leidet bis heute unter dem Herbizid, das die Amerikaner im Krieg verwendeten. Warum stellen sich die Vereinigten Staaten bei der „Wiedergutmachung“ bis heute so stur? Ein Besuch an den Orten des immerwährenden Schreckens.

von Martina Lenzen-Schulte
© AP Abwurf von Agent Orange über Südvietnam im Jahr 1966 durch amerikanische Flugzeuge.

Als der amerikanische Präsident unlängst in Vietnam war, hat ihn die fast fünfzigjährige Pham Thi Nhi in einem offenen Brief nach Hoa Binh eingeladen. Pham ist ein Agent-Orange-Opfer und wollte, dass Obama verkrüppelte Hände schüttelt: Nur im Angesicht der Versehrten könne er den Schaden ermessen, den Amerika angerichtet habe.

Das Hoa Binh Peace Village ist ein Trakt mit mehreren Krankenstationen innerhalb der großen Tu-Du-Klinik in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon. In Mehrbettzimmern liegen Kinder in Gitterbettchen, die Hände oder Handstümpfe mit Lappen umwickelt, weil sie sich sonst ständig selbst verletzen würden. Viele der gut sechzig Patienten sind verkrüppelt, laufen auf Oberschenkelstümpfen, haben aufgetriebene Knubbel statt einer Hand.

Einigen Kindern fehlen Augen und Ohren, andere liegen mit einem Wasserkopf im Bett, schwerer als ihr restlicher Körper. Manche haben eine Haut aus schwarzen Hornteilen wie Fischschuppen. Entstellungen durch Lippen-Kiefer-Gaumenspalten sind häufig. Bei einem Kleinkind machen sie aus dem Mund einen rachenweit offenen Krater im Gesicht, die Nase ist verwachsen und sieht aus wie ein Bauchnabel.

Was sind schon tausende Seiten wissenschaftlicher Text?

Seit das Zentrum im Jahr 1990 eröffnet wurde, war es für rund vierhundert Kinder viele Jahre ein Heim, einige sind noch als Erwachsene hier. Gegründet wurde Hoa Binh zur Aufnahme und Rehabilitation von Agent-Orange-Opfern, die es laut offizieller amerikanischer Diktion nicht geben darf. Denn bisher haben es sowohl die amerikanische Regierung als auch alle beteiligten Chemieproduzenten abgelehnt, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was das Herbizid Agent Orange angerichtet hat.

Agent Orange enthält das hochgiftige Dioxin und wurde seit 1961 mit anderen Herbiziden ein Jahrzehnt lang tonnenweise über rund fünfzehn Prozent der Landesfläche versprüht, um die Wälder zu entlauben und so die Nachschubwege des Vietkong zu enttarnen. Dass dieser Ökozid auch ein Genozid war, wird bis heute bestritten, jedenfalls gemäß dem Urteil des Supreme Court von 2009. Damals wurde die bisher letzte Klage der Vietnamesen auf Entschädigung abgewiesen.

Tausende Seiten wissenschaftlicher Expertise hielten es für nicht hinreichend begründet, dass Agent Orange die Gesundheitsschäden an der vietnamesischen Bevölkerung verursacht hat. Der Brief an Obama endet mit einer neuerlichen Kampfansage: „Wir geben nicht auf.“

Er erwachte nie wieder

Obama kam nicht nach Hoa Binh. Dort hätte er zum Beispiel Duc treffen können, die überlebende Hälfte von Viet und Duc, den berühmtesten siamesischen Zwillingen Vietnams. Duc arbeitet in der Verwaltung des Hoa-Binh-Zentrums. Wer beobachtet, wie er heute als erwachsener Mann trotz Fehlen des linken Beins geschickt auf sein rotes Honda-Motorbike steigt; wer an den Wänden von Hoa Binh das berührende Hochzeitsfoto mit seiner schönen Frau sieht; wer erfährt, dass das Paar 2009 Eltern von zwei gesunden Zwillingen wurde, der hofft spontan, dass wenigstens für einige Agent-Orange-Opfer das Schicksal ein glückliches Ende bereithält.

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