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Videospiel „Detroit“ : Ich ist ein Roboter

  • -Aktualisiert am

Wenn Roboter weinen: „North“, eine Anführerin der rebellierenden Maschinen, die Anerkennung suchen. Bild: Sony

„Detroit: Become Human“ ist das Videospiel zur Debatte um künstliche Intelligenz, sein Macher David Cage das Genie komplexer Games für Erwachsene. Sollte es ein Flop werden, stünde viel auf dem Spiel.

          Überall Spiegel! Selten hat man in der Welt eines Videospiels so viele Spiegel gesehen. Pat Garrett trat einst, als er in Sam Peckinpahs berühmtem Film gerade Billy the Kid getötet hatte, vor einen Spiegel und schoß hinein. Aus Ekel vor sich selbst. In dem Videospiel „Detroit: Become Human“ tritt man nun auch immer wieder vor Spiegel, schaut dann aber nur. Sucht sich. Wir spielen einen Roboter, man schreibt das Jahr 2038. Die künstliche Intelligenz entdeckt sich langsam selbst.

          Einmal, in einem zentralen Moment des Spiels, ist man eine attraktive Androidin, deren Speicher soeben von Schurken gelöscht wurde. Nun irrt sie durch ein leere Villa und versucht, sich zu erinnern. Sie schaut in einen großen Spiegel. Sieht sich, versteht aber nichts. Dahinter hängt ein Gemälde von Velazquez. Es zeigt den Dichter Luis de Gongora y Argote, einen Außenseiter des Barock. Einen harten Mann, der seinen Platz in der Gesellschaft nie ganz fand, kritisch und zornig schaut er uns an.

          Wie ein Film Noir

          Da haben die Programmierer einen kleinen Wink für alle Bildungsbürger hinterlassen. Schließlich werden einige davon nun dieses Spiel spielen. Denn immer wenn der Franzose David Cage ein neues Spiel veröffentlicht, gibt es wieder diese leise Hoffnung, dass jetzt etwas ganz Neues komme, ein Spiel, das den Intellekt nicht mehr beleidigt und dass alle Erwartungen durcheinander wirbelt, so wie große Kunst das eben tun soll.

          In seinem Spiel „Heavy Rain“ musste man einen Vater spielen, der seinen Sohn verloren hat, und nun einsam in einer schäbigen Bude verkommt. „Ich habe keine Zeit für normale Games, sie sind zu schwer“, sagte er einmal auf einem Podium in Köln. „Ich habe Kinder, eine Familie, ein Leben. Ich will, dass ein Spiel mich bewegt.“ Weil es das zu selten gab, wurde er dann eben der Garant für genau das. David De Gruttola war Musiker, als er 1997 in eine neue, aufregende Branche umschwenkte und eine Spielefirma gründete. Er nannte sich fortan David Cage, französisch schien nicht gut zu Videogames zu passen. Schon sein Spiel „Fahrenheit“ von 2005 war eine Revolution. Eine krude Story um die Klimakatastrophe, eine verbrecherische Sekte, hypnotisierte Mörder – aber erzählt wie ein kluger Film Noir. Mit Musik von Angelo Badalamenti, der sonst für David Lynch schrieb. Plötzlich gab es eine ganz neue Art von Spiel. Eins, das ernst genommen werden will.

          Auch „Detroit: Become Human“ ringt um Anerkennung. Die Debatte um künstliche Intelligenz tobt. Das sprechende Amazon-Gerät Alexa hat erst die Haushalte erobert, dann massiv Zweifel erzeugt. Der aufregendste Roman dieser Tage, „Hologrammatica“ des Münchner Autoren Tom Hillenbrand, zeichnet eine Welt, die von Robotik und Cyberspace überformt ist, in der die Realität kaum noch wahrnehmbar ist. Und nun kommt dieses Spiel und macht diese Diskussionen regelrecht fühlbar.

          Die Roboter als Opfer

          Technisch gesehen ist das Spiel, das am Freitag herauskam, ein begehbarer Science-Fiction-Roman. Es gibt drei Handlungsstränge, die einander immer näher rücken. (Ein Rezept, das auch schon „Grand Theft Auto 5“ zum narrativen Meisterwerk gemacht hatte.) Da ist der Android Connor, der als Ermittler für die Polizei arbeitet und abtrünnige Roboter jagt, die plötzlich Gefühle entwickeln. Dann die elektrische Haushälterin Kara, die genau so eine ist, und mit einem Kind auf der Flucht ist. Und schließlich gibt es immer wieder dunkle Episoden aus der Szene der robotischen Revoluzzer, die nicht mehr wie Sklaven leben wollen. Das Spiel ist wie ein Episodenfilm, den der Spielende sich nach und nach erarbeiten muss, in dem man viele Entscheidungen fällen muss, und der dann immer anders ausgeht.

          Egal wie es endet, es geht im Kern darum, wie sich ein Roboter fühlt. Man spielt immer nur Androiden. Im Bus gibt es ein „Android Compartment“, da müssen Roboter stehen und dürfen nicht mit den Menschen sitzen. Die Parallele zum Busboykott von Montgomery, dem Protest gegen die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten, ist unübersehbar. Der Bezug zu dem Film „Blade Runner“ beziehungsweise Philip K. Dicks grundlegende Kurzgeschichte „Do Androids dream of electric sheep?“ ist ebenfalls offensichtlich. Diesmal sollen wir alles aus der Sicht der Roboter, hier: Opfer, erleben.

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