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Videoarchiv am Stelenfeld : So geht Erinnerung

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Jetzt gibt es hier auch ein Videoarchiv mit Berichten Überlebender: das Holocaust-Mahnmal in Berlin Bild: dpa

Der Ort der Erinnerung am Berliner Holcaust-Mahnmal wird jetzt durch ein Videoarchiv mit Berichten Überlebender ergänzt. Gut, dass die digitalisierten Filme nicht im Internet stehen. Sie müssen einen Ort haben, und dieser hier ist genau richtig.

          Am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas herrscht an diesem Spätsommernachmittag ein bei aller brav dargestellten Pietät sehr munteres Gewusel von Jugendgruppen. Sie waren noch nicht im Untergeschoss, beim Videoarchiv mit den Geschichten der Überlebenden, das in der kommenden Woche eröffnet wird. Ich habe es schon mal kurz besichtigen dürfen und bin entsprechend benommen.

          Seltsamerweise muss ich an einen alten Schuhkarton voller Fotos denken, einen recht berühmten Karton: Als Pierre Bourdieu, der große französische Soziologe, etwas über Fotografie schreiben wollte, begann er mit dem Karton eines Freundes. Wühlte sich durch, legte sich etwas raus, wühlte weiter. Es wurde spät. Irgendwann fragte er, ob er den Karton nicht mit nach Hause nehmen dürfte. Er durfte und schrieb das Buch „Eine illegitime Kunst“, eines seiner besten. „Und wissen Sie was?“, fragte er, wenn er die Geschichte erzählte, gern dramatisch in die Runde: „Neunundneunzig Komma neun Prozent aller Soziologen hätten den Karton nie auch nur angerührt.“ Der wäre denen zu willkürlich gewesen, bruchstückhaft und ohne jede Objektivität, ganz und gar suspekt.

          Beim Betrachten der Familienfotos kam Bourdieu ein einfacher Gedanke: Fotografiert werden Feste, Hochzeiten, Kinder, Reisen und Haustiere, also alles, was den Menschen freut und am Leben hält. Fotografie, dachte er plötzlich, ist das Gegenteil von Selbstmord.

          Berlin : Holocaust-Mahnmal erhält Video-Archiv

          Die Bilder

          In den rund tausend Videozeugnissen, die im Fortunoff-Archiv der Universität Yale gesammelt wurden und nun im Dokumentationszentrum digitalisiert und aufwendig aufgearbeitet zu sehen sind, hält immer wieder mal jemand ein altes Foto in die Kamera. Bilder aus der Zeit vor der Judenverfolgung, als die Individualität noch intakt war, als sie, wie man im Amerikanischen sagt, noch ein Leben hatte. Da habe ich ein Fahrrad. Das ist mein Vater. Schnappschüsse aus der Zeit vor dem Holocaust, gemacht, als noch niemand ahnen konnte, welchen Wert sie einmal haben würden.

          Vom Holocaust gibt es keine Fotos. Und wovon keiner ein Foto macht, darüber wird auch nicht geredet. Es ist die dunkle Seite. Simone Veil, die ehemalige französische Politikerin, berichtet in ihrer jüngst erschienenen Autobiographie „Une Vie“, was viele Holocaustüberlebende erfahren haben: Kein Mensch wollte ihre Geschichten aus Bergen-Belsen hören. Die Résistance war angesagt, Heldengeschichten oder ihr Gegenteil, Verratsgeschichten von Frauen, die sich angeblich mit Deutschen eingelassen hatten, aber sicher keine Schilderungen der irdischen Hölle und derer, die sie überlebt haben. Man verfrachtete sie und ihre Schwester bald nach der Befreiung an den Genfer See, in eine Art Sonderinternat für jüdische Damen, wo sie zwar verpflegt wurden, aber weiterhin entmündigt und vor allem abgesondert von der Öffentlichkeit unter sich bleiben sollten. Vor allem hat keiner gefragt.

          Die Erinnerung konnte auch gleich nach dem Krieg nicht abstrakt, global und knapp genug sein. Es sollte eigentlich schon 1945 Schluss sein mit der „dauernden“ Geschichte von der Judenverfolgung, die Schlussstrichforderung wird heuer ebenso alt wie das Verbrechen, dessen Aufarbeitung sie beenden möchte.

          Das Schweigen

          Auch die Wissenschaft tat sich, aus den von Bourdieu angesprochenen Gründen, schwer mit dem objektiven Zugriff auf die fragmentarischen Geschichten der Traumatisierten, die ja auch nicht gerade anstanden, um ihren erlebten Horror zu schildern. Viele Überlebende haben das Weiterleben nur durchgehalten, indem sie schwiegen. Ob, wie der allzu schöne Spruch verspricht, das Geheimnis der Erlösung wirklich Erinnerung heißt, das wollten sie lieber nicht ausprobieren.

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