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Verräterische Bilderkennung : Können wir unser Gesicht noch wahren?

Ich sehe was, was du nicht siehst: Mit Hilfe von Computerprogrammen wollen Forscher aus Stanford am Gesicht mehr erkennen, als einem lieb sein kann. Bild: Getty

Wissenschaftler haben einer künstlichen Intelligenz beigebracht, an Fotos zu erkennen, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Die Folgen werden gravierend sein.

          Der Schnappschuss hat seine Unschuld verloren. Zumindest, wenn das Gesicht einer Person darauf zu erkennen ist. Der Fingerabdruck als einzigartiger Identitätsausweis wird bald ausgedient haben, da Computerprogramme Gesichter auf Bildern und Videos erfassen können. Doch scheint es, dass die reine Identitätserfassung aus der Ferne via Gesichtsabdruck („Faceprint“) nur der Anfang ist. Nun sind Wissenschaftler, die die Rechenkapazitäten künstlicher neuronaler Netze nutzen, davon überzeugt, das Gesicht eines Menschen verrate viel mehr über dessen körperliche und seelische Beschaffenheit, als die mimische Übersetzung von Emotionen in oberflächliche Muskelkontraktionen auf der Vorderseite des Schädels.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie der „Economist“ berichtet, soll es den Forschern Michal Kosinski und Yilun Wang von der Universität Stanford gelungen sein, einem künstlichen neuronalen Netz, also einem lernfähigen Algorithmus, beizubringen, anhand von auf Fotos abgebildeten Gesichtern, die sexuelle Präferenz der jeweiligen Person zu erkennen.

          Fundamentale Fehlerquelle einer K.I.: das menschliche Hirn

          Können Netzwerke ein Muster erkennen, von dem sie qua Datengrundlage noch gar nichts wissen können? Jürgen Schmidhuber, Direktor des Schweizer Forschungsinstituts IDSIA, sagt knapp: „Klar. Deswegen machen wir das ja. Ich kann zum Beispiel kein Chinesisch. Trotzdem lernt unser Netzwerk, ins Chinesische zu übersetzen. Ich verstehe nichts von Histologie. Trotzdem lernen unsere neuronalen Netzwerke, Krankheiten zu diagnostizieren wie ein Histologe.“ Gefragt nach der Fehleranfälligkeit eines solchen Netzwerks, sagt Schmidhuber: „Wohl zumindest keine fundamentaleren als Ihr Hirn.“

          Die Wissenschaftler aus Stanford berufen sich auf eine in Teilen umstrittene medizinische Theorie, nach der der Einfluss bestimmter Sexualhormone im Mutterleib sowohl Auswirkungen auf die Gestalt des Gesichts, als auch auf die sexuelle Orientierung des werdenden Menschen hat. In ihrer Studie, die im „Journal of Personality and Social Psychology“ erscheinen soll, suchten die Wissenschaftler mit einer Gesichtserkennungssoftware („Face++“) aus 130.741 Bildern von 36.630 Männern und 170.360 Bildern von 38.593 Frauen, die sich bei einem amerikanischen Datingportal angemeldet hatten, alle Bilder heraus, die jeweils nur ein Gesicht in ausreichender Größe zeigten.

          Gesichtsmerkmal werden in Zahlenreihen übersetzt

          Übrig blieben 35.326 Bilder von 14.776 Personen, bei denen Frauen wie Männer, homo- wie heterosexuelle Personen, zu etwa gleichen Anteilen vertreten sind. Die Gesichter auf den Bildern wurden durch ein künstliches Netzwerk („VGG-Face“) in Zahlenreihen übersetzt – die mathematischen Aufschlüsselung des Gesichtsabdrucks. Unter Rückgriff auf die logistische Regression (Logit Modell) – einem statistischen Bewertungsverfahren, mit dem sich Vorhersagen zur Wahrscheinlichkeit treffen lassen, ob ein Ereignis eintritt oder nicht – untersuchten die Wissenschaftler, ob es Verbindungen zwischen den in Zahlen übersetzten Gesichtsmerkmalen und der sexuellen Präferenz der Personen gab (wie sie auf dem Profil des Datingportals angegeben war).

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