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Venedigs Bürgermeister tritt ab Basta, ihr Idioten

Er gab die Losung für den Wiederaufbau des Fenice aus und schenkte seiner Stadt eine Theorie der Insellage: Der Philosoph auf dem Bürgermeistersessel von Venedig, Massimo Cacciari, stellt sich nach zwölf Jahren nicht mehr zur Wahl.

© ASSOCIATED PRESS Vergrößern Der Feuerkopf: Massimo Cacciari hat Venedigs lange Agonie beendet

Zwölf Jahre lang hat Massimo Cacciari Venedig regiert - für die zerstrittene Linke Italiens eine Ewigkeit. Die beiden Amtszeiten des „Philosophen auf dem Dogenthron“ - 1993 bis 2000 sowie die letzten fünf Jahre - bedeuteten für die Stadt in der Lagune eine Ära, die nun mit dem Abtreten des sechsundsechzigjährigen Politikers beendet ist. Als der Philosophieprofessor der städtischen Universität Cà Foscari vor siebzehn Jahren mitten im Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems als niemand ins Rathaus einzog, wurde Venedig plötzlich zum Symbol eines zivilen Bürgergeistes im Land der vermeintlichen Anarchisten.

Der einstige Kommunist und Feuerkopf, der mit dem atonalen Komponisten Luigi Nono Opern geschrieben und für den informellen Maler Emilio Vedova Texte verfasst hatte, sorgte unter den Augen der Weltöffentlichkeit dafür, dass von Venedig wieder Impulse ausgingen - dem aufgehenden Stern Berlusconis zum Trotz.

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Zum ersten Mal seit dem Ende der Serenissima ließ die Stadt unter Cacciari das Subventionsgeld aus Rom nicht in dunklen Kanälen versickern. Er kümmerte sich darum, dass ebendiese verschlammten Kanäle systematisch ausgebaggert wurden. Mit einer jungen Crew von Mitarbeitern sorgte Cacciari dafür, dass die Stadt sich nicht mit dem Dasein als touristischer Goldgrube begnügte. Die Universität wurde mit jungen Studenten gestärkt, man achtete auf die Ökologie, und die erweiterte Biennale und die - nun ebenfalls mit einem neuen Palast ausgestatteten - Filmfestspiele erhielten den Glanz von Aushängeschildern eines modernen Italien zurück.

Massimo Cacciari vor Kanal © ASSOCIATED PRESS Vergrößern Den langsamen Untergang der Lagunenstadt konnte auch er nicht stoppen

Ein nennenswerter Sieg in der zweiten Amtszeit

An der Kultur entscheidet sich in der schönsten, aber auch fragilsten Stadt der Welt jede Karriere. Der Kulturmensch Cacciari ging zwischen seinen beiden Amtszeiten als Dozent zurück zur Philosophie - ausgerechnet an eine erzkatholische Mailänder Neugründung. Und die mafiose Unkultur im Umgang mit dem Opernhaus „La Fenice“ bezeichnete auch die bitterste Stunde von Cacciaris Epoche: Wie Tausende andere Bürger stand er an einem traurigen Januarmorgen 1996 verzweifelt vor dem brennenden Theater, um dann die historischen Worte auszurufen, das Fenice werde „Wo es war, wie es war!“ wiederauferstehen. Die endlosen Mühen des Wiederaufbaus, die erst sein Nachfolger-Vorgänger, der linke Pragmatiker und Techniker Paolo Costa 2003/04 vollenden konnte, bewiesen bald, dass der Schwung von Cacciaris linksliberaler Bürgerliste zu erlahmen begann; Apparatschiks übernahmen die Macht. Gegen die überwältigende, auch bei den Wahlen vom Sonntag abermals bestätigte Übermacht der konservativsten Provinz Italiens, deren Hauptstadt das linke Venedig paradoxerweise ist, kam Cacciari dauerhaft nicht an.

So stand seine zweite Amtszeit, die er sich im Bruch mit den eigenen Genossen dank entscheidender Stimmen aus dem konservativen Lager erstritten hatte, im Zeichen einer langen Agonie. Der einzige nennenswerte Sieg Cacciaris bestand im Verbannen der Taubenfutterverkäufer vom Markusplatz - eine Maßnahme, welche die unangenehmen Vögel und deren giftige Exkremente sogleich um drei Viertel reduzierte. Bei dergleichen Projektchen erwachte im hageren, in sich gekehrten Denker noch einmal der politische Visionär: Er stürzte sich mit dem Ausruf „Basta, ihr Idioten“ auf ausländische Touristen, die trotz Verbotes weiter Mais an die Tauben ausgaben. Oder der ebenso todesmutige wie patriotische Bürgermeister zettelte nach einer umstrittenen Regatta eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einem hünenhaften Gondoliere an, der in seiner Wut den venezianischen Wimpel in den Canal Grande geworfen hatte.

Seine Politik begann pathetisch und endete trist

Die wahren Schlachten um die Zukunft Venedigs konnte Cacciari aber nicht mehr gewinnen. Seit dem Jahr 2000 entvölkert eine verheerende Gesetzesklausel zugunsten privater Beherbergung mit Hunderten neuer Hotels, Bed-and-breakfast-Betrieben sowie Zweitwohnungen die ohnehin schon aus demographischen Gründen ausgedünnte Altstadt. Das war eine Maßnahme zugunsten der Eigentümer, die dem linken Stadtregiment anzukreiden ist. Auch im Tauziehen mit Berlusconi und der rechten Region um den gigantischen Mose-Deich zog Cacciari den Kürzeren. Für ihn und seine Stadt dürfte es keine Genugtuung sein, dass er mit seinem Widerstand gegen das Milliardenprojekt momentan recht zu behalten scheint: Da in der Wirtschaftskrise die Gelder für den Weiterbau gesperrt bleiben, litt Venedig diesen Winter unter schnellerem und hartnäckigerem Acqua alta denn je. Das Phänomen dürfte auf die Ausbaggerungen für den Deich zurückzuführen sein, dessen Fertigstellung nun in den Sternen steht.

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