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Venedig Keine Kunst vor San Marco

15.06.2005 ·  Die Behörden in Venedig haben eine Installation des deutschen Künstlers Gregor Schneider verboten, die an die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, erinnert. Die Entscheidung wird kritisiert - ist aber richtig.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Leicht ist es, sich für die einzigartige Kulisse von Venedig Raumkonzepte auszudenken. Eine Kaaba auf dem Markusplatz - was für eine suggestive Idee!

Der deutsche Künstler Gregor Schneider mag bei einem von den Behörden verweigerten Kubus in der verkleinerten Form des Heiligtums viel über west-östliche Geometrie, über Kulturkontakte und über ein würdiges Zitat islamischer Symbolik nachgedacht haben (siehe auch: Gregor Schneider über sein verbotenes Kunstwerk). Welche Implikationen dieses Projekt im städtischen Alltag haben würde, hat er dabei offenbar nicht im Blick gehabt.

Zwar baute auch der italienische Videokünstler Fabrizio Plessi vor drei Jahren eine Videowand, auf der seine üblichen Feuer- und Wasser-Bilder dem Markusdom gegenüber in Endlosschleife abspulten. Doch Plessi ist Venezianer, nutzte seine ausgezeichneten Kontakte und hielt sich dabei an die bestehenden Fassaden. Für Großskulpturen jedoch, die auch noch die Sicht auf dem „schönsten Salon der Welt“ - so Napoleon über den Markusplatz - versperren, gibt es aus guten Gründen traditionell keine Genehmigung.

Rein formeller Standpunkt

Für Freunde spektakulärer Kunst, die auch Christos Verpackungsprojekte bewundern, mag dieser rein formelle Standpunkt der städtischen Bürokratie starr oder gar feige wirken, doch sollte man sich umgekehrt klarmachen, daß diese Stadt, die alle zwei Jahre Dutzende von Palästen und öffentlichen Räumen für die Biennale bereitstellt, auch in einem Ausstellungssommer nicht nur aus Kunstprojekten besteht.

Hier leben und arbeiten auch Menschen, die dann anders als die Medienöffentlichkeit monatelang mit den Kunstwerken auskommen müssen - etwa mit den unsinnigen Sitzpfählen Christoph Schlingensiefs, die nach der Abreise des medienwirksamen Künstlers und der Kameras lange verwaist herumstanden. Darum ist es das gute Recht der Venezianer und ihrer Obrigkeit, gerade die Nutzung ihres hochsymbolischen Markusplatzes an strenge Auflagen zu binden.

Nur selten Freiluftkonzerte

Beispielsweise finden nur höchst selten Freiluftkonzerte auf der Piazza statt, und deren Bestuhlung wird noch in der Nacht wieder abgebaut. Ein Riesenwürfel, der zudem den im Sommer heiklen Fußgängerverkehr der oft hunderttausend täglich Durchreisenden, Schlangestehenden behinderte, ist dem Markusplatz also schon aus ganz formellen Gründen nicht zuzumuten. Auch Harmloseres, etwa eine riesige Mickymaus, wäre an diesem Ort nie und nimmer genehmigt worden.

Der Sicherheitsaspekt, der sich aus der bequemen Ferne wohlfeil kleinreden läßt, macht den Kaaba-Nachbau zusätzlich unmöglich. Wer von den Flaneuren erlebt tagtäglich die Mühen der Sicherheitskräfte, den schwer zu sichernden Markusdom im Auge zu behalten? Meist stehen nur einige Carabinieri lässig vor der Kirche, manchmal nicht einmal die, nur drinnen werden lax die Taschen kontrolliert.

Besonders gefährdeter Ort

Aber in Tagen und Nächten nach Terrorwarnungen wird die Kirchenfront regelmäßig rund um die Uhr von einer Polizeikette abgeriegelt; denn San Marco gilt nach ernst zu nehmenden Hinweisen als besonders gefährdeter Ort im Fadenkreuz islamistischer Terroristen. Welcher Tourist bekommt schon mit, daß regelmäßig Taucher - etwa beim Getto - die Kanäle absuchen, daß die Einflugschneise des Flughafens seit dem 11. September 2001 von einem Raketengeschütz gesichert wird, daß die Kreuzfahrtschiffe seit neuestem detaillierten Videokontrollen unterliegen?

Im fragilen Venedig, das für jährlich zwölf Millionen Touristen offensteht und damit nur von Las Vegas und, notabene, Mekka übertroffen wird, läßt sich auch ohne provokante Kunst weder die Sicherheit der Touristen und Bewohner noch die der unschätzbaren Kunstwerke komplett garantieren. Solche Besorgnisse sind mit der - angesichts der byzantinischen Wurzeln von San Marco fraglichen - Idee, am Markusplatz stießen islamische und europäische Stilrichtungen aufeinander, nicht leichtfertig wegzuwischen.

Spiel mit dem Feuer

Und auch der Hinweis, provokante Kunst habe doch seit Jahren christliche Symbole ironisiert oder profaniert, spielt mit dem Feuer. Im Unterschied zu frommen Christen, die sich in der Regel gewaltlos ärgern, greifen muslimische Eiferer nämlich mehr und mehr zu Waffen, haben in Madrid massenhaft gemordet und versucht, den Straßburger Weihnachtsmarkt samt der Kathedrale in die Luft zu sprengen.

Da ist es kein Zeichen von Feigheit, sondern von besonderem Verantwortungsbewußtsein, wenn die Venezianer sich und ihre Stadt nicht als Stellvertreter einer schnell weiterreisenden Kunstelite den Terroristen als Zielscheibe darbieten wollen. Zudem hat Gregor Schneider bei seinem dunklen Kubus die Rechnung ohne die eigentlichen Bewohner des Platzes gemacht. Schon nach ein paar Wochen wäre seine Kaaba ohnehin nicht mehr schwarz gewesen, sondern komplett weiß - vom Taubendreck.

Quelle: F.A.Z., 16.06.2005, Nr. 137 / Seite 33
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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