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Tellkamp-Debatte : Ist die Mauer wieder da?

Angriff sofort: Uwe Tellkamp am Donnerstagabend in Dresden Bild: Jürgen Lösel für „Sächsische Zeitung“

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp rührt an viele wunde Punkte. Erstaunlich sind nicht seine Verzeichnungen, sondern die Lust daran, das Konservative als Beweggrund einer neuen deutschen Teilung zu beschwören.

          Was verspielen wir gerade? Wir sprechen über eine Ostdeutschenquote, damit sich bei der Kabinettsbildung zukünftig auch ostdeutsche Wähler repräsentiert sehen und sich „die Kluft zwischen Volk und Politik“ nicht weiter vergrößere, wie Johannes Staemmler, Mitbegründer des ostdeutschen Netzwerks „Dritte Generation Ost“, warnend zu Protokoll gibt. Wir sprechen über ansteigenden Antisemitismus in ostdeutschen Bundesländern und ostdeutsche Polizisten, die angeblich „antisemitische Parolen mitunter gar nicht als solche erkennen“, so Gideon Botsch, der Rechtsextremismus-Experte des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien. Wir sprechen über das Bundesland Sachsen als „Schandfleck“ („Hamburger Morgenpost“) und „Trauerspiel“ („Stern“). Und wir sprechen über „Mainstreammedien“, in denen westdeutsche Kommentatoren, die ihr Leben lang nie auf der Straße für Demokratie gekämpft hätten, den Ostdeutschen jetzt pauschal ihre „Demokratiefähigkeit absprechen“ würden.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist jedenfalls die Meinung von Uwe Tellkamp, der bei einer Podiumsdiskussion im Dresdner Kulturpalast für einen Schriftsteller überraschend bruchlos tagespolitisch Stellung bezogen und sich auf die Seite der „wütenden“ und „herabgewürdigten“ Ostdeutschen gestellt hat. Das Erstaunliche an seinen Äußerungen ist nicht ihr programmatischer Gehalt, seine verfassungsrechtlichen Zweifel an der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel, sein Leiden an einer politisch korrekten Sprachregelung oder die Furcht vor den Konsequenzen der kontinuierlichen Zuwanderung für die deutschen Sozialsysteme. Das wurde so und noch schärfer auch andernorts, übrigens auch von Anfang an schon in den von ihm denunzierten publizistischen „Mainstreammedien“ geäußert.

          Nein, das eigentlich Verwunderliche ist etwas anderes: Es besteht in der mentalitätsgeschichtlich einschneidenden Tatsache, dass knapp dreißig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer die patriotische Rede eines konservativen Autors damit auskommt, von Deutschland zu reden ohne sich positiv auf das ganze Land und die geglückte Wiedervereinigung zu beziehen. Dass er im Gegenteil sogar einen gewissen Stolz aus der Segregation, dem Verachtet-Sein zieht, sein Patriotismus sich ganz selbstverständlich rein lokal und nicht national versteht. Das Ostdeutsche bekommt hier einen für jüngere Generationen fremdländisch klingenden Namen, wird wieder zur entscheidenden Identitätskategorie. Das Ost-Gefühl erhebt dabei implizit den Anspruch, das eigentlich Deutsche zu verkörpern. Während im Westen nur das Neue siegt, wird im Osten das Alte verteidigt. Tellkamp, der als einzige Parteien des Protests die „Linke“ und die „AfD“ gelten lässt, zieht mit seinen Äußerungen wieder eine innerdeutsche Gemütsgrenze hoch und wird im Publikumsgespräch darin von Götz Kubitschek – einem durch westdeutsche „Mainstreammedien“ bekannt gewordenen rechten Verleger – unterstützt, der sogar fordert, den „Riss“ noch größer zu machen.

          Stritten über Meinungsfreiheit: Schriftsteller Uwe Tellkamp (links) und Dichter Durs Grünbein bei der Diskussionsveranstaltung „Streitbar!“ mit Moderatorin Karin Großmann, Chefreporterin der Sächsischen Zeitung, im Kulturpalast.

          War nicht eben noch gerade der positive Bezug auf das wiedervereinigte Deutschland der Ausweis eines geistigen deutschen Konservativismus? Galt nicht als rechts, wer die Einheit der Nation gegen Skeptiker wie Oskar Lafontaine verteidigte? Ist das der Patriotismus von heute – von „Rissen“ zu schwärmen und sich über die Meinungsherrschaft in westdeutschen Medien zu beschweren? Ist dafür vor neunundzwanzig Jahren die Mauer gefallen, wurde dafür das symbolische Risiko eingegangen, den Bundestag nach Berlin zu verlegen, dass wir jetzt wieder von „Ostdeutschland“ sprechen als wäre nichts weiter dabei, als gäbe es nicht eine gemeinsame Zukunft? Wollen wir wirklich, dass Politiker aus Ostdeutschland so bewertet werden wie beispielsweise Politiker aus Schottland oder Irland im englischen Parlament? Als irgendwie dazugehörige, aber doch sezessionistische Repräsentanten eines widerständigen Eigenwillens? Wollen wir wirklich annehmen, dass Polizisten, nur weil sie aus Sachsen kommen, antisemitische Parolen anders verstehen könnten als jene, die in Stuttgart großgeworden sind? Und dass etwaige „Trauerspiele“ egal ob in Freital oder Köln keine gesamtdeutschen Angelegenheiten sind?

          Der politische Trend geht im Moment überall zum Überschaubaren, Abgeschotteten, Kleinen. Aber kleiner als im Maßstab der Nation sollte man zumindest als konservativer Deutscher doch nicht mehr denken. Bei allem Ärger und Frust darüber, dass es bis heute kein einziges Dax-Unternehmen im Osten gibt, Währungsunion, Übernahme des Parteiensystems und „Agenda 2010“ hier gravierendere Folgen für die Lebenswelt des Einzelnen hatten als im ehemaligen Westen. Bei allen Erfahrungsunterschieden mit Migration, ethnischer Pluralität und staatlicher Überwachung – das Wort „ehemals“ bei der Apostrophierung von Ost- und Westdeutschland sollte man nicht leichtfertig streichen. Diese Sprachregelung hat – im Unterschied zu vielen anderen – ihren tieferen, historisch bedeutenden Sinn. Für jüngere Generationen sind Ost und West zu rein geographischen Richtungsangaben geworden. Nicht nur sie müssen es als Rückfall in tatsächlich dunkle Zeiten erleben, wenn beide jetzt von unterschiedlichen Seiten wieder zu mentalen Identitätskategorien hochgeschrieben und rhetorisch hervorgehoben werden.

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