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Veröffentlicht: 27.10.2016, 10:58 Uhr

Amerikanisches Modewort Auf die Stamina kommt es an

Ein Begriff macht dank Trump Karriere: „Stamina“ bedeutet Stehvermögen. In Amerika ist das Wort der Renner, in Deutschland kaum. Es könnte den Präsidentschaftswahlkampf entscheiden – und noch mehr.

von Christian Metz, Ithaca
© AP Hillary Clinton und Donald Trump bei der dritten Präsidentschaftsdebatte in Las Vegas

In Amerika kann es einem derzeit passieren, dass man in einem Café sitzt und sich am Nachbartisch die Trump-Clinton-Debatte noch einmal in Kurzform abspielt. Da sitzen zwei junge Frauen gut gelaunt beieinander. Als die eine der anderen ein Stück Kuchen vom Teller stibitzt, zischelt diese, sich leicht nach vorne beugend, ganz wie Donald Trump: „Such a nasty woman.“ Die Kuchendiebin verzieht daraufhin die Lippen zum Donald-Schmollmund und kontert mit einem genüsslich in die Luft geküssten „wrong!“, dann knufft sie ihrem Gegenüber in den Oberarm und stellt anerkennend fest: „tremendous stamina.“ Worauf die Erste kontert: „You don’t have the stamina.“

So geht das gerade immerzu und überall. „Stamina“ ist zum Schlüsselbegriff im amerikanischen Wahlkampf geworden. Das Wort bedeutet so viel wie Ausdauer oder Durchhaltevermögen, bezieht sich dabei aber zuvorderst auf die körperliche Konstitution einer Person, die notwendig ist, um einer Aufgabe gewachsen zu sein oder nicht. Im Amerikanischen ist das Wort zwar geläufig, kommt jedoch nicht so häufig vor, dass man bei seinem Gebrauch im Politischen nicht aufmerken würde. Eigentlich wird es meist im Sport verwendet, als eine Art Komplementärbegriff zu „mentaler Stärke“.

Du kannst körperlich top vorbereitet, aber mental einfach nicht zum Sieg bereit sein oder umgekehrt. Gelegentlich fällt es auch im Sexualdiskurs, hat dann eine männliche Konnotation und wie so oft in der Rhetorik der Anzüglichkeiten eine komische Note. Im Deutschen würde man in diesem Fall wahrscheinlich von männlichem Stehvermögen reden oder das Thema gleich zu den Bienchen und Blümchen wechseln lassen.

Steigerung in eine Stamina-Eloge

Was insofern passt, als Stamina bei Botanikern wie Carl von Linné jene aufrecht stehenden Staubblätter bezeichnen, die als die männlichen Geschlechtsorgane der Blüte gelten. Mit der Präsidentschaftswahl hatte das alles so lange nichts zu tun, bis Donald Trump im zweiten Fernsehduell seiner demokratischen Gegenkandidatin vorwarf, Hillary Clinton fehle es schlicht an „stamina“, um den Job der Präsidentin auszuüben: „She doesn’t have the stamina. I said she doesn’t have the stamina. And I don’t believe she does have the stamina.“

In diesem Wiederholungsfuror, der sich auch durch selbstverordnete Pausen nicht aufhalten ließ, redete Trump sich regelrecht in eine Stamina-Eloge hinein. Prompt brachte es besagtes „lack of stamina“, Clintons so diagnostiziertes mangelndes Stehvermögen also, auf die Titelseiten sämtlicher Tageszeitungen von „Washington Post“ bis „New York Times“. Seither ist der Begriff zum rhetorischen Scharnier avanciert, das drei Felder des Wahlkampfdisputs miteinander verknüpft.

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Erstens zielte Trump mit seiner Bemerkung im zweiten Fernsehduell auf Clintons Abbruch einer Rede. Ausgerechnet bei der Gedenkfeier zum Jahrestag des 11.September musste Clinton aus gesundheitlichen Gründen passen. Sie litt, wie später bekanntwurde, an einer Lungenentzündung. Trump brachte die Wunde, die der Anschlag auf das World Trade Center in der amerikanischen Gesellschaft gerissen hatte, mit Clintons vermeintlich körperlicher Verletzlichkeit zusammen: Amerika könne sich eine Präsidentin nicht leisten, die womöglich nicht handlungsunfähig wäre, wenn es darauf ankäme. Das „lack of stamina“ deutete er zur Sicherheitslücke um. Als kurz darauf die Ausschnitte aus Trumps Gespräch mit Billy Bush öffentlich wurden, bekam der Begriff noch einmal eine andere Tragweite. Da wurde er zum rhetorischen Beispiel, wie Trump über den weiblichen Körper spricht, und zwar den seiner Gegenkandidatin. Die Frage, die sich jetzt stellte, lautete: Ist fehlendes Durchhaltevermögen nicht genau das, auf das Trump mit seinen im Gespräch mit Bush ausgestellten Übergriffen auf Frauen abzielte? Muss jemand, der von sich behauptet, Frauen bei ihrem Geschlechtsteil anzufassen, mit der Bemerkung: „Wenn du ein Star bist, lassen sie das zu“, nicht mangelndes Stehvermögen voraussetzen? Die Stamina-Lücke wurde zur Chiffre für Trumps Frauenbild.

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