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Amerikanische Debatte : Sind die Liberalen schuld?

Donald Trumps Hauptquartier in New York Bild: AFP

Hat der Multikulturalismus erst den Sieg der Xenophoben hervorgebracht? Ist es elitär, sich für gleiche Rechte einzusetzen? Amerika streitet.

          Der Pazifismus der dreißiger Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht: Mit dieser These sorgte Heiner Geißler 1983 in einer Bundestagsdebatte zur Atomrüstung für einen Eklat. Geißler erläuterte später, er habe sich auf die Appeasement-Politik bezogen. Tatsächlich wurde das Bemühen der westeuropäischen Regierungen, einen Konflikt mit Hitler-Deutschland zu vermeiden, von einer Kriegsmüdigkeit getragen, die zum Erstarken pazifistischer Strömungen geführt hatte. Aber die Staatsmänner in London und Paris waren keine Pazifisten, sondern Realpolitiker alter Schule. Unter allen Faktoren der Ermöglichung des Zweiten Weltkriegs und des im Schutz dieses Kriegs ins Werk gesetzten Menschheitsverbrechens ausgerechnet den Pazifismus als angeblich notwendige Bedingung des Unheils zu isolieren war ein Exzess intellektueller Willkür. Mit seinen im Bundestagsplenum an Joschka Fischer adressierten Bemerkungen zur zeithistorischen Kausalität verfolgte Geißler die Absicht, die Pazifisten unter den Kritikern der Regierung Kohl verächtlich zu machen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In den Vereinigten Staaten ist ein Mann zum Präsidenten gewählt worden, dessen Siegeszug Erinnerungen an den europäischen Faschismus weckt. Donald Trumps Programm ist die nationalistische Regeneration. Die gegebene politische Ordnung stellte er als korruptes System hin. Seine Anhänger hat er in Massenkundgebungen an sich gefesselt, und wenn seine Berater wegen schlechter Umfragezahlen verzweifelten, soll er auf den Massenzuspruch als Verbürgung des sicheren Sieges verwiesen haben. Der Kandidat erregte sein Publikum mit Gewaltphantasien, Versprechen von Mauerbau, Folter und Bombenkampagnen. Mit seinem persönlichen Verhalten beglaubigte er diese Ankündigungen. Seine Gesten und Sprüche waren Akte symbolischer Gewalt: wenn er einen behinderten Journalisten nachäffte oder die Andeutung machte, im Fall des Wahlsiegs seiner Gegnerin hätten die Anhänger des Rechts auf unbeschränkte Selbstbewaffnung etwas zu tun.

          Frauen sind keine Minderheit

          Gerade mit dem Unwillen, seine Aggressionen zu sublimieren, scheint Trump Zustimmung erzeugt zu haben. Dieser Bruch mit allen Regeln der Politik macht seinen Triumph zu einem Schock. Der Barbar ist nun innerhalb der Stadtmauern. Wie reagieren die Hüter der politischen Kultur auf den Einzug des starken Manns? Wie erklären sie die böse Überraschung des Wahlabends? Unter den Meinungsmachern, die Überlegungen im Namen der Besiegten anstellen, geht eine Variante von Geißlers Auschwitz-These um. Was hat den Sieg der Xenophobie des republikanischen Bewerbers erst möglich gemacht? Der Pakt der Demokraten mit dem Multikulturalismus. Das verkündete Mark Lilla, Ideenhistoriker an der Columbia-Universität in New York, in einem Artikel in der „New York Times“ mit der Überschrift „The End of Identity Liberalism“.

          Geißler hielt Fischer vor, dass sich die Friedensbewegung in der „gesinnungsethischen Begründung“ ihrer Ablehnung der Nato-Nachrüstung nur wenig vom Pazifismus der Zwischenkriegszeit unterscheide, und wollte damit dem „Kapitel der Verwirrung der Begriffe und der Geister“ im Buch der geschehenden Geschichte ein klärendes Wort einfügen. So bekommt die Partei Hillary Clintons jetzt von Lilla zu hören, ihr sei ihre Gesinnungspolitik zum Verhängnis geworden. Der amerikanische Liberalismus habe sich in Fragen der „rassischen, geschlechtlichen und sexuellen Identität“ von einer „moralischen Panik“ ergreifen lassen. Ein hypertropher guter Wille hat im Schema von Lillas politischer Reiz-Reaktions-Pädagogik sein Gegenteil hervorgebracht, das Monster namens Trump. Die Sentimentalität hat demnach die Brutalität erst möglich gemacht, die Programmatik der Inklusion von Diskriminierten die Begeisterung für das Programm der Ausweisung von Einwanderern ohne Aufenthaltstitel.

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