Bitte atmen Sie tief durch, entspannen Sie sich, und regen Sie sich bitte nicht zu sehr auf. Und seien Sie ganz stark. Denn es geht ums Urheberrecht. Nachdem dazu eigentlich alles Mögliche gesagt und getan war, sind nun auch alle unmöglichen Positionen langsam besetzt. Schon allein die Begriffe! „Raubkopierer“ hat sich die eine Seite ausgedacht, ein Begriff, der nach Blut an den Fäusten klingt, aber eigentlich von der Schwere der Tat noch am ehesten vergleichbar ist mit Sich-ins-Kino-Schleichen, ohne zu bezahlen - allerdings ohne dabei einem zahlenden Gast den Platz wegzunehmen.
Die Strafe: Internetverbot. Was für manchen sicherlich milde klingt, ist für die Generation Internet wie ein virtuelles Gefängnis: gefangen im real life. Denn das Internet ist für sehr viele Menschen schon lange Informationsquelle, Kommunikationsmittel, Lernmedium, Arbeitsplatz, Unterhaltungsmedium und vieles mehr. Stellen Sie sich vor, Sie dürften nicht mehr telefonieren, nicht mehr fernsehen, keine Zeitung mehr lesen, keine Briefe mehr schreiben, kein Lexikon mehr aufschlagen, nicht an Ihr eigenes Bücherregal gehen, an Ihre Musik- und Filmsammlung natürlich auch nicht. Sie könnten nicht mehr mit Freunden reden, keine Partyeinladungen mehr erhalten, keinen Urlaub buchen, und arbeiten könnten Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr. Ein Internetverbot würde all dies nach sich ziehen, und das für dreimal an der Kinokasse vorbeischleichen.
Es ist in Mode, sich an der Kasse vorbeizuschleichen
Nun muss man allerdings auch zugeben, dass es in den letzten Jahren sehr in Mode gekommen ist, sich an der Kasse vorbeizuschleichen. Es gibt Ratgeber, die einem Tipps geben, wie man sich auch bei gut gesicherten Kinos an der Kasse vorbeischleicht. Die Chance, dabei erwischt zu werden, ist extrem gering, und die Kinobesitzer klagen seit Jahren über zurückgehende Ticketverkäufe bei gleichbleibenden Besucherzahlen.
Die Gegenseite ist kaum weniger zimperlich. Personen, die vom Verkauf virtueller Kulturgüter leben und sich gegen deren unlizensierte Nutzung wehren, werden als „Content-Mafia“ beschimpft. Forderungen, deren Umsetzung die klassischen Geschäftsmodelle der Inhalte gänzlich zum Kollabieren brächten, sind an der Tagesordnung, ihre Umsetzung wird als alternativlos dargestellt. Statt Verständnis für die Ängste der Betroffenen gibt es nur Hass und Spott.
Die Fronten könnten also kaum verhärteter sein, eine Lösung ist nicht in Sicht. Die eigentliche Frage gerät dabei höchstens versehentlich mal ins Blickfeld: Wie wollen wir für die Produktion unserer Kulturgüter bezahlen? Denn irgendjemand muss immer für deren Produktion aufkommen, und sei es, dass Hobbyisten selbst dafür aufkommen - dieser wird durch seine Arbeit zumeist finanziell ärmer und nicht reicher.
Geduld ist im Netz nicht gut ausgeprägt
Crowdfunding („Schwarmfinanzierung“) scheint ein recht vielversprechendes Modell zu sein. Die Umsätze von Plattformen wie „Kickstarter“ explodieren geradezu. Videopodcasts, Armbanduhren mit Smartphoneanbindung, Dokumentationen oder Computerspiele - die Liste der von vielen kleinen Vorauszahlungen finanzierten Projekte ist lang und beeindruckend. Allerdings hat das Prinzip auch einige Nachteile, zu viele, als dass es den klassischen Verkauf eines fertigen Produkts ersetzen könnte. So muss der Sponsor eines Projekts sehr viel Zeit mitbringen, da zwischen Bezahlung und Fertigstellung naturgemäß eine sehr lange Zeit vergeht. Und Geduld ist eine im Echtzeitnetz bekanntermaßen nicht mehr sonderlich gut ausgeprägte Fähigkeit. Auch wird es sicher Projekte geben, die für die Sponsoren zur Enttäuschung werden. Sei es, weil das fertige Produkt nicht hält, was das Werbevideo versprochen hat. Oder weil sich ein Projekt als Totalausfall erweist: Das Geld ist futsch, aber kein fertiges Produkt ist in Sicht.
Eine sicherlich deutlich wichtigere Rolle wird die irgendeine Form von Kulturflatrate spielen. Jeder zahlt auf ein Konto ein, von dem Kulturprodukte nach irgendeinem Schlüssel finanziert werden, eine Art Internet-Gema. Damit tut der einzelne, nichtlizensierte Musikdownload nicht mehr so sehr weh. Aber auch mit einer Kulturflatrate können wir uns nicht vor einer Neuregelung des Urheberrechts drücken, weil sie nicht jedes geistige Werk finanzieren kann. Nehmen wir zum Beispiel eine Software für die Auftragsverwaltung im kleinen und mittelständischen Baugewerbe - wollen wir so etwas über eine Kultur-Pauschalabgabe finanzieren? Oder brauchen wir für solche Produkte nicht doch ein anderes Modell, das sich stärker am klassischen Verkauf orientiert?
Rock`n`Roll ist nicht mehr der Star
Und was ist mit kollaborativer Arbeit an Open-Source-Projekten wie Linux, Wikipedia oder OpenStreetMaps? Welche Gesetze brauchen wir, damit solche Arbeit gefördert und nicht behindert wird, so dass sie für die Beteiligten lohnend sein kann, auch wenn sie nicht mit Geld bezahlt wird? Wie stellen wir sicher, dass deren Arbeit nicht gegen ihren Willen verkauft wird, statt verschenkt zu werden?
Aber es geht noch um viel mehr als Geld. Wenn Sven Regener sich über mangelnden Respekt beschwert, dann meint er eben auch genau diesen: Respekt. Rock’n’Roll ist nicht mehr der Star. Instagram, der von Facebook geschluckte Retrofotodienst fürs Smartphone, hat vermutlich mehr Fans als alle deutschen Bands zusammen. Einladungen zu Beta-Versionen noch nicht fertiger Software werden gehandelt wie Zugänge zu VIP-Parties. In Berlin und rund um die Welt finden vielbesuchte „Rails Girls“-Treffen statt, Crashkurse, die sich speziell an Frauen wenden, um gemeinsam Softwareentwicklung zu lernen. Programmieren ist Freiheit und Abenteuer und Emanzipation und sein eigenes Ding machen. Mark Zuckerberg ist ein Star, nicht trotz, sondern gerade wegen seines eher peinlichen Jungengrinsens.
Wir kommen um die Diskussion nicht herum
Die Zeiten ändern sich, und wenn sich nicht mehr ganz junge Rockstars beschweren, weil sie die Jugend nicht mehr verstehen, dann wissen wir doch immerhin, dass die Welt nicht stehengeblieben ist. Die Diskussion ums Urheberrecht ist die Diskussion darüber, wie und wovon ein immer größer werdender Teil unserer Gesellschaft in Zukunft leben soll. Wie wollen wir mit denen umgehen, die unsere Meinungen erdenken, unsere Melodien erfinden, unsere Spiele gestalten, unser Web bauen, unsere Bilder malen? Und als ob das nicht kompliziert genug wäre, schwingt auch in dieser Diskussion mal wieder der immer noch nicht ausgetragene Konflikt mit, ob wir als Gesellschaft das Netz weiterhin behandeln wollen wie ein hochgefährliches Gerät oder uns endlich dazu durchringen können, es als zentralen Lebensraum zu betrachten, den ein moderner Mensch zum Leben braucht wie ein Fisch das Wasser.
Wir werden um die Diskussion nicht herumkommen. Wir müssen sie führen. Wenn wir es nicht tun, dann tun es andere für uns. Aber irgendwann, wenn sich alle heiser genug gebrüllt haben, werden wir bestimmt einen Kompromiss finden, den alle Beteiligten mit gleicher Inbrunst hassen können. Solange, bis sie wieder von neuem aufbricht.
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