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Zum Google-Urteil : Algorithmische und kommerzielle Diktatur feiern Hochzeit

  • -Aktualisiert am

Google wird zum Monopolisten

Über die nationalen Grenzen hinweg operierende Firmen wie Google profitieren nun aber schon seit längerem ganz entscheidend von der erbärmlichen Energielosigkeit der hiesigen Justizministerien, die in Handelszusammenhängen nicht kraftvoll genug die europäischen Gesichtspunkte und Traditionen in Fragen des Urheberrechts vertreten. Eine dem Stand der Technik entsprechende Novellierung der Berner Konvention und eine sie vorbereitende internationale Konferenz sind überfällig, und man fragt sich, wie viele Kinder noch in den Brunnen fallen müssen, bevor die klare, unzweideutige Intention, darum zu kämpfen, aus Berlin und Paris endlich sichtbar wird. Vorauseilende Untätigkeit ist, auch hier, keine politische Tugend.

Nicht nur die Weigerung, sich die internationalen Folgen vor Augen zu führen, ist es aber, die an Richter Chins Urteil provozierend ist. De facto räumt er einer privaten Firma (deren Größe längst Frevel ist und nach Zerschlagung schreit) ein Monopol auf das Einscannen aller Buchbestände ein. Denn mögen auch auf der Oberfläche nur diese mit dem Kosewort „snippet“ versehenen Textfetzen erscheinen - in der Tiefenstruktur der Datenbanken sind die Bücher gleichwohl ohne Erlaubnis der Urheber und Verleger allesamt abgelegt. Die in deutschen Büchern typographisch eingravierte Impressumsredewendung „Alle Rechte vorbehalten“ wirkt vor diesem Untergrund nur noch putzig.

Autoren geraten in Abhängigkeit

Die Firma kann mit den seinen Servern einverleibten Büchern sehr wohl Geld verdienen („fair use“ für die amerikanische Volkswirtschaft!) - und das ohne jede Gewinnbeteiligung von Autoren oder Verlagen. Und sie wird damit viel Geld machen. Bücher einscannen ist lukrativ, weil man damit bequem an sehr viele Eigennamen herankommt, die im Gegenzug viele Treffer über die Suchmaschinenoberfläche des Quasi-Werbemonopolisten ermöglichen. Das erhöht die Attraktivität für jedermann, seine Recherchen über Google vorzunehmen, und das wiederum erhöht den Profit der Firma und so weiter. Damit aber wird der Googlesche Suchschlitz, den von Amazon ablösend, zum Nadelöhr für den weltweiten Buchmarkt - mit allen Folgen, die das dann hat.

Die politisch brisanteste ist eine nahezu vollständige Abhängigkeit der Verlage und Autoren von der Listung in dieser Suchmaschine. Wer dort nicht oder nicht an der richtigen Stelle (weit oben) gelistet ist, hat einfach Pech oder vielleicht auch nur nicht genug Geld gehabt. Und damit gewinnt Google in den Abgründen seines opaken Rankings als Rechercheinstrument eine Macht über den Buchmarkt, die „nicht wünschenswert“, „problematisch“ oder „fragwürdig“ zu nennen der blanke Euphemismus wäre. Hat man sich dem Gedanken kultureller Vielfalt und freier Produktion verschrieben, ist sie schlicht nicht hinnehmbar.

Selbstzensur droht

Kann dieser Wahnsinn, den zu befördern sich viele immer noch durch ihre tägliche Suchpraxis nicht zu schade sind, nicht gestoppt werden, dann bricht nach der Ära des zielgerichtet-blinden, alles einverleibenden Sammelns endgültig das Zeitalter der globalen Lenkung des Intellekts an, die Hochzeit von algorithmischer und kommerzieller Diktatur in der Abrichtung der Köpfe. Wie sähe nämlich eine monopolistische Suchmaschine aus, die nicht gegen „amerikanische Sicherheitsinteressen“ verstieße? Natürlich würden anstößige Textpassagen erst gar nicht mehr aufscheinen. Zensur und Selbstzensur würden allgemein werden.

Wer Beispiele braucht, schaue nur auf Facebook. Enthauptungen können gezeigt werden, nackte Brüste nicht. Kulturelle, schöpferische Produktion wird zu Unterwerfungsgesten gezwungen werden, die ihre Hervorbringungen bereits entwertet haben werden, wenn diese das Licht der Welt erblicken. Das ist dann das Ende nicht nur der europäischen Buchlandschaft, sondern wahrscheinlich von intellektueller Dissidenz überhaupt.

Das zu verhindern, ist nicht nur die Politik aufgefordert. Der erste Schritt beginnt bei einem selbst. Wer in diesen Suchschlitz sein mentales Kapital einwirft, hat sein Einverständnis mit der Entwicklung des Ganzen schon gegeben. Er kooperiert. Verantwortungsvolles Handeln im Zusammenhang kultureller Prozesse sieht anders aus.

Quelle: F.A.Z.

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