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Veröffentlicht: 01.03.2016, 15:24 Uhr

Urheberrecht Als wären Autoren und Verleger Gegner

Die Urheberrechtsnovelle soll die Autoren stärken – doch das ist ein Trugschluss. Im belletristischen Buchgeschäft schadet sie allen Beteiligten. Es droht die Entsolidarisierung von Autoren und Verlegern. Ein Gastbeitrag.

von Andreas Rötzer
© dpa Vom Schreibtisch des Schriftstellers – hier der Arbeitsplatz von Astrid Lindgren – bis zum Buchhandel ist es für ein Manuskript ein weiter Weg.

Unterhält man sich in diesen Tagen mit Verlegern aus dem Ausland, kommt irgendwann auch das Thema Urheberrecht zur Sprache. Der derzeit diskutierte Versuch einer Reform des Urheberrechts, in dessen Mittelpunkt ein unveräußerliches Rückrufrecht fünf Jahre nach Manuskriptabgabe besteht, stößt bei den ausländischen Kollegen in Literaturverlagen auf Unverständnis: Wie könne man auf dieser Basis in Zukunft zusammenarbeiten?

Wie bisher, sage ich als Verleger („Verwerter“), der mit seinen Autoren über Jahre zusammenarbeitet, bei jedem neuen Manuskript mit den Autoren bangt und mit den Kollegen von Presse und Lizenzen alles unternimmt, den Büchern im Inland und Ausland Aufmerksamkeit zu verschaffen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Genauso kann man auf die Frage, wie man dann noch zusammenarbeiten soll, auch antworten: gar nicht. Denn diese neuen Bedingungen unterminieren in gewissen Konstellationen Arbeit und Vertrauen.

Das Gutgemeinte erzeugt das Schlechte erst

Übersetzungen wären dann nur noch für die Bücher zu kalkulieren, von denen man weiß, dass sie es sehr schnell auf die Bestsellerlisten schaffen werden. Verkäufe von Büchern ins Ausland, die Jahre brauchen, um sich zu entwickeln – und dazu zählen fast ausnahmslos alle, die unseren Bildungskanon ausmachen –, wären de facto verunmöglicht. Wenn man bedenkt, dass Übersetzungen in andere Sprachen für jeden Autor eine Art Ritterschlag darstellen und man sich bisweilen jahrelang für eine Übersetzung ins Englische, Japanische oder Französische einsetzen muss, so schadet die Urheberrechtsnovelle in der aktuellen Form den meisten Autoren direkt und nachhaltig. Hier liegt das Paradox des Gutgemeinten, das das Schlechte erst erzeugt.

Doch vielleicht muss noch einmal geklärt werden, worum es eigentlich geht, insbesondere, weil in der verwirrenden Diskussion die Begriffe durcheinandergehen. Wer sind die „Verwerter“? Das können Zeitungen sein, Plattenlabels, Hersteller von Videospielen, aber auch Buchverlage. Wenn man sich Buchverlage ansieht, gibt es zum einen Wissenschaftsverlage und Verlage, die ihre Autoren für die Veröffentlichungen zahlen lassen, zum anderen die großen und kleinen Publikumsverlage.

Kein Buch ohne Lektorat und Korrektorat

Wer sind die „Urheber“? Das können Spielentwickler, Komponisten, Journalisten und Wissenschaftler sein, aber auch Schriftsteller in Publikumsverlagen. Ebendiese ganz besondere Konstellation – Schriftsteller in Publikumsverlagen – und die für sie charakteristischen Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle muss man kennen, um zu begreifen, weshalb sich die Verleger und die große Mehrheit der Autoren so gegen die versuchte Reform des bestehenden Urheberrechts zur Wehr setzen.

Der literarische Publikumsverlag wäre nichts ohne seine Autoren, aber er ist auch wesentlich an der Entstehung eines Buchs und seiner Durchsetzung auf einem schwierigen Markt beteiligt. Er macht den Text zum Buch. So kommen viele Manuskripte erst durch Anregung oder fortdauernde Motivation des Lektors und dessen Begleitung während des Schreibprozesses zustande. Die anschließende Lektoratsarbeit ist mal mehr, mal weniger aufwendig, aber es gibt kein Buch, das ohne Lektorat und Korrektorat auskommt.

Andreas Rötzer - Der 40 jährige Verleger führt den 2004 in Berlin gegründeten Kleinverlag Matthes&Seitz © Matthias Lüdecke Vergrößern Andreas Rötzer, Verleger von Matthes & Seitz.

Nach der Textarbeit wird mit den Autoren die Ausstattung, der Umschlag und die Präsentation des Buchs besprochen, Bild- oder Zitatrechte werden eingeholt. Wenn das Buch dann aus der Druckerei kommt, hat der Verlag schon sehr viel Arbeit und Geld investiert. Dann aber beginnt der andere Teil der Arbeit: Der Vertrieb kümmert sich darum, dass das Buch in möglichst vielen Buchhandlungen ausliegt, er umschifft Knebelverträge mit Amazon und anderen mächtigen Vertriebspartnern. Die Pressestelle kümmert sich um den Versand von Rezensionsexemplaren und darum, dass möglichst jedem Multiplikator alle nötigen Informationen über das jeweilige Buch vorliegen. Lesungen müssen organisiert werden und zum Teil aufwendige Werbemaßnahmen initiiert, um möglichst viele Leser zu erreichen.

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