Home
http://www.faz.net/-hgj-6zzq0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Urheberrecht nach Piratenart Für ein zukunftsorientiertes Morgen der Kreativen

Kann es sein, dass die großen Medien den Standpunkt der Piraten zum Urheberrecht falsch darstellen? Oder haben sie ihn nicht verstanden? Ein kurzer Brief zum langen Streit.

© Carsten Koall/Getty Images Vergrößern Das Thema Urheberrecht hat ihn zur Piratenpartei geführt: der Musiker und Produzent Bruno Kramm

Sehr geehrter Herr Schirrmacher,

in einem konstruktiven und analytisch scharfsinnigen Aufruf zum Dialog zwischen Urhebern und Urheberrechtsreformern ist es die sonst eher wertekonservative F.A.Z., die den Anfang macht, wenn sie fordert: „Schluss mit dem Hass!“. Denn leider wurde bisher in der Presse weder unser Wille zu einem konstruktiven Austausch zwischen den Interessengruppen reflektiert, noch fand unsere umfangreiche, der Anpassung an die moderne Informationsgesellschaft verpflichtete Urheberrechtsreform eine ausführliche Erwähnung und Diskussion. In der medialen Darstellung unserer Arbeit betrifft das auch die Themenfelder Urheberrechtswahrnehmungsgesetz und Urhebervertragsrecht.

Die öffentliche Wahrnehmung wurde hingegen gezielt auf zwei von vielen Änderungsvorschlägen gerichtet, die dann, verkürzt und verfälscht, zur Parole „Piraten wollen Gratiskultur“ wurden. Unspektakulär klingen sie dagegen in Reinform: Einführung einer neuen Schranke des Urheberrechts für legales, nichtkommerzielles Filesharing und die Begrenzung von Schutzfristen.

Filesharing ist der Schlüssel

Die Verkürzung unserer Reformansätze ist es jedoch, die eine der modernsten und kulturell und politisch so wichtigen Medientechnologien vollkommen diskreditiert. Aus Filesharing wurde die „Raubkopie“ - aus dem Nutzer ein krimineller, moral- und instinktloser Nutznießer der Wertschöpfungen anderer. Diese propagandistische Aufladung begann schon mit der Rede von der „Softwarepiraterie“ und der Gleichsetzung von geistigem und physischem Eigentum.

Dabei vermied man es, die Erinnerung ans Teilen und Kopieren in vergangenen Epochen zu Rate zu ziehen - was doch bis heute einen maßgeblichen Einfluss auf die künstlerische Disziplin des Imitierens, Zitierens und Weiterentwickelns hat. Aber auch die gegenwärtige globale Aufklärung, sei sie politisch-demokratisierender Art, sei sie im Interesse von Verbrauchern, Menschenrechten oder nur der Erhaltung von Wissen aus verwaisten Werken, verpflichtet. Kurz: Das ganze Internet baut als offenes Medium der Teilhabe auf die kulturelle Kraft des Sharings, das natürlich im Widerspruch zur grenzenlosen Einhegung jedweder Vermittlung durch restlos erschöpfende Verwertungsverträge der modernen Kulturindustrie steht. Einer Industrie, die ihre straff organisierte Medienmacht lautstark wie keine andere zu vertreten weiß und die eigenen Versäumnisse kaschiert. Wie sonst hätte man so weit kommen können, dass sich ein einstmals vom Konkurs bedrohter Computerhersteller zum Giganten des digitalen Kulturhandels aufschwingen konnte und heute der Kulturindustrie in erniedrigender Art und Weise die Konditionen diktiert?

Auch hier ist vielleicht Filesharing der einzige Schlüssel, ein sattes Monopol zu brechen. Doch benötigt Filesharing nicht einmal diese Ehrenrettung, denn seine sinnstiftende Kraft ist offensichtlich: Sowohl die wissenschaftlich-akademische Kommunikation als auch die legale Vermittlung von kulturellen Schöpfungen unter Creative-Commons-Lizenzen und die Erhaltung bedrohter Werke in digitalen Almenden wie Projekt Gutenberg, Wikipedia und nicht zuletzt auf klassischen P2P-Filesharing-Infrastrukturen basiert auf dem Prinzip „Sharing ist Caring“.

Mehr zum Thema

Die Verwerterindustrie behält hier den Sharer als klassischen Konsumenten im Visier der Abmahnungen und kriminalisiert den Einzelnen, der, aus dem Netz des Sharings herausgelöst, nur Segmente des Uploads bereitstellte - Filesharing funktioniert eben nur im Bewusstsein einer gemeinsamen Teilhabe.

Wie auch schon in der Vergangenheit planen wir seit einigen Wochen „Runde Tische“ mit Vertretern der verschiedensten künstlerischen, technisch-wissenschaftlichen und administrativen Instanzen, um unsere Positionen der Urheberrechtsreform an den zahllosen individuellen Bedingungen von Kreativen zu überprüfen.

Wir werden hierfür auch unsere piratentypischen Tools wie Piratenpads, Mailinglisten und Mumblesessions benutzen, um auch einer breiten Öffentlichkeit die Teilhabe an diesem Dialog zu ermöglichen und um gleichzeitig unsere demokratischen Werkzeuge vorzustellen.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie diesen Dialog als Zeitung begleiten würden, um endlich über die so dringend notwendige Reform des Urheberrechts zu sprechen. Ein Urheberrecht, das Lösungen für ein zukunftsorientiertes Morgen der Kreativen schafft, statt in der Angstkultur des Gestern zu erstarren.

Mit musikalischen Grüßen

Bruno Kramm

Der Autor ist Musiker, Musikproduzent und Mitglied der Piratenpartei.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Pegida-Demonstrationen Wer regiert, verändert sich

Nicht nur in Dresden tragen Bürger ihren Missfallen gegen das politische System auf die Straße. Das fordert den Rechtsstaat heraus. Doch er hat schon bewiesen, dass er solches Unbehagen aufnehmen und sich ändern kann. Ein Kommentar. Mehr Von Reinhard Müller

16.12.2014, 13:36 Uhr | Politik
Kurdinnen gegen IS Das ist unser Kampf

Die kurdischen Männer verteidigen oben den Hügel, die Frauen kämpfen unten an vorderster Front. Der Hass des Islamischen Staates mache sie nur noch mutiger, erzählen sie uns. Ein Frontbesuch. Mehr

12.11.2014, 10:24 Uhr | Politik
Die Risiken der Legalisierung Kiffen für die Freiheit

Ein Bezirk in Köln will, dass Cannabis legal verkauft wird. Denn viele Grüne halten die Droge für ungefährlich – und wissen dabei eine breit aufgestellte Legalisierungsbewegung hinter sich. Doch Sie irren. Mehr Von Reiner Burger

18.12.2014, 19:40 Uhr | Politik
Vereinigte Staaten Furcht vor Haschkeksen in Kinderhand

In Colorado geht die Angst um - vor Haschischkeksen. Seit in dem US-Bundesstaat der Verkauf von Cannabisprodukten legal ist, gibt es die Droge auch in Form von Gebäck. Behörden fordern ein Verbot der Plätzchen, gerade aufgrund der Gefahr für Kinder. Mehr

19.11.2014, 14:11 Uhr | Gesellschaft
DW-Intendant Peter Limbourg Ich will nur allen zeigen, was auf dem Spiel steht

Das englische Nachrichtenangebot wird ausgeweitet, das deutsche eingeschrumpft. Verkürzt die Deutsche Welle die deutsche Sprache? Der Intendant Peter Limbourg macht eine andere Gleichung auf. Ein Gespräch. Mehr

19.12.2014, 16:49 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.05.2012, 12:26 Uhr