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Tariferhöhung der Gema Wenn die Musik nicht mehr spielt

Die Gema erhöht die Tarife, die Clubs fürchten um ihre Existenz: In dem Streit prallen zwei verschiedene Welten aufeinander. Wem gehört das Nachtleben?

© Jens Gyarmaty Vergrößern Die Tür zum Club „Berghain“

Es bleiben, von heute an gerechnet, noch genau fünfeinhalb Monate, es sind nur noch 169 Nächte: Dann gehen in Deutschland die Lichter aus. Dann wird die Musik verstummen, die DJs werden arbeitslos sein, die Clubs werden schließen. Und die Menschen, die, statt brav zu schlafen, ganze Nächte durchgetanzt und gefeiert haben, werden fragen: Wer hat uns unsere Nächte kaputtgemacht?

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Genau so, so stumm und düster, sind die Aussichten, wenn man all jenen glauben mag, die bislang diese Nächte beleben und die Clubs bevölkern, den DJs, den Leuten, welche die Clubs betreiben, und denen, die dort arbeiten. Und natürlich all den überwiegend jungen Menschen, die auf ihrem Recht bestehen, sich auch weiterhin in die Schlange vor dem Türsteher einzureihen, das Eintrittsgeld zu bezahlen und dafür die Euphorie, den Rausch und die Entgrenzung einer durchgetanzten Nacht zu bekommen.

Vom 1. Januar 2013 an soll die neue Tarifstruktur der Gema gelten - und schon semantisch scheinen das zwei Welten zu sein, die einander absolut nichts mitzuteilen haben. Jene Welt, in der es um Beats und Bässe geht, ums Körperglück und den befreiten Kopf. Und jene dubiose Organisation, die mit vollem Namen „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ heißt und deren Zweck es ist, treuhänderisch die Rechte all jener Menschen zu schützen und zu wahren, die, als Komponisten und Interpreten, als Textautoren und Produzenten, jene Musik schaffen, die, wenn sie öffentlich abgespielt wird, zur Erhebung der sogenannten Gema-Gebühren führt.

Für Berlin wäre ein Clubsterben die Katastrophe

Eine gute Sache: in der Theorie. Es war aber die Praxis, es waren Strenge und Unnachgiebigkeit, undurchschaubare Tarife und Sanktionen und das fast schon totale Nichtverständnis dafür, wie im digitalen Zeitalter die Musik geschaffen, gespielt und verbreitet wird, was dafür gesorgt hat, dass die Gema eher den Ruf einer Musikverhinderungsanstalt hat, als dass irgendwer sich von ihr geschützt und vertreten fühlte.

Es hilft aber nichts, dass die Leute aus dem Nachtleben sich schütteln müssen, wenn sie nur das Wörtchen Gema hören: Die Clubbetreiber haben ausgerechnet, was die neuen Tarife für sie bedeuten würden. Und dann haben die ersten angekündigt, dass sie unter diesen Bedingungen ihre Läden gleich dichtmachen könnten. Das Berliner „Berghain“, einer der bekanntesten Clubs der Welt, hat annonciert, dass es schließen werde, wenn es bei den Tarifen bleibe: 300 000 Euro jährlich an die Gema, das könne man sich nicht leisten. Andere rechnen noch.

Schlimm für München, wenn das „P1“ und das „Pasha“ schlössen, schlimm für Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg, wenn all die Clubs zumachen müssten, in denen heute noch das Geld verfeiert wird, das man in jenen Städten verdient. Für Berlin, wo es kein nennenswertes Wirtschaftsleben gibt, wäre ein Clubsterben aber die Katastrophe. „Das ,Berghain’“, sagt DJ Fetisch, ein Veteran des Nachtlebens, der in ganz Europa auflegt, „ist der Vatikan von Berlin. Die Leute kommen doch nicht wegen der Architektur nach Berlin oder wegen des guten Essens. Sie kommen wegen der Clubs.“

„Es pressiert“

Und weil Berlin mehr denn je vom Tourismus lebt und in diesem Jahr 24 Millionen Übernachtungen anstrebt, haben sich ausnahmsweise mal alle Parteien zusammengetan und den Senat aufgefordert, die Gema dazu zu bewegen, den neuen Tarif zu überdenken. Der Chef der Senatskanzlei, Björn Böhning, hat der Gema einen Brief geschrieben: „Diese Szene ist Element des musikalischen Sektors der Kreativwirtschaft, die der Senat intensiv fördert“, heißt es darin - tanzen kann man zu dem Satz nicht gerade.

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Veröffentlicht: 14.07.2012, 19:20 Uhr