03.06.2012 · Die Debatte zum Urheberrecht reduziert das Buch zur Ware. Dabei ist es so viel mehr, das wir verteidigen sollten: Eine Kritik zum Umgang mit Autorenbildern und der geschmähten Buchkultur.
Von Thomas HettcheRichtlinien für Lesermeinungen
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Hettches Begriff von Autor und Literatur ist sehr statisch. Damit ist er der treffende Antipode zu denen, die er für ihren statischen Literaturbegriff angreift. Niemand "fordert", Autoren sollen Bloggen oder Twittern. Insofern hat Hettche recht: Das ist ein Missverständnis - aber seins! Niemand nimmt einem Autor sein abgeschottetes Refugium - sofern er es denn möchte. Aber Hettches Bild des einsamen, womöglich autistischen Poeten in der kalten Zweizimmerwohnung ist heute nicht mehr verallgemeinerbar. Längst hat die Literaturkritik sich auf den Autor kapriziert; ästhetische Auseinandersetzungen ohne ausführliche Rekapitulation des Biographischen gibt es doch kaum noch. Autoren haben das Netz entdeckt - sei es aus Gründen ihrer Probleme mit dem Betrieb (A. N. Herbst bspw), als Ergänzung zum "Buch-Werk" (Wolfgang Herrndorf) oder einfach nur aus Marketing-Gründen. Die ideologischen Verkrustungen, die Hettche - zu Recht - beklagt, pflegt er über die Hintertür selber wieder. Schade.
"Um Marcel Proust oder David Foster Wallace in ihre Welt zu folgen,
kostet Mühen der Konzentration, des Verständnisses, der Dauer.
Ich glaube, wir verlieren die Fähigkeit dazu."
Diese Fähigkeit war zu keiner Zeit allgemein vorhanden und die
jetzige Diskussion windschnittiger Kulturkonsumenten, die unter Kunst
immer schon was zum Reinbeißen verstanden haben, beweist, dass
alles so geblieben ist, wie es immer schon war. Wer Thomas Bernhard
lesen will, wird weiterhin ein Buch zur Hand nehmen und nicht einen iPad
oder sonstigen Digitalplunder. Ein Gleiches gilt für eine Vielzahl
anderer Autoren. Das Buch abschaffen zu wollen, bedeutet nichts anderes
als die Literatur abzuschaffen. Möglicherweise sehnen sich ja nicht
gerade wenige Menschen danach der Komplexität des Gedankens im
Banalen entfliehen zu können und drapieren dies mit dem Postulat,
man müsse halt dem technischen Fortschritt folgen. Für die
Sache heißt dies wenig, denn allein das Kunstwerk bestimmt, welche
Form ihm gemäß ist.
Wahrer Wert überdauert die Form
Literatur definiert sich durch den Inhalt, nicht durch die Form.
Wäre ein Thomas Bernhard wertvoller, könnte man sein
handgeschriebenes Manuskript lesen? Wäre ein William Shakespeare
weniger wertvoll, läse man ihn auf einem iPad?
Der "Digitalplunder" von heute war der
"Druckplunder" von einst, die gesetzten Lettern, welche die
kunstvollen Handschriften ersetzten. Heute würde niemand behaupten,
der Buchdruck habe die Literatur zerstört. Wohl aber hat er den
Buchbesitz erst zum Allgemeingut befördert.
die Terror-Truppe der commucation directe
Die Kritik von Hettche ist umsichtig aber ich empfehle die
Vorne-Verteidigung. Wenn man die Literatur den Axiomen der
spätmodernen Kommunikation unterwerfen möchte, dann stehen
weder AUTOR noch BUCH noch KUNST auf dem Spiel, dann geht es schlicht um
das Überleben des Geistes.
Warum soll der Autor kommunizieren?!
Sehr einfach: als Zeitgenosse, Landsmann, Bürger ist er für
jeden greifbar, identifizierbar. Den Autor gibt es wirklich, also
braucht es keine umständliche metaphysische Entzauberung.
Literatur-Theorie ist nur was für Wirrköpfe.
Beim Lesen kriegt man die Einlassungen des Autors (warum er das sagt,
spielt ja keine Rolle!) auf die geistige Mattscheibe getextet, und
versucht, sich so gut wie möglich einen Reim darauf zu machen. AHA!
Bei Fragen, einfach mailen. Facebook und Blogs wären gut.
So, das war's. Autor, Buch, Text, alles zugänglich, geheimnisfrei,
machtfrei, wertfrei.
Geistfrei, habe ich vergessen. Denn Literatur braucht bei diesen
Anforderungen keinen Aufwand zu treiben.
In decouvrierend verschwurbelter Sprache formuliert Herr Hettche seine
Eloge an die Privatheit der Imagination, die ebenso nachvollziehbar wie
im Zusammenhang mit der aktuellen Urheberrechtsdebatte sachfremd ist.
Der Autor geht fälschlich von der Meinung aus, das Internet und die
dort geäußerten Mainstreambedürfnisse
repräsentierten die moderne Welt als solches.
Derartiges mag in der Tat der Anspruch literarischer Salons des 19.
Jahrhunderts gewesen sein. Doch sind wir mittlerweile weit in der
Postmoderne angekommen. Sie läßt nicht nur Sparten und
Nischen, sondern auch die mehrfache Selbstverortung des Lesers zu. Warum
also nicht dicke Wälzer und Blogs gleichberechtigt nebeneinander?
Warum nicht von einer fruchtbaren Korrespondenz verschiedener Gattungen
ausgehen? Warum die Möglichkeit des Dialoges subtil delegitimieren,
indem man die Privatheit lobpreist?
Die Existenz prachtvoller literarischer Lustgärten sollte niemanden
daran hindern, Blumen im eigenen Vorgarten zu säen.
„Ich glaube, wir verlieren die Fähigkeit dazu, und ich halte das für eine furchtbare Entwicklung.“
Die eigentlich Fehleinschätzung der der Autor zu unterliegen
scheinen , ist in diesem Satz enthalten.
Heutzutage hat es für die Literatur Konsumenten nun mal
Priorität, etwas auf dem iPad zu lesen, am besten bei Starbucks.
Sich in Proust vom Papier zu versenken, des Abends mit einem Glas
Torwein auf dem Beistelltischchen neben dem Sessel, das ist
„out“.
Der „Content“ auf dem iPad sollte von einer jener
„Helene Hegemanns“ oder den „Sven Regners“ der
deutschen Kulturwelt geschrieben sein. Denn man muss das Lesen jederzeit
problemlos für die wesentlicheren Gespräche mit dem
Cafe-Nachbarn unterbrechen können, ohne dies je als Störung zu
empfinden…
Dass sie mehr Varnhagen-Salons gut fänden und nicht mal den Begriff
der „Verwertungs-Industrie“ mögen, das ehrt sie, aber
die Zeit, und mit ihr die technische Entwicklung, geht nicht nur
über díe überflüssigen Sven Regners, sondern eben
auch über sie hinweg….
Dass viele dies für eine „furchtbare Entwicklung“
halten, wird es nicht aufhalten.
Tja. Das Buch "als Ware" wurde schon seit jeher so gesehen, auch wenn man es heutzutage gerne ausblenden möchte. Goethe selbst war von seinem ersten Verleger so angewidert, dass er den "Götz" im Eigenverlag drucken ließ. Mit anderen Worten, nicht die Industrie, nicht die Mittler und nicht das Feuilleton machen Literatur, sondern die Schriftsteller. Im "Urheberrechts-Diskurs" werden diese nur deshalb an die "Front" geschickt, weil es den "Machern" um die Sicherung von Marktanteilen und (vor allem) Profit geht, nicht um schöne Literatur oder besondere Werke.
Antwort (1) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 05.06.2012 14:51 UhrSchutz des Eigenverlags?
Dies führt unmittelbar zur Folgefrage: Braucht der Goethe von heute Schutz vor dem "Raub" seines geistigen Eigentums durch das "Recht" auf kostenlose Vervielfältigung? Die Verlage können und wollen dem Selbstverleger diesen Schutz nicht bieten.
Als bekennender und noch nicht austherapierter Bibliomaner mit Buchhandels- und Antiquariatsvergangenheit kann ich Herrn Hettches Gedanken sehr gut nachvollziehen und finde mich darin wieder. Dennoch bleibt die Frage der Schutzdauer durch das Urheberrecht virulent. Nicht, weil ich den Erben nicht ihre Tantiemen gönne – sondern vielmehr, weil immer wieder Erben mit dem ihnen anvertrauten Erbe äußerst egoistisch umgehen: sie zensieren, blockieren, verbieten. Das Beispiel Rainer Maria Gerhardt soll als nur eines von vielen Beispielen genannt werden. Und lyrische und andere Jugendsünden der Frau Rinser werden wohl auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr gedruckt werden (dürfen). Und dass Verlage immer sorgsam mit verstorbenen Autoren umgehen – auch da sind Zweifel erlaubt. Ich denke da nur an den Umgang des C.H. Beck Verlages mit dem Nachlass Oswald Spenglers: der war zweifellos politisch korrekt - der Forschung aber nicht dienlich.
Ich fürchte, dass es wahre Literatur nicht gibt. Hier wird etwas
angepriesen, um die Kassen zu füllen. Hände weg ! Händler
sind am Werk !
Es gibt jedoch Weltliteratur. Bibliotheken, Schulen, Universitäten
stellen diese kostenlos zur Verfügung. Hier können Sie nur
lernen. Sie werden nicht enttäuscht und Ihr Geldbeutel bleibt
verschont. Ihr Gehirn erleidet keinen Schaden sondern erfährt nur
Bereicherung. Also auf zur Weltliteratur. Viel Glück.
Weltliteratur kostenfrei
...und noch dazu ist so manches literarische Werk bei Projekt Gutenberg kostenlos erhältlich!
Ich fürchte, Herr Duerig,
dass Sie keine einzige Zeile dessen, was Thomas Hettche hier geschrieben
hat, verstanden haben. Hat er gesagt, Sie sollen irgendein Buch kaufen?
Hat er uns aufgefordert, die Top Twenty der Bestsellerliste unbesehen
ins Regal zu wuchten?
Herr Hettche hat uns nur daran erinnert, dass Literatur ein höchst
privates Erlebnis ist, ein Dialog mit einem Menschen, dessen Gedanken
uns interessieren — etwas Seltenes, Kostbares in allen Zeiten,
besonders aber heute. Freilich kann man sich dieses Erlebnis auch in
Bibliotheken gönnen, wogegen kein Autor der Welt etwas hat —
und die so alt sind wie der Buchdruck. So alt wie auch die
Weltliteratur, die ein nicht minder intimer Dialog ist.
Und darin, wenn ich Herrn Hettche richtig verstehe, liegt des Pudels
Kern: in einem Austausch von Gedanken und Gefühlen, sei der Urheber
auch schon längst gestorben. Nicht aber in der Erwartung, ein
Schriftsteller möge seine Klause verlassen und jeden Furz des
Internets betwittern wie ein Staubsaugervertreter.