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Buchtage Berlin : Kostenloskultur ist unwürdig

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Unermüdlicher Polemisierer gegen den Internet-Stuss: Der Hanser-Verleger Michael Krüger Bild: Brigitte Friedrich

Auf den Buchtagen in Berlin machen Autoren und Verleger Front: Michael Krüger polemisiert gegen die „Stuss-Stürme im Internet“, Sibylle Lewitscharoff sieht sich von Hass-Mails umstellt.

          Auf der einen Seite Piraten, die ihre digitale Kapertour zur fröhlichen Kreuzfahrt verharmlosen, auf der anderen grimmig grollende Urheber und denunzierte „Verwerter“, die den Freibeutern im Gegenzug Barbaren- und Banausentum vorhalten - die Urheberrechtsdebatte ist längst eine Art Passionsspiel mit festgelegten Rollen. Die jüngste Aufführung fand jetzt bei den Berliner Buchtagen statt, dem Jahrestreffen des Börsenvereins.

          In der Rolle des eröffnenden Zornredners: der Hanser-Verleger Michael Krüger. In harschen Worten beklagte er „unheilige Verachtung des Urheberrechts und der Kunst“ und die Stuss-Stürme des Internets, das die niederen Instinkte des Menschen bediene. Zugleich riefen die unerhörte Beschleunigung aller Veränderungsprozesse und die Unüberschaubarkeit der digitalen Welt nach einer „unterkomplexen Literatur“.

          Ist also auch am Krimi-Wahnsinn das Internet schuld? Jedenfalls „sind wir doch nicht Buchhändler geworden, um der deutschen Comedy Weltgeltung zu verschaffen“. Und beim Geld höre der Spaß auch für den Piraten auf: „Auch er muss ja die Semmel und die Wurst bezahlen, die er beim Hören kostenloser Musik verspeist.“ Der Saal bollerte vor beifälligem Gelächter.

          Berauschender Geruch der Druckereien

          So redete Krüger - und markierte doch Abstand zu den eigenen Worten, indem er so tat, als sei alles, was er sagte, nur Teil einer verworfenen Rede. Vordergründig argumentierte er, auf die eskalierende Krisendynamik seien kulturkritische Sonntagspredigten keine angemessene Antwort mehr. Tatsächlich aber war es wohl das Unbehagen, die erwartbare Rednerrolle einzunehmen.

          Lieber wollte er eine Geschichtsstunde übers Büchermachen in den fünfziger und sechziger Jahren geben: Erinnerungen an den „berauschenden Geruch der Druckereien“ und an den ersten Piraten, den noch unbekannten Dichter Wolfgang Hilbig, der „auf der Leipziger Buchmesse von morgens bis abends in unserem übelriechenden Messekabuff saß und ganze Gedichtbände abschrieb, die wir ihm nicht schenken durften“.

          Helge Malchow, der Chef von Kiepenheuer & Witsch, kam gerade zurück von Verlegergesprächen aus den Vereinigten Staaten. Er fand es erstaunlich, dass eine vergleichbar heftige Urheberrechtsdebatte im Mutterland der Digitalisierung nicht geführt werde. Auch dort gebe es viel Piraterie, aber zum kapitalistischen Pragmatismus gehöre es, dass alle, auch die illegalen Downloader selbst, genau wüssten, worum es sich handelt. Die idealistisch-utopische Verklärung des Piraten - eine Hervorbringung typisch deutscher Schwärmer-Intelligenz?

          Verachtung der geistigen Ware

          Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sah in der Legitimationskrise des Urheberrechts in Wahrheit eine Wertschätzungskrise. Wir lebten in einer Gesellschaft, in der sich das Wertschätzungsverhalten nun einmal durch Geld ausdrücke. Das könne man kritisieren, aber man könne nicht die geldlose Gesellschaft im Teilbereich des geistigen Eigentums und der Kultur einführen. Darin drücke sich dann bloß die „absolute Verachtung der geistigen Ware“ aus. Sie hasse „diese unwürdige Kostenloskultur“.

          Übrigens werde sie nach ihren Artikeln zum Thema Urheberrecht eingedeckt mit Hass-Mails, in denen sie „auf entsetzliche Weise“ beschimpft werde. Der Blogger Matthias Spielkamp bemühte sich, Krüger und Lewitscharoff kontra zu geben; und wandte ein, dass er gerade jene Dinge zu schätzen wisse, die kostenlos seien: reine Luft und sauberes Wasser. Ein schwächliches Argument, denn in der Industriegesellschaft sind das kostspielige Dienstleistungen.

          Auch wenn es weiterhin hartnäckige Leser gibt, hat das Buch ein Imageproblem als Ohrensesselmedium. Deshalb ist eine Kampagne in Planung, die Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, vorstellte. Als Beispiel einer erfolgreichen Marketing-Offensive verwies er auf die Betonindustrie. Ehedem war sie fest assoziiert mit den Bausünden der sechziger und siebziger Jahre, dann sorgte der Slogan „Hoffentlich ist es Beton“ für die Aufwertung des Baustoffs.

          Wird man nun bald allerorten Plakatwände mit Slogans à la „Hoffentlich ist es ein Buch“, bestaunen dürfen? Wohl nicht, denn der Börsenverein verfügt nicht über die finanziellen Mittel der Betonindustrie. Mit Hilfe einer renommierten Agentur werde man jedoch ein einzelnes medienaktivierendes „Ereignis“ schaffen, das neue und alte Leser scharenweise in die Buchhandlungen treiben werde. Da kommt was Großes auf uns zu.

          Quelle: F.A.Z.

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