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Veröffentlicht: 21.08.2014, 11:22 Uhr

Islamischer Staat Unterwegs mit einem Kämpfer des Kalifen

Abu Yusaf wurde in Europa geboren, jetzt gehört er zum inneren Kreis des „Islamischen Staats“. Er zieht für die Herrschaft des radikalen Islams in den Krieg. Ein nächtliches Treffen im syrisch-türkischen Grenzgebiet.

von Souad Mekhennet
© AP Millionen Menschen flüchten im Irak vor den Kämpfern des „Islamischen Staats“: Abu Yusaf schloss sich ihnen an, weil er sich in Europa als Muslim diskriminiert fühlte (Bild von einer Propaganda-Website)

Die Ansage fiel kurz aus: „Keine Tasche, keine Mobiltelefone, keine elektronischen Geräte und keine Armbanduhr.“ Mein Gesprächspartner fürchtet, verfolgt zu werden. Mit gutem Grund. Der Mann, den ich in dieser Nacht im syrisch-türkischen Grenzgebiet treffe, weiß, dass diese Begegnung ein Risiko für ihn bedeutet und für jeden, der sich mit ihm trifft.

Abu Yusaf, wie er sich nennt, ist einer der Sicherheitskommandeure Abu Bakr al Bagdadis, jenes Irakers, der sich zum Kalifen des „Islamischen Staats“ hat ausrufen lassen. Er gehört zu einem kleinen Kreis, der direkten Zugang zu al Bagdadi hat. Abu Yusaf ist einer seiner Kampfnamen. Weder sein richtiger Name noch seine Nationalität dürfen bekannt werden.

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Unser Interview findet mitten in der Nacht in einem fahrenden Fahrzeug statt. Ich trage einen langen schwarzen Überwurf, ein langer dunkler Schleier verdeckt meine Haare. Das erwartet mein Gesprächspartner von mir. „As salam alaikum“, grüßt Abu Yusaf. Sein Kopf ist nach unten geneigt, seine dunkelbraunen Haare schauen unter einer Baseballkappe hervor. „Ich weiß, Sie haben viel über Al Qaida und die Taliban berichtet“, sagt er auf Arabisch. Er macht eine kurze Pause, bevor er auf Englisch weiterspricht. „Ich habe alles gelesen. Aber wir sind anders als die, Sie werden schon verstehen, was ich meine.“ Abu Yusafs Eltern stammen aus Nordafrika.

Der Westen hilft dem IS

Er selbst ist in einem Benelux-Land geboren und aufgewachsen. Im Alter von achtzehn Jahren ging er in den Irak, um unter Abu Musab al Zarqawi für Al Qaida zu kämpfen. Mit seinen 27 Jahren hat es Abu Yusaf weit gebracht innerhalb des „Islamischen Staats“, in dem er mit Frau und Kind lebt. Unser Wagen setzt sich in Bewegung. Es geht hinaus in die Nacht. Ohne Handy, Tasche, Ausweis und Uhr.

Mit einem Mal befinden sich die Vereinigten Staaten wieder in einem Krieg, den ihr Präsident schon vor langem für gewonnen erklärt hatte. Im vergangenen Wahlkampf hatte Barack Obama davon gesprochen, dass Amerika im Krieg gegen den Terrorismus gesiegt habe. In der arabischen Welt sei die Demokratie auf dem Vormarsch. Das sieht inzwischen anders aus. „Wir hätten nie gedacht, dass der Westen sich so schnell gegen seine alten Verbündeten stellen würde“, sagt der Libyer Abu Sufian, den ich ebenfalls zu einem Gespräch getroffen habe.

Er saß von 2002 bis 2007 in Guantánamo in Haft, dann kämpfte er gegen Gaddafi. Später ging er nach Syrien, inzwischen hat er sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen. „Es zeugt doch von großer Ironie, dass die größten Hindernisse für unseren ,Islamischen Staat‘ - Gaddafi, Mubarak, Ben Ali und - so Gott will - bald Assad und die Herrscherhäuser von Bahrein bis Marokko - mit großer Hilfe des Westens erledigt werden“, sagt Abu Sufian. Die Destabilisierung der Regimes helfe dem „Islamischen Staat“, weiter Fuß zu fassen und zu rekrutieren. „Seitdem der ,Arabische Frühling‘ ausgerufen wurde, hat für uns der ,Islamische Frühling‘ begonnen.“

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