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Unter Übersetzern : Überlebensstrategien des intellektuellen Handwerks

Ohne Dolmetscher keine Verständigung: Gutes Übersetzen ist die Grundlage des Kulturaustauschs. Bild: dpa

Wer hauptberuflich übersetzt, muss seine Arbeit meist durch Nebenjobs finanzieren. Wenn Übersetzer weiterhin so schäbig behandelt werden, trifft das den Kulturaustausch an empfindlichster Stelle.

          Wenn Friedrich Griese anrief, hatte man etwas falsch gemacht. Er sprach dann als Alter Ego des rezensierten Autors, der in der Zeitung eben noch kritisiert oder auch nur mit einer fragenden Anmerkung bedacht worden war. Ich erinnere mich an Grieses Anrufe nach Erwähnungen von Leszek Kołakowski („Falls es keinen Gott gibt“) und Daniel Goleman („Emotionale Intelligenz“), beides Bestseller, die Griese übersetzt hatte und die er am Telefon nun unendlich sanft, unendlich geduldig in ein anderes Licht zu rücken versuchte. Es hatte immer den Anschein, als verstünde Griese seine Autoren besser als diese sich selbst. Und genau darin lag auch das Geheimnis seiner ausgezeichneten, von Qualitätsverlagen verlangten Übersetzungen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Griese vor zwei Jahren mit Anfang siebzig starb, hatte er weit mehr als zweihundert Bücher übersetzt, von den Naturwissenschaften bis zur Philosophie, Bücher aus dem Englischen, Französischen, Polnischen und Italienischen. Für diesen Übersetzer galt: „Kein Respekt vor den Fehlern des Autors!“ Die Werke, die Griese übersetzte, waren nicht nur in übersetzerischer Hinsicht zweite Schöpfungen. Seine demiurgischen Eingriffe begründete er so: „Was aus meiner Werkstatt kommt, soll mindestens so gut wie das Original sein, wenn nicht besser. Lesen muss Spaß machen, auch dann, wenn es um Dinge wie Thermodynamik oder Quantenteleportation oder die Geschichte des Kaddisch geht.“

          Der gänzlich unlarmoyante, locker 2400 Stunden im Jahr arbeitende Griese illustriert, bis zu welchem Grad der Selbstausbeutung das professionelle Gewissen führen kann. Mit welcher Härte, mit welchem Stolz da jemand daran festhielt, Künstler, das hieß bei Griese ohne mystifizierendes Geraune: Handwerker zu sein. („Ich tu’s fürs Brot. Also: ehrbares Handwerk.“)

          Arbeit am Detail

          Auf dem Symposion, das der Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) gemeinsam mit der Europäischen Kommission und der Weltlesebühne am Wochenende in Berlin ausrichtete, war Griese ein unsichtbar präsenter Protagonist. Erinnert wurde daran, was er auf einer ähnlichen Veranstaltung des Übersetzerverbands vor Jahren erklärt hatte: „Ich will Übersetzen als Beruf betreiben. Ich will so viel verdienen wie ein Verlagsangestellter mit vergleichbarer Qualifikation und Aufgabe. Ich bin genauso gut wie der Lektor, der meine Texte redigiert, wenn nicht besser, wegen der (besseren) Kenntnis - oder der Kenntnis überhaupt - der Ausgangssprache.“

          Auch deshalb, weil es ihm tatsächlich gelang, als literarischer Übersetzer (unter diesen Titel fasst die Zunft auch Sachbuchübersetzungen) den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu bestreiten, ist Friedrich Griese eine Ausnahmeerscheinung. Die meisten seiner Kollegen leben weiterhin von der Hand in den Mund, auch wenn inzwischen die Frage der angemessenen Vergütung, die den Übersetzern als Urhebern zusteht, hohe und höchste Gerichte beschäftigt hat. Das Bundesverfassungsgericht wies zwei Verfassungsbeschwerden gegen Entscheidungen des Bundesgerichtshofs zur Angemessenheit von Übersetzerhonoraren im Verlagswesen zurück. Man habe damit die schwache Verhandlungsposition der literarischen Übersetzer gegenüber den strukturell überlegenen Verwertern stärken wollen, so die Richter.

          Natürlich ist die verbesserte Rechtslage nur das eine; die Schliche, sie zu umgehen, das andere. Des juristischen Gezerres überdrüssig, haben sich immerhin erste Verlage mit dem VdÜ auf eine gemeinsame Vergütungsregel geeinigt, weitere sollen folgen. Und immer häufiger finden sich Übersetzer an prominenter Stelle des Buches genannt, statt im Impressum versteckt oder gänzlich verschwiegen zu werden. Das ändert nichts an der Tatsache, dass sich viele Übersetzer ihren Beruf durch anderweitige Arbeiten finanzieren müssen, weil die übliche Entlohnung eine derart zeitintensive Arbeit am Detail nicht deckt.

          Schnell und unsauber

          Im Forum des Online-Wörterbuchs „Leo“ nimmt seit einigen Tagen eine hochdifferenzierte Diskussion Fahrt auf, in der die Übersetzer ihre Arbeitsbedingungen publik machen und Wege aus den Aporien ihrer Zunft suchen. Hier geht es um Überlebensstrategien des intellektuellen Handwerks in Zeiten der ökonomistischen Ungeduld, die sich immer brutaler über die Grundlagen geistiger Produktivität hinwegsetzt. Anlass für diese paradigmatische Debatte ist der Verriss einer Romanübersetzung aus dem Englischen, die Martin Doerry mit einer Fülle peinlicher Belege im „Spiegel“ veröffentlichte.

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