25.06.2009 · Logische Konsequenz einer schrankenlosen Selbstverliebtheit: Das Dresdner Elbtal verliert wegen des Baus der Waldschlößchenbrücke seinen Welterbe-Titel. Das teilte die deutsche Unesco-Kommission am Donnerstag in Bonn mit.
Von Dieter BartetzkoWirklich überrascht hat es niemanden, dass die Unesco nun bei ihrer Jahrestagung in Sevilla Dresdens Elbtal wegen des Baus der Waldschlößchenbrücke von der Welterbeliste gestrichen hat. Nicht einmal Dresdens Oberbürgermeisterin dürfte ernsthaft gehofft haben, ihre Reise nach Spanien, wo sie um Vertagung des Entscheids bis zur Fertigstellung der Brücke bat, würde das Gremium doch noch einlenken lassen. Zu oft hatte die Unesco Geduld geübt, gewarnt, andere Lösungen gefordert. Und zu oft hatte Sachsen, respektive sein Ministerpräsident, an dem Vorhaben festgehalten.
Und doch - Genugtuung will sich angesichts der verdienten Strafe nicht einstellen. Die könnte man höchstens fühlen, wenn die Unnachgiebigkeit in Sevilla Auftakt einer bisher vermissten Entschiedenheit der Unesco wäre, eine Wende, die dem nominalen Weltanspruch endlich auch global Taten folgen lässt. Doch davon ist weiterhin nichts zu bemerken - als Hüter des Erbes der Menschheit segelt die Unesco, beziehungsweise ihr Gutachter- und Beratergremium Icomos, weiterhin so schwerfällig und tatenlos dahin wie einst die stolzen, aber unbeweglichen Schiffe der spanischen Armada.
Nehmen wir zum Beispiel Pompeji, Welterbestätte ersten Rangs. Seit Jahren beklagt Icomos den katastrophalen Zustand der antiken Stätte, ihren rasanten Verfall, den mangelhaften Schutz der Kunstwerke und Denkmäler, die skrupellose Ausbeutung und Entstellung der Stadt als Attraktion des Massentourismus. Pompeji ist längst die Karikatur dessen, was das Ideal vom Weltkulturerbe anstrebt. Doch Icomos und Unesco haben dafür nichts als meist leise und gelegentlich laute, aber rasch verhallende Mahnungen.
Nur dort energisch, wo man es sich leisten kann
Und wann hätte man die Unesco gegen den Abbau der Pekinger Altstadt protestieren hören, die doch zum Gesamtbild der als Weltkulturerbe ausgewiesenen kaiserlichen „Verbotenen Stadt“ so gehört wie in Köln das Rheinufer zum Dom. Als man dort Hochhäuser plante, erschollen markige Drohungen seitens der Unesco. Und Köln, ein Musterschüler wie ganz Deutschland, machte einen Rückzieher. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Unesco nur dort energisch wird, wo sie es sich leisten kann. Dresden, das als erste deutsche Welterbestätte die Warnungen in den Wind schlug, hat das nun mit dem Verlust des ehrenden Status zu bezahlen.
Für Sachsen und sein Elbflorenz ist dieser Rauswurf, sosehr man ihn auch aus gesamtdeutscher Sicht bedauern muss, die logische Konsequenz einer schrankenlosen Selbstverliebtheit. Denn aus dem geschundenen Dresden, das seine mit finanzieller Hilfe aus dem In- und Ausland bewerkstelligte Auferstehung als Wunder des Barock einer deutschen und internationalen Sühneleistung verdankt, wurde nach und nach eine verhätschelte, selbstbezogene und selbstzufriedene Stadt, die Anspruch auf absolute Autonomie zu haben meinte. So bedeutet die Streichung des Elbtals von der Welterbeliste ein schmerzhaftes, vielleicht aber auch lehrreiches Erwachen für Dresden. Für die Unesco aber ist die Entscheidung ein erbärmlicher Sieg. Erst wenn sie in Pompeji oder Peking, in Angkor Vat oder Babylon so energisch agiert wie in Sachsen, wird sie sich wirklich als Hüter des Welterbes erweisen.
Reaktionen auf die Entscheidung der Unesco-Kommission:
Kulturstaatsminister Bernd Neumann: „Der Verlust setzt den Schlusspunkt hinter einen langandauernden Streit zwischen Stadt, Freistaat Sachsen und dem Welterbekomitee. Es ist mehr als bedauerlich, dass die Beteiligten außerstande waren, einen Kompromiss zu finden.“
Günter Gloser, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt: „Dresden ist ein Einzelfall. Deutschland hat seit Beitritt zur Welterbekonvention 1976 erfolgreich an ihrer Umsetzung mitgewirkt. Die Auszeichnung von 32 Stätten mit dem Welterbetitel ist dafür ein beeindruckender Beleg. Deutschland wird auch in Zukunft gute Chancen haben, mit seinen Kultur- und Naturerbestätten bei der Aufnahme in die Welterbeliste berücksichtigt zu werden.
Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee: „Es war mehr als genug Zeit für Sachsen und die Stadt Dresden, mit der Unesco zu einem Kompromiss zu gelangen. Schon eine grundsätzlich andere Brückenlösung hätte genügt. Die Stadt Dresden muss beweisen, dass ihr Bekenntnis zu diesem Kulturdenkmal nicht nur ein Lippenbekenntnis war.“
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier: „Die Entscheidung des Welterbekomitees ist keine gute Nachricht. Dresden ist eine der schönsten Städte Deutschlands und völlig zu Recht ein Besuchermagnet für Kunst- und Kulturfreunde aus der ganzen Welt.“
Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU): „Ich bedauere die Entscheidung. Dresden bleibt aber auch ohne den förmlichen Titel wegen seiner Schönheit Weltkulturerbe.“
Hubert Weiger, Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „Eine schallende Ohrfeige für jene, die ohne Rücksicht auf den Schutz von seltenen Naturrefugien, Landschaften und Kulturdenkmälern inakzeptable Bauprojekte durchziehen wollen.“
Eva-Maria Stange, Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz und sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst: „Eine traurige, aber konsequente Entscheidung, nachdem die Stadt Dresden sehenden Auges ins Verderben gelaufen ist. Das ist ein schwarzer Tag für das Kulturland Sachsen und Deutschland als Kulturnation.“