07.09.2009 · Neun Kandidaten gibt es vor der Herbsttagung der Unesco für das Amt des Gerneraldirektors. Mit einem von ihnen, dem ägyptischen Kulturminister Faruk Hosni, droht der Organisation ein veritabler Schiffbruch. Hosni selbst ist dennoch zuversichtlich. Er scheint von Sarkozy unterstützt zu werden.
Von Jürg Altwegg, GenfNoch bevor die Herbsttagung der Unesco begonnen hat, ist der ägyptische Kulturminister in Paris eingetroffen. Er will Generaldirektor der UN-Organisation für Erziehung und Kultur werden und wirbt für sich. Erst ein Aufruf von Claude Lanzmann, Bernard-Henri Lévy und Elie Wiesel Ende Mai dieses Jahres brachte die Wahl, die schon gelaufen schien, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Ein Antisemit an der Spitze der Unesco? (siehe auch Umstrittene Hosni-Kandidatur: Der Kandidat erklärt sich ). Am 17. September ist der erste Wahltag in Paris. Hosni gibt sich zuversichtlich. Mal spricht er von 28, dann wieder von 32 Stimmen, auf die er zählen könne. Im Exekutivrat, der die Wahl vornimmt, sind 58 Staaten vertreten.
In Paris ist die Verlegenheit groß. In „Le Monde“ hatte Hosni auf die Vorwürfe von Lanzmann, Lévy, Wiesel geantwortet. Jetzt berichtet die Zeitung, dass Hosnis Text von Sarkozys Berater Henri Guaino verfasst oder zumindest vor der Veröffentlichung gegengelesen worden sei. Guaino hatte Sarkozy bereits mit einer in Dakar gehaltenen Rede über die Geschichtslosigkeit der Afrikaner in kulturelle und diplomatische Turbulenzen gebracht - Lévy nannte ihn einen neokolonialistischen Faschisten.
Deutschland hält sich zurück
Das Versprechen, seine Kandidatur zu unterstützen, gab Sarkozy dem Ägypter wohl schon vor zwei Jahren. Damals diente der Kulturminister dem frisch verliebten Sarkozy, der mit Carla Bruni Luxor besuchte, als Fremdenführer. Den ganzen Sommer betrieb die ägyptische Regierung - Hosni gehört zum engen Kreis um Staatschef Mubarak - Wahlkampf für ihren Kandidaten und beruft sich auf die Unterstützung Frankreichs. „Als Gastland der Unesco geben wir keine Wahlempfehlung ab“, wiegelt Außenminister Bernard Kouchner ab. Doch Sarkozy braucht Ägypten als Stützpfeiler seiner Mittelmeerunion.
Auch in Berlin hätte sich Faruk Hosni gerne vorgestellt. Bundestagsabgeordnete haben dem Botschafter davon abgeraten. Ägypten fürchtet, dass Deutschland die österreichische Kandidatin Benita Ferrero-Waldner von der CDU-„Schwesterpartei“ ÖVP wählen wird. Deutsche Kulturpolitiker haben sich auch mit der litauischen Kandidatin Ina Marciulionyte getroffen, die einen sehr aktiven Wahlkampf führt.
Es gibt einen algerischen Kandidaten
Ebenfalls zu Gesprächen im Auswärtigen Amt weilte dieser Tage Berlins neue Botschafterin bei der Unesco, Martina Nibbeling-Wriessnig. Sie trat ihr Amt im Juni an. Nibbeling-Wriessnig will die Organisation in Deutschland besser bekannt machen und ihre Programme, die ja nicht nur aus dem Weltkulturerbe bestehen, intensiver vermitteln. Dass sie im Namen Deutschlands Faruk Hosni wählt, ist für deutsche Kulturpolitiker völlig unvorstellbar: „Kein Kommentar“, sagt dazu die Botschafterin.
Auch die Abgeordnete Uschi Eid hat auf ihre Fragen zu Hosni von der Regierung keine Antwort bekommen. Sie fordert, dass ein neuer Generaldirektor die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nicht gefährden dürfe. Sie sind der wichtigste Beitragszahler und der Unesco nach einem ideologischen Konflikt erst kürzlich wieder beigetreten. Die einflussreiche Zeitschrift „Foreign Policy“ nennt Hosnis Kandidatur einen „Skandal“. Zwar sucht Obama den Ausgleich mit der islamischen Welt, doch diese steht keineswegs geschlossen hinter dem ägyptischen Kulturminister. Es gibt einen algerischen Kandidaten; er wurde von Kambodscha vorgeschlagen.
Der „Faktor Frau“
Neun Kandidaten stehen zur Wahl und werden dieser Tage in Paris angehört. Man wird Hosni nicht nur die Frage, ob er wirklich für das Verbrennen israelischer Bücher plädiert habe, stellen. Sondern auch, warum Werke wie Kunderas „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ in Ägypten verboten sind. Ein Mitglied des Exekutivrats glaubt, dass Faruk Hosni keineswegs mehr als zwanzig Stimmen sicher sind. Ziemlich unvermittelt wird aus seinem Umfeld nun auf seine Homosexualität verwiesen, die in einem arabischen Land ja wohl das Bewusstsein für Toleranz und Minderheiten schärfe. Mit diesem Manöver reagiert Hosni auf den „Faktor Frau“, der den Ausschlag geben könnte. Vier qualifizierte Kandidatinnen möchten Generaldirektorin werden. Und viele Länder sind bei der Unesco durch eine Frau vertreten. Und warum soll nicht ein Kleinstaat zum Zug kommen? Und sei es als Protest gegen die Clanwirtschaft ägyptischer Familien in Kairo sowie an der Spitze von internationalen Organisationen.
Die Wahl wird in geheimer Abstimmung vorgenommen: Das könnte manche Regierung von ihrem vorschnellen Versprechen abbringen. Für Faruk Hosni ist der erste Wahlgang seine letzte Chance. Es geht nicht nur um den „angekündigten Schiffbruch“ (Elie Wiesel) der Unesco und das Schreckgespenst eines Antisemiten an ihrer Spitze. Es gibt einfach bessere Kandidaturen als die des amtierenden Kulturministers einer Diktatur.
Die Schneiderin seiner Mutter war Jüdin
Ayman Scharaf (Scharaf)
- 08.09.2009, 06:48 Uhr
Antisemitismus: Ein Klassiker...
Harry LeRoy (Cimon)
- 13.09.2009, 12:13 Uhr