25.05.2009 · Ein Mann mit Sinn für Bücherverbrennungen soll das höchste Amt in der Weltkulturpolitik erhalten. Ein Aufruf von französischen Intellektuellen macht dagegen mobil. Doch bisher blieben Reaktionen auf den Protest gegen Faruk Hosni aus.
Von Jürg AltweggVielleicht ist es wirklich schon zu spät. Wenn nichts mehr geschieht, wird am Ende dieser Woche der ägyptische Kulturminister Faruk Hosni zum neuen Generalsekretär der Unesco gewählt. Ägypter haben als Verantwortliche und Spitzenbeamte in den internationalen Organisationen – bei den Frankophonen wie bei den Vereinten Nationen – einen guten Ruf. Sie gelten als moderat und wirken als Brückenbauer. Faruk Hosni hat gute Chancen auf das vielleicht wichtigste Amt der Weltkulturpolitik. Er wird nicht nur von den arabischen Ländern unterstützt, sondern auch von Europa, das in den kulturpolitischen Debatten um den Schutz der Vielfalt stets als Schrittmacher agiert. Neben anderen Ländern haben sich die Kulturnationen Italien, Spanien und sogar Frankreich für Faruk Hosni ausgesprochen.
Am Wochenende veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Aufruf gegen eine Wahl Hosnis. Provokanter Titel: „Die Schande der Unesco“. Der Nobelpreisträger Wiesel, der Autor der „Shoah“ und BHL hatten ihren Aufruf am Mittwoch auch in „Le Monde“ publiziert. Sie erinnern an die übelsten Äußerungen Faruk Hosnis, den auch das Wiesenthal-Zentrum für einen ausgesprochenen Antisemiten hält: „Israel hat nie einen Beitrag zur Zivilisation geleistet, zu keiner Epoche; es hat sich immer nur die Güter anderer angeeignet“, erklärte Hosni 2001.
Keine Reaktionen in Frankreich
Als „erbitterter Feind“ aller Bemühungen Ägyptens, mit Israel normale Beziehungen zu unterhalten, bezeichnet er sich seit 1997. Als ein Abgeordneter im ägyptischen Parlament die Befürchtung äußerte, in der Bibliothek von Alexandria könnten auch hebräische Bücher aufgenommen werden, antwortete ihm Faruk Hosnis, seit fünfzehn Jahren Kulturminister seines Landes: „Bring mir diese Bücher, und wenn es sie gibt, werde ich sie vor deinen Augen verbrennen.“
Elie Wiesel und Bernard-Henri Lévy nahmen unlängst an der Rassismus-Konferenz Durban II in Genf teil. Sie stehen – wie auch Claude Lanzmann – stets an der vordersten Front, wenn es darum geht, den Antisemitismus zu beschwören und zu bekämpfen. Manchmal würde man sich wünschen, sie wären gegenüber Israel und seiner Politik, die sie meist vorbehaltlos verteidigen, etwas kritischer. Aber mit ihren Vorbehalten gegen Faruk Hosni haben sie recht. Leider droht ihr Aufschrei ungehört zu verhallen. Über das lange Wochenende gab es in Frankreich schlicht keine Reaktionen auf den Appell.
An Sarkozy vorbei
Als Faruk Hosni vor zwei Jahren seine Kandidatur bekanntmachte, enthüllte die ägyptische Presse die Verstrickung zweier seiner engsten Mitarbeiter in Korruptionsaffären. Man weiß, dass der Kulturminister den greisen Philosophen Roger Garaudy nach Ägypten einlud. Garaudy, einst Stalinist und Marxist, bekehrte sich zum Islam. Er wurde in Paris als Auschwitz-Lügner verurteilt. In Ägypten hielt er Vorträge, in denen er die Shoah als zionistischen Mythos und Märchen bezeichnet. Garaudy ist einer der Stützpfeiler der antisemitischen Propaganda, die Faruk Hosni betreibt.
Lanzmann, Levy und Wiesel appellieren an den ägyptischen Präsidenten: Im Gedenken an Nagib Machfus soll er die Kandidatur seines Ministers zurückziehen. Sie unterlassen es, sich an den französischen Präsidenten Sarkozy zu wenden. Ihm kommt eine Schlüsselstellung zu. Nur zu gerne hätte er die Unesco mit einem Landsmann besetzt. Doch in Paris soll, so die Regel, nicht auch noch ein Franzose die Geschäfte führen. Sarkozys liebster Mann wäre Jack Lang. Ihn hat er für die Unterstützung im Kampf gegen die Internet-Piraterie und andere Dienste bereits mit einer offiziellen Reise zu Fidel Castro belohnt.
Eine angekündigte Katastrophe
Die Amerikaner haben ihn in schlechter Erinnerung. Doch die Zeiten, da Jack Lang als überzeugter Marxist und Kulturminister Mitterrands ihre „Coca-Kolonialisierung der Köpfe“ denunzierte, sind vorbei. Die Vereinigten Staaten, die aus Protest gegen die ideologische „Welt-Informations-Ordnung“ als größter Zahler die Organisation verließen, sind in die Unesco zurückgekehrt – und sei es, um die „Erklärung zur kulturellen Vielfalt“ (als weltweite Ausdehnung der französischen „exception culturelle“) zu bekämpfen. Aber diese ist verabschiedet. Viele der gegenüber der Unesco erhobenen Vorwürfe – etwa, dass sie zu stark mit totalitären Staaten wie Libyen fraternisiere – bleiben dennoch aktuell.
Sollte es in letzter Minute gelingen, Faruk Hosni zu verhindern, wird die internationale Öffentlichkeit den Aufruf von Lévy, Lanzmann und Wiesel als jüdisches Wahlkampfmanöver und Verschwörung für Jack Lang kritisieren. Das ist der Preis. Im Vergleich zur angekündigten Katastrophe Hosni wäre Jack Lang ein willkommenes und sehr, sehr kleines Übel.