http://www.faz.net/-gqz-8byxf

Opfer des Stalin-Terrors : Wer trägt den Mühlstein der Erinnerung?

Immer noch verklärt: Ein Propagandaplakat aus Stalins Zeiten Bild: Picture-Alliance

Der Krieg der Lebenden gegen die Toten im sibirischen Kolpaschewo: Wo 1979 ein Massengrab mit Tausenden Opfern des Stalin-Terrors gefunden wurde, herrscht heute beklemmende Nachsicht.

          Erinnerungen an eine tragische Geschichte wirft man umso bereitwilliger über Bord, je düsterer die Zukunftsaussichten werden. Um das Stadium der nationalen Amnesie zu ermessen, veranstaltete der Moskauer Journalist und Blogger Sergej Parchomenko daher dieser Tage eine Blitz-Umfrage im Internet, bei der er wissen wollte, wer heute mit dem Namen der Siedlung Kolpaschewo unweit der sibirischen Stadt Tomsk oder konkret dem Steilhang von Kolpaschewo, wo 1979 ein Massengrab mit Tausenden Opfern des Stalin-Terrors gefunden wurde, etwas verbinde. Mitarbeiter der historischen und Menschenrechtsgesellschaft „Memorial“ hätten ihm versichert, die Geschichte von Kolpaschewo sei vielfach im Netz publiziert worden, in den neunziger Jahren sei sogar ein Büchlein darüber erschienen, erklärt Parchomenko, der in Russland die Initiativgruppe zum Anbringen von Gedenkplaketten an der letzten Wohnadresse von Terroropfern leitet.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die verdienstvolle Gesellschaft „Memorial“, die auch in Tomsk eine Filiale besitzt, wurde von der Staatsmacht inzwischen auf die schwarze Liste der „Ausländischen Agenten“ gesetzt. Und von den fünftausend Nutzern, die Parchomenko antworteten, sei Kolpaschewo weniger als einem Prozent bekannt, meldet der Reporter: nur dreißig bis vierzig Leuten, die obendrein in der Gegend wohnten oder von dort stammten. Der Masse des Internetvolkes sage die bedeutungsschwere Chiffre nichts.

          Eine improvisierte Gedenkfeier

          Das Zwanzigtausendseelennest Kolpaschewo liegt am sandigen Hochufer über einer scharfen Biegung des Flusses Ob, an der das Frühlingshochwasser jedes Jahr einige Meter Land wegreißt. Durch Erdrutsche wurden hier schon oft Knochen prähistorischer Tiere, Mammuts und Wollnashörner, zutage gefördert. Doch als am Vorabend des 1. Mai 1979 wieder einmal Teile der Böschung wegbrachen, kamen menschliche Gebeine zum Vorschein, Überreste von übereinandergestapelten Toten, von denen die oberen gänzlich verwest, die unteren jedoch exzeptionell gut erhalten, weil vom Sandboden offenbar mumifiziert worden waren.

          Kinder machten den entsetzlichen Fund am Steilhang von Kolpaschewo unweit der sibirischen Stadt Tomsk.

          Spielende Schuljungen entdeckten die von der Natur geöffnete Grabstelle als erste. Sie warfen einige Schädel wie Fußbälle in den Fluss. Dann steckten sie Totenköpfe auf Holzstiele und rannten damit durch den Ort, um kleine Mädchen zu erschrecken. Die aufgeregten Dorfbewohner strömten zum Ufer. Einige trieb vor allem Neugier. Andere, deren Angehörige in den dreißiger Jahren spurlos verschwunden waren, brachten Blumen und Kerzen mit. Sie improvisierten eine Totengedenkfeier.

          Wie Deserteure sahen die Toten nicht aus

          Die russische Erde hatte ihre schrecklichen Geheimnisse zu einem für die Staatsmacht denkbar ungünstigen Zeitpunkt preisgegeben. Die Sowjetunion durchlebte gerade ihre „goldenen“ Stagnationsjahre unter Breschnew, nach der vorsichtigen Entstalinisierung unter Chruschtschow bekräftigten Stalin-Plakate von die Wiederkehr des Kultes um den Völkervater. Obendrein standen die Maifeiertage mit ihrer offiziösen Fröhlichkeit bevor.

          Also ließ der Kommandant von Kolpaschewo Soldaten einen Absperrzaun um die Grabstelle errichten. „Sanitärzone“ stand darauf geschrieben. Die Leute, die den Ort weiter belagerten und die mumifizierten Leichen identifizieren wollten, wurden von Volksmilizen weggejagt. Eine ältere Frau glaubte, unter den Toten ihren Mann erkannt zu haben, der 1940 eines Nachts von zuhause abgeholt wurde und spurlos verschwand.

          Eine Erklärung musste her. Die Ortsleitung ließ verlauten, in Kolpaschewo lägen Deserteure begraben, die im Zweiten Weltkrieg standrechtlich erschossen wurden. Doch warum waren dann so viele Alte, Frauen und Kinder unter den Toten? Der KGB-Chef von Kolpaschewo alarmierte seinen Vorgesetzten in Tomsk, der seinerseits die Moskauer Zentrale um Anweisungen ersuchte. Bald kam von dort der Befehl, alle Spuren der politisch gefährlichen Gebeine seien zu beseitigen.

          Ein regelrechtes Fließband des Todes

          Sibirien allgemein und speziell die Gegend um Tomsk waren immer auch Verbannungsorte. Im hundert Kilometer nördlich von Kolpaschewo gelegenen Narym verbrachte Josef Stalin 1912 einundvierzig Sommertage im inneren Exil. Zwanzig Jahre später, als die Bolschewiken die Landwirtschaft kollektivierten, wurde ungefähr eine halbe Million enteigneter „Kulaken“, also bessergestellter Bauern, in den Raum Narym-Kolpaschewo verfrachtet. Die meisten stammten aus den fruchtbaren Gebieten Südsibiriens und sollten nun die Taiga urbar machen.

          Weitere Themen

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Topmeldungen

          Kommentar zu Europa : Ein neues Kapitel – aber wie?

          Frankreichs Staatspräsident Macron blickt in Berlin zurück und nach vorn. Er will eine „europäische Souveränität“. Aber die nationalen Interessen sind keineswegs stets deckungsgleich. Der Volkstrauertag erinnert daran, wie man mit Unterschieden umgeht – und wie nicht.
          Bekam Gegenwind: Chinas Staats- und Regierungschef Xi Jinping.

          FAZ Plus Artikel: Apec-Gipfel : Chinas Heimspiel endet im Debakel

          Auf dem Pazifik-Wirtschaftsforum kommt es zu einer offenen Konfrontation der Systeme. Koordinierte Zusagen von Amerikas Partnern schieben China einen Riegel vor – doch auch Amerika hat eigene Motive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.