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Aktualisiert: 15.05.2014, 14:33 Uhr

Erderwärmung als Politikum Die Apokalypse duldet keinen Sachzwang

Die globale Erwärmung schafft eine neue Weltkarte. Spielt sich darauf ein Krieg aller gegen alle ab? Ein Gespräch mit Ulrich Beck und Bruno Latour.

von Sabine Selchow
© Paul Souders/Corbis Apokalyptischer Vorbote oder Anstoß zu einer neuen Kosmopolitik? Eisbruch in Grönland

Sie sind sich in zwei Punkten einig: Die katastrophalen Folgen der globalen Erwärmung sind bestens dokumentiert, dennoch passiert politisch zu wenig. Wir sind mit globalen Problemen konfrontiert, aber verfügen nicht über eine globale Öffentlichkeit und Politik. Was steht politisch auf dem Spiel?

Bruno Latour: Einer der Gründe, warum wir uns so ohnmächtig fühlen, hat mit der großen Kluft zwischen dem Ausmaß des Phänomens und den Denkweisen und Verhaltensänderungen zu tun, die notwendig sind, um mit dieser Krise umzugehen. Gibt es einen Weg, um die Kluft zu überbrücken zwischen diesem gigantischen Phänomen und unserer winzig kleinen Welt, in der wir, wie ein Fisch im Aquarium, auf die angekündigten Katastrophen starren? Wie sollen wir vernünftig handeln, wenn es nirgendwo eine Bodenstation gibt, an die wir den Funkspruch „Houston, wir haben ein Problem“ senden können? Zumal es ja, genau wie in dem Film „Gravity“, kein Houston mehr gibt.

Ulrich Beck: Das sehe ich auch so. Aber ich möchte die Perspektive umdrehen und fragen, was tut die globale Erwärmung für uns? Dann erkennen wir nämlich, dass sich die Welt schon allein durch die Erwartung der globalen Erwärmung dramatisch verändert hat. Es gibt beispielsweise nicht mehr so etwas wie ein rein natürliches Wetterereignis. Ganz gleich, welches Wetter wir heute haben, es ist ein Koprodukt von Natur und Gesellschaft. Wir leben in einem Natur-Gesellschaft-Kompositum oder, wie es neuerdings heißt, im „Anthropozän“. Du, Bruno, bezeichnest dieses koproduzierte Klima, dieses andere Paradigma einer „humanen Naturheit“ als „Gaia“. Selbst „Klimawandel“ ist letztlich ein Zombiebegriff. Ihn auf einzelne Naturkatastrophen wie den Hurrikan „Katrina“ zu verwenden ist heikel. Wir müssen das Klima in seiner Gesamtheit betrachten, als Resultat der Eingriffe des Menschen in die Natur. Gleichzeitig ist es wichtig, wie wir auf die Klimarisiken reagieren.

Wenn man die Kluft zwischen globaler Erwärmung und globaler Politik überbrücken will, dann muss man sich das „Wir“ vorstellen können, das die Menschen die Verantwortung für das Anthropozän fühlen lässt. Wer ist dieses „Wir“ in der Klimapolitik?

Latour: Für all jene, die diese Kluft überbrücken wollen, führt kein Weg an der Politik vorbei. Es ist zwecklos, wenn Ökoaktivisten dem Mann auf der Straße ein schlechtes Gewissen einreden, weil er nicht genügend global denkt. Niemand sieht die Erde im globalen Maßstab, und niemand betrachtet das Ökosystem aus einem Standpunkt im Nirgendwo, der Wissenschaftler genauso wenig wie der Bürger, der Bauer genauso wenig wie der Regenwurm. Die Natur ist nicht mehr das, was man von einem fernen Punkt aus in ihrer Gesamtheit betrachtet, sondern eine Ansammlung widersprüchlicher Organismen. Wenn wir ernsthaft Politik betreiben wollen, müssen wir über Krieg und Frieden reden, über Revolution und Offenbarung („Apokalypse“ bedeutet ja nichts anderes). Auch wenn es unangebracht sein mag, hier von Weltuntergang zu reden - noch bizarrer wäre es, das Thema „Wir leben in apokalyptischen Zeiten“ nicht ernst zu nehmen. Wer nicht spürt, dass die Welt gefährdet ist, dürfte sich nicht sehr lebendig fühlen.

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