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Kryptologie und Kriminalistik : Vom Wert verschlüsselter Kommunikation

  • -Aktualisiert am

Schlagkräftige Sicherheitsbehörden ergänzen die liberale Verschlüsselungspolitik: Quellcode auf einem Computerbildschirm Bild: Picture-Alliance

Sicherheitsbehörden aller Länder fordern die Beschränkung freier Kryptographie. Das ist nachvollziehbar, aber gefährlich. Wie man Verschlüsselung und Verbrechensbekämpfung balanciert. Ein Gastbeitrag.

          Im NSA-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages wurde kürzlich die Frage erörtert, was gegen massenhafte Kommunikationsüberwachung durch ausländische Nachrichtendienste technisch unternommen werden kann. Meine Antwort war: verschlüsseln. Verschlüsseln aller Daten und des Kommunikationsverkehrs. Sorgfältig implementierte Verschlüsselungsverfahren sind sicher, auch gegen den Einblick durch Nachrichtendienste. Das gilt auch nach Veröffentlichung der Snowden-Folien im Sommer 2013 und Bekanntwerden der Bemühungen der NSA, Kryptographie abzuschwächen, Hintertüren einzubauen und Entschlüsselungskapazitäten zu erweitern.

          Starke Verschlüsselung ist von überragender Bedeutung. Die Zukunft unserer digitalisierten Welt hängt davon ab. Wenn Ärzte mit Hilfe von Telemedizin Patienten untersuchen und Kollegen konsultieren, spielt sichere Verschlüsselung eine Rolle. Nur so kann die richtige Behandlung sichergestellt werden. Wenn Industrieunternehmen ihre digitalisierten Produktionsanlagen steuern, ist Verschlüsselung ein zentraler Sicherheitsfaktor, damit keine Unfälle passieren, Mitarbeiter verletzt werden oder Anlagen stillstehen. Wenn autonome Fahrzeuge mit anderen fahrerlosen Autos oder mit der Verkehrsinfrastruktur kommunizieren, ist diese Kommunikation natürlich verschlüsselt. Hacker sollen nicht die Möglichkeit zum Zugriff haben. Wenn der Staat die Besteuerung von Bürgern und Unternehmen zunehmend elektronisch abwickelt und die Daten der Bürger in Behördencomputern speichert, dann werden sie durch wirksame Verschlüsselung geschützt.

          Die Forderungen sind nachvollziehbar, aber gefährlich

          Der Druck auf Unternehmen zur Verschlüsselung von Kommunikationsdaten hat im Zuge der Snowden-Veröffentlichungen Folgen gezeitigt. Selbst die Facebook-Tochter Whatsapp hat eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eingeführt. Deutschland legte sich schon 1999 eindeutig fest: Starke Verschlüsselung, so beschloss die Bundesregierung damals und bestätigte dies seitdem mehrfach, ist eine Grundlage der Digitalisierung und soll nicht gesetzlich eingeschränkt werden. Auf der Grundlage dieses Beschlusses hat sich in Deutschland eine mittelständisch geprägte IT-Sicherheitsbranche entwickelt, deren Kryptosystemen die ganze Welt vertraut, und deren Verfahren auch deutsche Unternehmen vor Wirtschaftsspionage schützen.

          Starke Verschlüsselung ist insofern das Rückgrat des digitalisierten Gemeinwesens. Zugleich schützen Verschlüsselungsverfahren aber auch diejenigen, die das Gemeinwesen bedrohen: vom Kleinkriminellen über die organisierte Kriminalität bis zum islamistischen Terrorismus. Kriminelle nutzen für ihre Kommunikation heute fast ausschließlich verschlüsselte Kanäle. Verbrechen werden verabredet und geplant, ohne dass die Beteiligten zusammenkommen müssen. Der Zugriff auf elektronische Kommunikation, auf Verbindungsdaten, Funkzellendaten, Kommunikationsinhalte oder gespeicherte Nachrichten gehört zum Ermittlungsstandard der Sicherheitsbehörden. Mit der zunehmenden Verschlüsselung von Kommunikation wird die Arbeit der Polizei und der Sicherheitsdienste jedoch immer schwerer. Whatsapp-Nachrichten können nicht mehr mitgelesen werden, andere Dienste sind schon lange nicht mehr zu überwachen. Diese zunehmende Blindheit gegenüber verschlüsselter Kommunikation von Kriminellen erklärt, warum die Verantwortlichen von Sicherheitsbehörden aller Länder seit geraumer Zeit eine Beschränkung freier Kryptographie fordern. Die Abschwächung von Verschlüsselungsprogrammen, die Hinterlegung der Schlüssel, der Einbau von Hintertüren, die Gewährleistung des Zugriffs auf die unverschlüsselten Inhalte durch Provider - darauf lauten die Forderungen. Sie sind nachvollziehbar, aber gefährlich.

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