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Snowden-Kritiker Edward Lucas : Alle Daten gehen nach Moskau

Sieht eine Fülle von Gründen, die Deutschen auszuspionieren: Buchautor und Snowdon-Kritiker Edward Lucas. Bild: CAMERA PRESS

Verschwörungstheorie bizarr: Ein Journalist versucht seinem Publikum von der New York University strategisches Denken einzubleuen. Seine Bomben vom Nutzen der NSA-Spionage zünden aber nicht recht.

          Edward Lucas ist schockiert. Bestürzt. Erschüttert. Entsetzt. Der englische Journalist sitzt an einem Tisch in einem Hörsaal der New York University und versucht Rechtsprofessoren und deren Studenten davon zu überzeugen, dass die Enthüllungen Edward Snowdens eine Katastrophe sind. Die Tatsache der Enthüllungen, nicht das Enthüllte. Bei Amazon hat Lucas ein kurzes E-Book publiziert, in dem er darlegt, Snowdens „Operation“ sei der schlimmste Sabotageakt in der Geschichte der westlichen Geheimdienste. Auf Einladung von Ryan Goodman, einem Fachmann für humanitäres Völkerrecht, stellt er seine Ansichten zur Diskussion.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die von Snowden angeblich angerichteten Schäden liegen nicht zutage. Wie andere Verteidiger des militärisch-überwachungsindustriellen Komplexes kann Lucas keine Beispiele dafür nennen, dass die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten oder Großbritanniens tatsächlich kompromittiert worden ist. Diese Schwierigkeit liegt in seinen Augen in der Natur der Sache, als deren Advokat er auftritt. Zu kostspieligen Anstrengungen der Schadensbegrenzung sieht er die Geheimdienste genötigt - und begrenzt wird der Schaden auch dadurch, dass die Dienste ihn geheim zu halten versuchen.

          An die Stelle von Belegen, Indizien und Schlüssen tritt im Vortrag von Lucas die Demonstration der Gefühle des Redners. Der Fachjournalist präsentiert sich als Seismograph des moralischen Erdbebens. Ihm, dem Kenner, der sich seit Jahrzehnten mit der Thematik befasst, soll man doch bitte abnehmen, wie dramatisch die Lage ist. Seine Zwischenbilanz der Snowden-Affäre ist durchgehend in der ersten Person Singular gehalten: eine Chronik von Verzweiflungsanfällen und stillen Zornesausbrüchen. Der Anwalt der Staatsräson bedient sich einer Rhetorik der Betroffenheit, wie man sie von Aktivisten der Umweltschutzbewegung oder der formierten Islamkritik kennt.

          Snowden, der Geheimagent aus dem Kreml

          Sein bitterer Ton verrät, dass er hier, unter Jurastudenten einer Eliteuniversität in der Welthauptstadt des Liberalismus, nicht mit freundlicher Aufnahme seiner Sicht der Dinge rechnet. Trotz spricht aus der Häufung der Bekundungen eines Entsetzens, welches offenkundig nicht geteilt wird. Lucas ist auch und hauptsächlich schockiert darüber, dass so wenige Leute schockiert sind, dass in der Öffentlichkeit eine ganz andere Bewertung der Angelegenheit vorherrscht: Die National Security Agency steht unter Begründungszwang, und Edward Snowden genießt weithin Respekt als der Mann, der unter Preisgabe der eigenen bürgerlichen Sicherheit das Material für eine notwendige Debatte über die Grenzen des Staates beschafft hat.

          Edward Lucas ist Redakteur der Wochenzeitschrift „The Economist“. Von 1998 bis 2002 war er Korrespondent in Moskau, derzeit ist er in der Londoner Zentrale für Energiepolitik und Rohstoffe zuständig. 2008 veröffentlichte er (auf Papier, bei einem seriösen Verlag) das Buch „The New Cold War“, das die Herrschaft des russischen Präsidenten Putin als Regime der organisierten Staatskriminalität darstellt.

          Er soll laut Lucas von Anfang an für die Russen gearbeitet haben: Edward Snowden im Herbst in Moskau.
          Er soll laut Lucas von Anfang an für die Russen gearbeitet haben: Edward Snowden im Herbst in Moskau. : Bild: REUTERS

          Vier Jahre später folgte unter dem Titel „Deception“ ein Buch über das Erbe des KGB. Der Knüller des elektronischen Sensationsbüchleins zum Fall Snowden ist die Behauptung des Autors, er habe „die Fingerabdrücke des Kreml“ entdeckt - nicht auf Dokumenten, die tatsächlich durch Snowdens Hände gegangen sind, sondern auf dem Drehbuch der Affäre. Snowden, so vermutet Lucas, arbeitete unwissentlich von Anfang an für die Russen. Als Bürgerrechtler getarnte Agenten hätten ihn zum Geheimnisverrat angestiftet.

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