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Sandro Gaycken zur IT-Hochsicherheit : Werft eure Computer weg!

  • Aktualisiert am

Sandro Gaycken forscht an der FU-Berlin zur digitalen Kriegsführung Bild: FU-Berlin

Wenn wir sicher leben wollen, sollten wir ganz neu anfangen: Neue Hard- und Software müsse dem Konzept der Hochsicherheit genügen. Für Deutschland liegt darin eine große Chance.

          Herr Gaycken, Sie haben die Teilnehmer der BKA Herbsttagung geradezu geschockt mit Einblicken in digitale Angriffe, die heute alltäglich sind. Sie beschrieben dabei nicht die Arbeit von Kriminellen und Terroristen, sondern von Geheimdiensten. Es scheint so, als würden wir in der Öffentlichkeit die Arbeit der Angreifer trotz der Enthüllungen Edward Snowdens noch deutlich unterschätzen.

          Ja, das ist der Fall. Wir diskutieren über die Überwachungsprogramme, weil sie gegen unser Datenschutzempfinden verstoßen. Viel interessanter sind aber die gezielten Aktivitäten, die Ressourcen, die die Nachrichtendienste heute haben und die Fähigkeiten, die von ihnen entwickelt wurden. Das ist atemberaubend. Gut gerüstete Angreifer kommen heute überall rein, sie können alles machen. Das ist sehr bedrohlich.

          Sie nannten in ihrem Vortrag als Gegenstrategie die „Hochsicherheit“. Dieser Begriff ist recht ungenau, was meinen Sie mit ihm?

          Hochsicherheitsinformationstechnologie ist nicht IT-Hochsicherheit. Es geht nicht um Sicherheitsprodukte, die ein wenig besser sind. Meine Idee von Hochsicherheit ist wirklich, den Computer noch einmal neu zu erfinden, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Das unsichere Zeug, das wir heute haben, müssen wir alles wegwerfen, wenn wir Informationstechnik für unsere hochsicheren Bedürfnisse nutzen. Die bisherige Geschichte der Informationstechnologie und Computer, Hardware und Betriebssysteme ist eine Geschichte von Entscheidungen gegen Sicherheit. Das geht 70 Jahre zurück. In den vierziger Jahren wurde zwischen der Harvard- und Von-Neumann-Architektur entschieden. Schon damals hat man sich für die billige und schnelle, statt sichere und solide Technologie entschieden. Diese Entscheidung wurde seit dem immer wieder so getroffen. Das muss man jetzt korrigieren.

          In Europa wird derzeit keine nennenswerte Hardware und nur wenig bedeutende Software entwickelt. Dieser Rückstand stellt sich in ihrer Idee plötzlich als Chance dar.

          Es ist eine gigantische Chance. Wenn auch Europa nicht der richtige Rahmen ist, weil die Politiker heute dann Europa wählen, wenn sie nicht selbst die Verantwortung übernehmen wollen. Aber wir sollten als Land uns der Sache annehmen. Außerdem: die Franzosen sind wegen ihrer Industriespionage im Verruf, die Briten gehören zum Spionagenetzwerk der „Five Eyes“ und den Italienern fehlt das Wissen. Es wäre geboten, eine deutsche Lösung zu finden in Kooperation mit kleinen Staaten, etwa den Niederlanden oder Norwegen, um eine Hardwareproduktion zu entwickeln, samt hochsicheren Betriebssystemen. Es wäre ein Gewinn an Sicherheit, an Privatheit und Datenschutz und es würde sicherlich auch ein Exportschlager.

          Sie haben ein Anreiz- und Fördersystem dafür in ihrem Vortrag umrissen. Aber Sie sagten nicht, wie lange solch ein Aufbau dauern würde. Wäre es ein Fünfjahresprogramm?

          Wir haben zu dieser Frage bereits geforscht und sind zu dem Schluss gekommen, dass es ein Zweijahresprogramm wäre. Mit den Fähigkeiten und Konzepten, die wir haben und mit den Resten an IT-Technologie in der Industrie würden wir relativ zügig sehr gute Hochsicherheitstechnologie entwickeln können. Das hängt aber davon ab, wie entschlossen man nun eine Kurswende vollziehen will. Das wiederum hängt davon ab, wie viel Geld man zur Verfügung hat, entweder durch die Politik selbst oder durch Anreize für Investoren.

          Sandro Gaycken arbeitet zum Thema Cyberwarfare am Institute of Computer Science der FU-Berlin.

          Die Fragen stellte Stefan Schulz.

          Quelle: F.A.Z.

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