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Neues Motorola-Handy : Das Smartphone, die freiwillige Fußfessel

Sieht in Sonderausstattung altertümlich aus, ist aber das modernste Werkzeug nicht nur für Benutzer, sondern auch für deren Überwacher: das Mobiltelefon Moto X Bild: AFP

Schon heute erlauben Mobiltelefone die Überwachung ihrer Benutzer. Mit dem gerade vorgestellten Modell Moto X von Google und Motorola ist eine neue Dimension der kontrollierten Welt erreicht.

          Motorola Mobility, jene Handysparte von Motorola, die seit dem vergangenen Jahr zu Google gehört, hat in der Nacht auf den gestrigen Freitag einen selbstbewussten Schritt in die Zukunft unternommen. Das Unternehmen stellte in New York mit bunten Cocktails und illuminiertem Glanz sein erstes Smartphone vor, das „Moto X“. Es soll nicht nur leichter, schneller und sparsamer im Stromverbrauch sein als die Produkte der Konkurrenz, sondern vor allem vernetzter. Was das bedeutet, hatten amerikanische Blogger schon vorher herausgefunden: Es potenziert die Möglichkeiten staatlicher oder sonstiger Überwachung.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn sogar im Ruhezustand kann das Moto X auf Sprachbefehle reagieren. Spricht sein Besitzer den Befehl „Ok Google now“, schaltet das Mikrofon vom Standby-Modus in den aktiven um. Es ist also stets eingeschaltet - selbst wenn der Benutzer das Gegenteil glaubt. Blogger vermuten, dass das Smartphone einen gesonderten Chip enthält, der lediglich die Spracheingabe des Mikrofons steuert. Das könnte Strom sparen und eine weniger fehlerhafte Aufnahme ermöglichen; es verdeutlicht aber in jedem Fall, wie wichtig Motorola und Google eine dauerhafte Spracherkennung seiner Nutzer ist. Angeblich soll das Mikrofon lediglich auf den Befehl „Ok Google now“ reagieren. Es bedarf aber keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, dass es auch jedes andere Wort registriert und aufnimmt, das verdeckten Ermittlern nur irgendwie verdächtig erscheint.

          Google lügt seine Nutzer an

          Noch weiter reicht die Entdeckung von IT-Experten aus dem Blog „Android Police“. Sie betrifft nicht allein das Moto X, sondern alle Smartphones, die mit der neuesten Version des von Google entwickelten Betriebssystems Android ausgestattet sind: Auf ihnen lässt sich der Wlan-Empfang nicht mehr abschalten. Denn selbst wenn er scheinbar ausgeschaltet ist, können Positionsdaten an Google übermittelt werden, sobald der Telefonbesitzer in die Nähe eines Netzes gelangt. Das bietet dem Internetgiganten die Möglichkeit, ohne den lästigen Stromverbrauch eines GPS-Systems zu agieren, vor allem aber ohne lästige Einwilligungserklärungen seiner Nutzer alle ihre Bewegungen zu kartographieren. Mit zusätzlichem Aufwand lässt sich das Wlan zwar auch ganz abschalten, dennoch gilt: Unter Android 4.3. bedeutet „aus“ nicht notwendig „aus“. Google lügt seine Nutzer an.

          Jeder kann sich vorstellen, wie die Unternehmenssprecher von Google auf Kritik aus der Öffentlichkeit reagieren werden: Man habe technische Neuerungen einzig zum Wohle der Kunden eingeführt, nicht zu deren Schaden. Denn wem schadete es schon, dass seine Bewegungen kartographiert werden, um etwa die Einkaufswege von Supermärkten oder die Nutzung von Verkehrsknotenpunkten zu verbessern? Wem schadete es, wenn seine Bewegungen nur der Erstellung besserer Karten dienen, denen diese Bewegungen überhaupt erst zugrunde liegen? Die Antwort müsste zunächst wohl lauten: niemandem. Schaden aber wird das vor allem nicht der NSA und jenen Geheimdiensten, die gerade dabei sind, die flächendeckende Überwachung der halben Weltbevölkerung einzurichten.

          Ein paranoides Wahnsystem

          In der vergangenen Woche veröffentlichte der Youtube-Blogger „manniac“ ein animiertes Video, das sich mit dem Überwachungsstaat auseinandersetzt. „Manniac“ versuchte zu zeigen, dass staatliche Überwachung fast immer zu einem paranoiden Wahnsystem verkommt und dass unter dem vielbeschworenen Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit meist Letztere leidet. Eines seiner Fallbeispiele ist Andrej Holm, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Humboldt-Universität. Holm war im Jahr 2007 von einem Sondereinsatzkommando in seiner Wohnung verhaftet worden, weil die Polizei glaubte, er wäre Drahtzieher einiger linksextremistischer Anschläge. Anlass dazu gaben zwei Begriffe, die in den Bekennerschreiben gefallen waren und die Holm ebenfalls in wissenschaftlichen Aufsätzen verwendet hatte: „Prekarisierung“ und „Gentrifizierung“.

          „Manniacs“ Video zeigt die Überwachung als Bild: Holms Wohnung, umgeben von zahllosen Kameras. Aber mit der Vorstellung des Moto X von Motorola wirkt dieses Bild so veraltet wie die bekanntesten Abhörthriller der New Hollywood Ära. Denn die eingebaute Technik im Moto X legt offen, was bereits auch für die Smartphones anderer Hersteller gelten kann: Niemand muss inzwischen mehr in einem alten VW-Bus sitzen, um Wanzen abzuhören, und niemand muss mehr heimliche Kameras auf sein Ziel richten, um es zu beobachten. Wir schauen freiwillig in die Kameras unserer Smartphones, und die Kameras schauen zurück.

          Beobachter oder Beobachtete? Journalisten nehmen das neue Produkt in den Blick
          Beobachter oder Beobachtete? Journalisten nehmen das neue Produkt in den Blick : Bild: AP

          Das neue Galaxy S4 von Samsung registriert per Kamera Bewegungen des Auges. Wenn ein Handynutzer ein Video bei Youtube schaut, und einen Moment lang nicht auf den Bildschirm blickt, pausiert der Film. Nicht auszudenken, was das für die Werbung der Zukunft bedeutet, nämlich dass sie grundsätzlich angeschaut werden muss und vollständig personalisiert ist. Nicht auszudenken auch, welche Freude ein NSA-Mitarbeiter im Programm „X-Keyscore“ mit einer solchen Kamera haben wird.

          Da ein Smartphone insgesamt mehr Sensoren enthält als eine Mittelstreckenrakete, sind die Möglichkeiten zu seiner Überwachung enorm. Laut Peter Leppelt vom IT-Sicherheitsunternehmen Praemandatum könnte ein Geheimdienstmitarbeiter dem Benutzer eine App unterjubeln, die regelmäßig und unerkannt die Positionsdaten des GPS-Empfängers weiterleitet. Denkbar wäre etwa eine Trojaner-Version des Chatprogramms Whatsapp, das ohnehin gravierende Sicherheitslücken aufweist, oder eine App jedes anderen größeren Unternehmens aus den Vereinigten Staaten, auf das sich geheimdienstlich Druck ausüben ließe.

          Genaue Bewegungsprofile

          Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, der Nutzer besäße nicht eine einzige App, ließe sich aber auch aus Wlan Empfang und Funkzellenabfrage des Handys ein genaues Bewegungsprofil erstellen. Leuchten auf dem Display eines Smartphones Vorschläge für verschiedene Wlan-Netze auf, haben im Gegenzug bereits alle diese Netze die MAC-Adresse (Media-Access-Control) des Handys erhalten, eine eindeutige Gerätekennnummer. So lässt sich genau nachprüfen, zu welcher Zeit sich das Handy an welchem Ort befand. Dabei gilt: je mehr Wlan-Netze, desto feiner die Schnittmengen und desto genauer die Positionsbestimmung. Genauso funktioniert auch die Funkzellenabfrage des Telefons selbst.

          Die Sensoren unserer Smartphones verraten nicht allein unseren Aufenthaltsort: Sie verraten unseren Zustand, unsere Stimmung, den Takt unseres vegetativen Nervensystems. Der Accelerometer etwa, ein Geschwindigkeitssensor, misst die Bewegungen von Handys der neuesten Generation auf drei verschiedenen Achsen. Bekäme jemand Zugriff auf diese Daten, wüsste er nicht nur, ob das Handy auf dem Tisch liegt oder getragen wird. Er wüsste auch, ob dessen Besitzer spazieren geht, läuft oder rudert, und sogar das betreffende Geschlecht. Der automatische Helligkeitssensor könnte ihm verraten, ob sich der Besitzer gerade in einem dunklen oder beleuchteten Raum aufhält.

          Die Hülle des Modells mag sich ändern, seine Komponenten jedoch sind identisch
          Die Hülle des Modells mag sich ändern, seine Komponenten jedoch sind identisch : Bild: AFP

          So wird das Gerät von dem wir glaubten, es trüge die digitale Freiheit in sich, zur digitalen Fußfessel, zur Handyfessel. Und so verschenken wir ohne großes Aufheben unsere Freiheiten an ein Gerät, dass wir dafür auch noch anbeten. Es müsse, sagt Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Sprecher von Wikileaks, deshalb ein Recht auf Einfachheit für den Verbraucher geben. Alle technisch relevanten Daten müssten auf einer oder zwei Seiten verständlich erklärt sein.

          Längst floriere in den Vereinigten Staaten ein grauer Markt für digitale Sicherheitslücken. Dort könnten selbst Menschen mit wenig Geld sicherheitsrelevante Daten einkaufen, um Mitbürger zu überwachen. Und dort könne Überwachungsmaterial zu Geld gemacht werden. So jedenfalls haben wir uns die Zukunft nicht vorgestellt.

          Quelle: F.A.Z.

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