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Veröffentlicht: 20.03.2014, 10:53 Uhr

Larry Page über Ausspähung Google sorgt sich um die Demokratie

Google-Chef Larry Page spricht in Vancouver über Google, die NSA, Gesundheitsdaten und die amerikanische Regierung. Den Unterschied zwischen guter und böser Überwachung kann er allerdings nicht erklären.

von Stefan Schulz
© Ryan Lash Der Journalist Charlie Rose und Google-Chef Larry Page im Gespräch in Vancouver

Das Ziel („die Mission“) Googles sei noch immer, die Informationen der Welt zu organisieren, sie zugänglich und nutzbar zu machen. Das sagte Larry Page, Gründer von Google und heute Chef des Unternehmens, am Mittwoch auf einer Bühne in Vancouver, im Gespräch mit dem Journalisten Charlie Rose. Über den Weg, auf dem dieses Ziel erreicht werden könne, zeigte sich Page allerdings ernüchtert: „Ich glaube nicht, dass wir in einer Demokratie leben, wenn wir unsere Nutzer vor der Regierung schützen müssen, aus Gründen, über die nie mit uns gesprochen wurde. Wir müssen wissen, was geschieht, welche Form von Überwachung die Regierung anwendet, wie und warum.“

Larry Page äußerte sich ungewöhnlich konkret. Als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg jüngst öffentlich darüber sprach, mit Obama telefoniert zu haben, nachdem bekannt wurde, dass sich amerikanische Geheimdienste als Facebook-Server im Netz tarnten, ging es ihm „um unser aller Zukunft“. Die sieht er bedroht, wenn Menschen wegen der staatlichen Überwachung bei der Internetnutzung „nur noch vom Schlechtesten ausgehen“.

Google möchte Bedürfnisse erkennen

Larry Page teilte diese Einschätzung in Vancouver. Tatsächlich zeigte das Gespräch allerdings, dass Überwachung kein auf die Tätigkeit staatlicher Geheimdienste beschränktes Verfahren ist. Die Arbeit von Computern gleiche noch „einem ziemlichen Durcheinander“. „Ihr Computer weiß nicht, wo Sie sind, was Sie wissen und was Sie tun“, sagte Page zu Rose. Deshalb arbeite Google daran, Geräte zu entwickeln, die „Kontexte verstehen und Bedürfnisse deuten“ können.

Zu diesem Zweck kaufte Google das britische Unternehmen „DeepMind“, das sich mit dem computerisierten Erkennen und Verstehen menschlicher Sprache beschäftigt. Noch verstehe die Technologie den Menschen zu schlecht, weshalb sie derzeit mit Youtube-Videos trainiert werde. Inzwischen spiele „DeepMind“ selbständig Computerspiele mit „übermenschlicher Leistung“. „Stellen sie sich vor, diese Form von Intelligenz stünde ihnen im Alltag zur Verfügung“, sagte Page. Überhaupt fasziniere ihn der Gedanke, menschliche und künstliche Gehirne zusammenzubringen, sagte Page.

Page: Wir wollen die Welt verändern

Page sprach in diesem Zusammenhang begeistert über Googles Handybetriebssystem Android. Zu Beginn sei die Arbeit wenig vielversprechend gewesen. Heute arbeite Google daran, die Software für mehrere Geräteklassen nutzbar zu machen. Beispielhaft nannte Page „Android Wear“, eine in den vergangenen Tagen veröffentlichte Version des Betriebssystems, die sich in kleinen Geräten installieren lässt und direkt in Kleidung getragen werden kann.

Google befinde sich auch nach 15 Jahren in einem frühen Stadium, die „Informationen der Welt zu verstehen“. An diesem Ziel werde allerdings nicht gerüttelt, sagte Page. Das Ziel „die Welt zu verändern, sie besser zu machen“, unterscheide Google von Unternehmen, die selbst keinen langfristigen Erfolg hätten. „Diese Unternehmen verpassen die Zukunft“, sagte Page. Die meisten Menschen „halten Unternehmen für grundsätzlich böse“, sagte Page. Das betreffe insbesondere Unternehmen, die sich kaum entwickelten. Nun brauche es „revolutionären Wandel“.

In Demokratien wird öffentlich diskutiert

Diesen bezog Page auch auf den Umgang mit Gesundheitsdaten. „Wäre es nicht wunderbar, wenn Ärzte anonymisiert auf die medizinischen Daten von jedem zugreifen könnten?“, fragte Page. „Man könnte sehen, auf welche Daten Ärzte zugreifen und warum.“ Page sei selbst besorgt gewesen, öffentlich über seine Stimmband-Lähmung zu sprechen, doch Google-Mitgründer Sergey Brin habe ihn dazu überredet. Man denke zu wenig über die Vorzüge nach, auch derartige Informationen zu teilen, sagte Page.

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In dieser Passage des Gesprächs offenbarte Page, worum es Google eigentlich geht. Das Unternehmen kann aus medizinischen Daten selbst nämlich wenig Nutzen ziehen. Es interessiert sich aber dafür, wie Ärzte mit diesen Daten umgehen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Google allerdings kaum von der NSA. Denn wenn Larry Page auch offen ließ, was er mit „Überwachung“ genau meinte. Das grundsätzliche Problem, das für Geheimdienste ebenso wie für sein Unternehmen gilt, sprach er selbst an: Was ihn beim Spähskandal am meisten enttäuscht habe, wollte Charlie Rose wissen. Dass die Regierung mit ihren Programmen „nicht an die Öffentlichkeit ging“, antwortete Page. „Wir leben nicht in einer Demokratie, wenn wir darüber nicht offen sprechen. Es hat so keinen Sinn.“

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