http://www.faz.net/-gsf-7gw8o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.08.2013, 08:18 Uhr

Im Zeitalter von Big Data Wir wollen nicht

Edward Snowden hat die Frage unserer Zeit gestellt: ob wir so leben wollen oder nicht. Big Data verändert unser Denken und Handeln radikal: „Wir können Dinge tun, die wir niemals tun konnten“.

von
© Reuters Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, hat Big Data nicht verstanden - Splitscreen mit dem von Microsoft entwickelten „Domain Awareness System“

Am 9. Juni dieses Jahres machte der „Guardian“ die Identität Edward Snowdens in einem Interview öffentlich. In dem Gespräch begründete Snowden seine Aktion mit folgendem Satz: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich tue und sage, aufgezeichnet wird.“ Nach allem, was man seither gelesen, gehört und gesehen hat, ist festzustellen, dass kein Wort an dieser Begründung falsch oder übertrieben war. Die offene Frage in der ganzen Snowden-Affäre, die wir und die Politik uns zu stellen haben, ist dieselbe, die Snowden stellte: ob wir in so einer Welt leben wollen oder nicht.

Offenbar wollen wir. Bundesregierung und die Mehrheit der Bundesbürger haben sich gegenseitig versichert, dass sie nichts voreinander zu verbergen haben. Was immer die unsichtbare Hand der Geheimdienste und des Silicon Valley in irgendeiner elektromagnetischen Schicht an Insider-Informationen sammelt, dringt in den Augen der Bürger ins wirkliche Leben allenfalls als Buchempfehlung vor. Und weil Menschen, die die Aufregung um Snowden nicht gekauft haben, auch nicht eine Partei wählen, die damit Politik macht, hat auch keine Partei eine politische Antwort auf das Drama des überwachten Menschen wirklich im Angebot. Der „Like“-Button ist längst stärker als jedes Bundesverfassungsgerichtsurteil.

Eine „Beendigung der Debatte“ wäre verantwortungslos

Verdorben durch den Wahlkampf, der die Debatte zum reinen Stellvertreterkrieg machte, verwässert durch die nachgerade unverfrorenen Erklärungen, mit der die NSA relevante Informationen in einer Flut von Hintergrundrauschen ertränken wollte, verunsichert durch Snowdens vielleicht ausweglosen, aber angreifbaren Weg nach Moskau und verängstigt von der Gefahr, Terroristen in die Hände zu spielen, hat sich die Informationsgesellschaft offenbar mehrheitlich auf den Standpunkt gestellt, dass man nichts Genaues weiß und auch nie wissen wird und man im Übrigen nichts zu verbergen habe. Zu dieser Einschätzung trugen die offenbar falsche Zuordnung von 500 Millionen Telefonverbindungen in Deutschland ebenso bei wie jene Experten, die, manchmal sogar in der gleichen Person, Snowdens Enthüllungen zum alten Hut, zum Staatsgeheimnis oder zum schieren Missverständnis erklärten. Man versteht nach alledem, warum die Menschheit erst in der „Wissensgesellschaft“ angekommen sein musste, als sie im Jahre 2005 eine neue Wissenschaft erfand: die Agnotologie, die Analyse der systematischen Produktion von Nicht-Wissen. Sie hat einen entscheidenden Effekt auf das, was wir altertümlich politische Willensbildung nennen: Man kann gar nicht mehr sagen, was man will oder nicht.

25643476 © Glimmerglass Vergrößern So sehen Anzeigen von Firmen aus, die weltweit für ihre Überwachungssoftware werben

Es ist unmöglich, nachzuzeichnen, wie all die Bluffs, Ablenkungen, Fehler, Aufklärungen und Camouflagen, inklusive der Lügen vor dem amerikanischen Kongress, aus der „Debatte“, die sich nicht nur Snowden, sondern auch der amerikanische Präsident wünschte, eine Travestie machten. Es mag sein, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten noch von etlichen Programmen wie Prism hören werden und die Auseinandersetzung immer mehr zu einer operativen Frage geheimdienstlicher Strategien wird.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Erster Tag re:publica Wir müssen endlich das Durcheinander beseitigen

Jetzt wird schon die zehnte Netzkonferenz re:publica ausgetragen, und es geht eigentlich immer noch um dieselben Themen wie am Anfang. Snowden grüßt wie ein Murmeltier, nur Günther Oettinger macht eine neue Entdeckung. Mehr Von Andrea Diener, Berlin

02.05.2016, 18:11 Uhr | Feuilleton
Video Wiederverwendbare Rakete absolviert Testflug

Die wiederverwendbare Rakete von Amazon-Gründer Jeff Bezos, New Shepard, erreichte nach einigen Minuten im Suborbit wieder sicher die Erde. Nicht nur der Start verlief nach Plan, sondern auch die Landung ein paar Minuten später. Bezos rechnet damit, dass im kommenden Jahr bemannte Testflüge starten können. Mehr

04.04.2016, 10:01 Uhr | Wirtschaft
Big Brother Award Der Verfassungsschutz ist die größte Datenkrake

Der Datenschutzverein Digitalcourage zeichnet den Verfassungsschutz mit dem Big Brother Award aus und prangert dessen Verstrickung in den NSU-Skandal an. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe werden bedacht. Mehr

22.04.2016, 19:21 Uhr | Feuilleton
Viele Verletzte Explosion in einem Bus in Jerusalem

Bei einer Explosion in einem Bus in Jerusalem hat es zahlreiche Verletzte gegeben. Die Ursache für die Detonation war zunächst unklar. Die Polizei wird mit den Worten zitiert, es könnte sich um einen Angriff gehandelt haben. Aber auch ein technischer Defekt wurde nicht ausgeschlossen. Mehr

18.04.2016, 19:13 Uhr | Politik
Renten-Debatte AfD will Rente nach Schweizer Vorbild

Die Rentendebatte erreicht die kleinen Parteien: Auch die AfD erklärt die Riester-Rente für gescheitert. FDP-Chef Lindner hat einen anderen Vorschlag. Mehr

20.04.2016, 11:35 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Wenn das ins Auge geht

Von Dietmar Dath

Alphabet (Google) hat ein Patent für eine radiofrequenzenergiekompatible Flüssigkeit angemeldet. Man träufelt sie ins Auge und kann das eigene Sehen anschließend fremdsteuern lassen. Mehr 2 6

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“