http://www.faz.net/-gsf-7hi9z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 16.09.2013, 17:00 Uhr

Identitätsmanagement Das neoliberale Selbst

Wer glaubt, sein Ich sei Herr im eigenen Haus, hat den Neoliberalismus nicht verstanden. Längst herrscht der Zwang, Körper und Seele entsprechend den Anforderungen des Marktes zu gestalten.

von Philip Mirowski
© Fair Isaac Corporation Bevorzugtes Kontrollinstrument des neoliberalen Selbst: der Fico-Score

Die Zersplitterung des neoliberalen Selbst beginnt in dem Moment, da eine handelnde Person erkennt, dass sie nicht bloß Studentin oder Angestellte ist - sondern zugleich ein Produkt, das verkauft werden muss; eine wandelnde Reklame; ein Verwalter des eigenen Lebenslaufs; und der Entrepreneur der eigenen Möglichkeiten. Er oder sie muss damit zurechtkommen, gleichzeitig Subjekt, Objekt und Zuschauer zu sein. Sie ist gleichzeitig das Geschäft, der Rohstoff, das Produkt und der Kunde des eigenen Lebens. Sie ist ein Haufen von Werten, die investiert, betreut, verwaltet und entwickelt werden wollen; sie ist zugleich aber auch eine Ansammlung von Risiken, die ausgelagert und minimiert werden müssen und gegen die man wetten kann. Sie ist beides, der Star und das entzückte Publikum der eigenen Vorstellung. Es geht hier nicht um Masken, die man mühelos ausprobieren könnte. Es geht um Rollen, die ständig verstärkt und reglementiert werden müssen. Foucault hat darauf hingewiesen, dass das neoliberale Selbst die Grenze zwischen Produktion und Konsum verwischt. Weiterhin gibt es keine vorgegebenen Hierarchien und festen Handlungsmuster, es gibt für jeden nur ein ständig wechselndes Rollenverzeichnis, das sich nach den Erfordernissen des Moments richtet. Den größtmöglichen Nutzen erwirtschaftet die handelnde Person, wenn sie sich als in jeder denkbaren Hinsicht absolut flexibel zeigt.

Eines der am besten untersuchten Beispiele dafür, wie neoliberales Handeln sich ausgebreitet hat, ist das Verhalten der Menschen im Internet. Die populären Medien sind vernarrt in die Idee, das Web hätte die Art, wie Informationen verbreitet werden, auf den Kopf gestellt und dabei unser Menschsein verändert. Es grassieren Horrorgeschichten über Leute, die sich im Netz eine falsche Identität zulegen. Aber man darf sich nicht mit simplem Moralisieren aufhalten; dann entdeckt man, dass das Internet zum Testgelände geworden ist, wo das moderne fragmentierte Selbst das Simulieren einstudiert.

Verwandlung in eine anpassungsfähige Identität

Es geht nicht nur darum, dass im Web niemand weiß, ob man ein Hund ist; es geht darum, dass die meisten Menschen diese Technologie nutzen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie es ist, einen Hund überzeugend zu mimen. Wenn man mit schlichten ChatSites beginnt und dann weitergeht, zu Facebook, Twitter, LinkedIn und dem Rest, dann kann man erleben, wie spannend und wie gefährlich es ist, die eigene Identität ständig an die wechselnden Anforderungen des Augenblicks anzupassen.

Es sei hier nur auf die neoliberale Technologie par excellence verwiesen, auf Facebook. Facebook ist der perfekte reflexive Apparat: Es ist ein äußerst erfolgreiches Geschäft, das denen, die mitmachen, beibringt, wie man sich selbst in eine biegsame, anpassungsfähige unternehmerische Identität verwandelt. Obwohl Facebook einen Großteil der geposteten Informationen verkauft, behauptet das Unternehmen strikt, die Verantwortung für alles, was mit und auf so einer Facebook-Pinnwand passiere, liege ausschließlich bei den Nutzern. Man drängt die Teilnehmer, aus einem begrenzten Repertoire relativ stereotypen Materials ein „Profil“ zu konstruieren und irgendwie „Freunde“ zu gewinnen, indem sie ihr Angebot so ausrichten, dass es aus dem großen Einerlei herausragt.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Überbrückt

Von Tilman Spreckelsen

Die Pläne, Pompeji zum Teil barrierefrei zu gestalten, sind aus vielen Gründen zu begrüßen. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“