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Gespräch mit dem Soziologen Dirk Baecker : Der Name von Big Brother lautet Sherlock Holmes

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Dirk Baecker lehrt an der Zeppelin- Universität Kulturtheorie und -analyse. In seinen jüngsten Büchern befasst er sich mit dem Risikokalkül des Kapitalismus und den Formen der Krise der Demokratie. Bild: Doris Poklekowski

Von Computern ist die Informationsgesellschaft abhängig. Der Trumpf der Maschinen ist die Kombination aus Dummheit und Schnelligkeit. Lässt sich dieser Nullintelligenz etwas entgegensetzen?

          Herr Baecker, Anfang der siebziger Jahre schloss Salvador Allende Chiles Wirtschaft an den Computer „Cybersyn“ an. Was steckte hinter dieser Maschine, und welche Idee verband ihr Konstrukteur Stafford Beer mit ihr?

          Diese Maschine beruhte auf Erkenntnissen der Kybernetik. Sie hatte die Aufgabe, die Wirtschaft kybernetisch zu synchronisieren, daher ihr Name. Das lief im Wesentlichen auf die Einrichtung zahlreicher Rückkopplungen zwischen Planungsbehörden und Unternehmen hinaus. Gewerkschaften und Kunden waren allerdings allenfalls indirekt einbezogen. Zum wirklichen Test kam es nicht, da die CIA gegen Allende putschte. Die eigentliche Achillesferse war jedoch, dass alle Rückkopplungen im Wesentlichen in einer Maschine zusammenkamen, die somit eine Art zentraler Steuerung realisierte. Das widerspricht neuen Erkenntnissen der Kybernetik zweiter Ordnung, die damals gerade erst entstand und die in Unternehmen, Planungsbehörden und Gewerkschaften auf Selbststeuerung gesetzt hätte. Letztlich hat Stafford Beer die Wirtschaft mit einem einzelnen Unternehmen verwechselt. In Letzteren gibt es Hierarchien, die planungsfähig sind, in Ersterer nicht.

          Ließe sich heute, vierzig Jahre später, nicht an die Steuerungsidee anknüpfen? In Amerika wird zuweilen Kriminalität in Städten dadurch bekämpft, dass Verkehrsströme und Verhalten beobachtet werden und die Polizei von Computern errechnete Wahrscheinlichkeitswerte ernst nimmt. Ist Gleiches nicht auch für die Wirtschaftspolitik denkbar? Welche Rolle spielt Information in der Planung politischer Entscheidungen?

          Man wäre heute vorsichtiger. Die Beispiele, die Sie nennen, beruhen auf den Möglichkeiten, Technik und Hierarchien zu kombinieren. Sie können dort, wo technische Einschränkungen akzeptiert werden, etwa in der Form von Ampeln, Leitplanken oder auch gesetzlich garantierten Zahlungsmitteln, steuern. Sie können auch eine Hierarchie, etwa eine Polizeibehörde, über Rückkopplungen aller Art mit Informationen versorgen, die es ihr erlauben, wahrscheinliches Verhalten zu projizieren und ihm präventiv zu begegnen. Dem Steuerungsvermögen sind allerdings Grenzen gesetzt, die durch die Grenzen der Technik vorgegeben sind. Mit einer Hierarchie können Sie nur Ihr eigenes Verhalten steuern, dies aber unter Umständen mit durchaus beachtlichen Effekten in Ihrer Umwelt. Beides setzt Information voraus. Technik ist materialisierte Information, wenn man so will; eine Hierarchie funktioniert demgegenüber nur, wenn sie ebenso viel Information verarbeiten wie sie auch bei Bedarf ignorieren kann.

          In der Soziologie hat sich diese Erkenntnis, dass mehr Information gerade auch mehr Unsicherheit und mehr Zeitaufwand bedeutet, durchgesetzt. Hierarchien sind in erster Linie Kommunikationshürden, festgelegte Ordnungen, die das Durcheinander von Informationen begrenzen sollen. Jedes Unternehmen, jede Regierung ist darauf angewiesen. Seit wenigen Wochen kennen wir nun Geheimdienstprogramme wie „Prism“. Die Geheimdienste scheinen Wege gefunden zu haben, mit der Unendlichkeit von Informationen umgehen zu können. Steckt darin nicht das Potential eines Paradigmenwechsels? Nach dem Hochfrequenzhandel an der Börse scheinen Allwissenheitsentscheidungen in der Politik denkbar?

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