http://www.faz.net/-gsf-7b3se
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.07.2013, 17:00 Uhr

Gastbeitrag Frontalangriff auf die Freiheit

Wer ist hier der Feind einer offenen Gesellschaft? Dass digitale Kommunikation heute als Gefahr gilt, haben wir doch rot-grünem Denken zu verdanken. Eine Antwort auf Sigmar Gabriel.

von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
© Matthias Lüdecke Für Rot-Grün hatte Sicherheit damals absoluten Vorrang: Bundeskanzler Gerhard Schröder und Innenminister Otto Schily am 19. September 2001, kurz der vor Regierungserklärung zu den Anschlägen des 11. September.

Nur wenige Tage nach den ersten Enthüllungen durch Edward Snowden luden Bundeswirtschaftsminister Rösler und ich die Spitzen der IT-Wirtschaft zu einem Krisengipfel in das Wirtschaftsministerium ein. Neben der Tatsache, dass sich Facebook gleich dem Dialog entzog, blieben nach Ende des Gesprächs mehr Fragen offen als vorher.

Die deutsche Regierung solle, so ein Anliegen der Unternehmen, doch die US-Administration bitten, sie in ihrer Transparenzoffensive zu unterstützen. Wegen der Geheimhaltung, an die die Konzerne in Amerika gebunden seien, könne man nichts sagen. Selbst auf unsere bohrenden Nachfragen, ob Google und Microsoft denn ausschließen könnten, Gegenstand einer geheimdienstlichen Spähattacke zu werden, blieb nur ein großes Fragezeichen im Sitzungssaal des Wirtschaftsministeriums stehen.

Gigantische Überwachung des Internets

Als wären diese Vorwürfe nicht schlimm genug, standen kurz darauf die nächsten Enthüllungen über ein britisches Programm auf der Tagesordnung. „Tempora“, so hieß es zwei Wochen später, sei ein britisches Programm, das umfassend personenbezogene Daten unter anderen aus dem transatlantischen Glasfaserkabel im Norden der Bundesrepublik abgreife. Gleich nach diesen Behauptungen forderte ich von meinen britischen und amerikanischen Amtskollegen Aufklärung über diese Sachverhalte, die Rechtsgrundlagen und die Rechtspraxis. Immerhin ging Ende letzter Woche eine Antwort aus London ein, aus Washington noch nicht. Darin stand aber nur, alles geschehe nach Recht und Gesetz, mehr könne man aus Geheimhaltungsgründen nicht sagen.

Der Vorwurf steht also im Raum, die Vereinigten Staaten und Großbritannien betrieben eine gigantische Überwachung des Internets, die auch vor dem Bundeskanzleramt und nationalen sowie europäischen diplomatischen Vertretungen nicht haltmache. Deshalb habe ich von Szenarien gesprochen, die an den Kalten Krieg erinnern und unter Freunden inakzeptabel sind. Die politischen Antworten darauf verlieren sich bislang im Ungefähren. Zum Beispiel in der Aussage, dass die Terrorbekämpfung wichtig sei und die Geheimdienste ja schlecht ihre Informationen aus der „New York Times“ beziehen könnten.

Sicherheit als „Supergrundrecht der Verfassung“

Diese Argumentation führt direkt in die Zeit der Terroranschläge in New York, London und Madrid. Damals entstand eine weltweite Sicherheitsgesetzgebung, die einer gemeinsamen Logik folgte: „to bring the state back in“. Sicherheit müsse der Staat als die Ordnungsmacht im Zeichen der Globalisierung garantieren, und zwar auf allen Ebenen, international wie national. Eingriffe in die Privatsphäre seien dafür hinzunehmen.

Das sollte gerade auch für die digitale Kommunikation gelten. Sie galt fortan nicht mehr überwiegend als Gewinn, sondern als Gefahr - das Internet als Schauplatz terroristischer Verabredungen. In Deutschland hatte sich der Paradigmenwechsel in der Innenpolitik schon angedeutet mit der Behauptung eines Grundrechts, das gar nicht existiert: des berühmt-berüchtigten „Grundrechts auf Sicherheit“. Statt zu fragen, wie Sicherheit und Freiheit angesichts des Terrors in einer vernünftigen Balance gehalten werden können, behauptete der damalige Bundesinnenminister Schily einfach: Sicherheit habe als Supergrundrecht der Verfassung immer Vorrang. Gäbe es tatsächlich ein verfassungsrechtlich begründetes Grundrecht auf Sicherheit, würden die Freiheitsgrundrechte des Grundgesetzes ins Leere laufen und auch der Kernbereich privater Lebensgestaltung schutzlos werden.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Moschee-Bau in Erfurt AfD-Politiker Höcke relativiert Religionsfreiheit für Muslime

Die Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt sieht einen gesellschaftlichen Bedarf für den Bau einer Moschee. Die Thüringer AfD will das Vorhaben um jeden Preis verhindern. Mehr Von Claus Peter Müller, Erfurt

18.05.2016, 18:32 Uhr | Politik
Wertekonferenz der SPD Gabriel meldet sich in Sachen Gerechtigkeit zu Wort

Der Vizekanzler und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat am Montag in Berlin gesagt, seine Partei müsse die Hoheit bei Gerechtigkeitsfragen zurückerobern: Vor diesem Hintergrund des großen Anspruches aus der Geschichte der Sozialdemokratie ist es natürlich ein Alarmsignal, wenn jüngste Umfragen der SPD bescheinigen, dass nur noch 32 Prozent der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes ihr eine Kompetenz in Sachen der sozialen Gerechtigkeit zuordnen. Mehr

09.05.2016, 14:30 Uhr | Politik
Flüchtlinge Wie sicher sind die neuen sicheren Herkunftsländer?

Der Bundestag hat entschieden, die Liste der sicheren Herkunftsländer zu erweitern. In Marokko gibt es Folter, Tunesien kämpft mit dem Terror und Algerien wird noch immer autoritär regiert. Wie sicher sind diese Länder? Mehr

13.05.2016, 09:49 Uhr | Politik
Raumfahrt Astronaut Gerst wird ISS-Kommandant

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst wird 2018 zum zweiten Mal zur Internationalen Raumstation fliegen und die Hälfte seines sechsmonatigen Aufenthalts dort Kommandant der ISS sein. Dies teilte der Generaldirektor der europäischen Weltraumagentur ESA, Jan Wörner, im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Europäischen Astronautenzentrum in Köln mit. Mehr

19.05.2016, 08:36 Uhr | Wissen
Gespräch mit der F.A.S. Merkel grenzt Union nach rechts ab

Rechts von der Union dürfe keine demokratisch legitimierte Kraft entstehen, hat Franz Josef Strauß gesagt. Im Gespräch mit der F.A.S. schränkt Kanzlerin Merkel den Satz ein: Wenn er bedeute, dass dafür Prinzipien der Union aufgegeben werden müssten, gelte er für sie nicht. Mehr

21.05.2016, 16:30 Uhr | Politik
Glosse

Heines Frauen

Von Sandra Kegel

Die Herren des „Heines Freundeskreis“ in Düsseldorf nehmen in ihre Vereinssatzung ein Frauen-Verbot auf und beißen sich in Anbetracht der Werte, die sie vertreten, in den eigenen Schwanz. Mehr 4 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“