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Nach den NSA-Enthüllungen : Unser Jahr mit Edward Snowden

  • -Aktualisiert am

Brachte die Janusköpfigkeit der Digitaltechnologien zum Vorschein: Edward Snowden Bild: AFP

Je mehr von den geheimdienstlichen Überwachungen bekannt wird, desto schwieriger wird ein Ausweg aus dieser schlimmen Lage: Die Logik der Datenhortung muss durchbrochen werden.

          Vor einem Jahr begann eine neue Zeitrechnung in der vernetzten Welt. Edward Snowden, ein kluger und wohlartikulierter Insider des globalen Überwachungssystems, hat die Tür zu den Katakomben unter den Fundamenten der westlichen Demokratien aufgestoßen. Seit Jahrzehnten unterminieren dort lichtscheue Geheimdienste im Namen unser aller Sicherheit die Grundlagen der Werte, die sie vorgeben zu verteidigen. Mit dem Versprechen des potentiellen Allwissens, der Teilhabe an der Beute der weltweiten Daten-Schleppnetzfischerei, haben sie Staatschefs und Minister so eng in das System einbezogen und eingewoben, dass politische Auswege aus dem Überwachungswahn immer unwahrscheinlicher scheinen, je mehr Details bekanntwerden.

          Man kann die Dutzende bekanntgewordener Abhörprogramme und -systeme kurz zusammenfassen: Die Geheimdienste wollen alles mitlesen, alles abhören, alles auswerten und analysieren, was irgendwie kommuniziert oder von informationstechnischen Systemen verarbeitet oder gespeichert wird. Und sie sind nicht weit davon entfernt. Die Totalität dieses Ansatzes war den meisten Menschen vor Snowden unvorstellbar, bestenfalls bekannt aus dystopischer Science Fiction. Und auch heute noch, ein Jahr nach Beginn der Enthüllungen, fällt es schwer, ein auch nur technisch verständliches Gesamtbild davon zu entwickeln.

          Der argumentative Kern dieses alles erfassenden Ansatzes ist die Ideologie des ewig wachsenden Heuhaufens: möglichst alle Daten immer länger zu speichern, weil sich ja im digitalen Heu die terroristische Nadel befinden könnte - und gleichzeitig treuherzig zu versprechen, mit den Datenbergen nichts Böses zu tun, sie nicht zur Durchleuchtung und Manipulation des „normalen Bürgers“ zu verwenden. Das klingt mittlerweile etwa ebenso glaubwürdig, als hätte J. Edgar Hoover versprochen, die Kompromat-Akten, die er das FBI über jeden halbwegs relevanten Amerikaner anlegen ließ, nie zu benutzen.

          Die eigentlichen Motive

          Diese Logik der Datenhortung auf Vorrat an sich gilt es zu durchbrechen. Metadaten, unsere digitalen Lebensspuren, sind der Rohstoff, aus dem Verdacht, Kompromat, Erpressungsmaterial und Menschenprofile weitgehend automatisch generiert werden. Snowdens Enthüllungen werden in der Rückschau als Kulminationspunkt von zwei dramatischen Umschwüngen in die Geschichtsbücher eingehen: Verlorengegangen ist das Vertrauen in die digitalen Technologien und in die politischen Prozesse, wenn es um den Schutz von Vertraulichkeit, Privatsphäre und Datensouveränität geht. Und zwei Drittel der Deutschen misstrauen nach einer aktuellen Umfrage nicht nur dem Staat, sondern auch Unternehmen, was den Umgang mit ihren persönlichen Daten angeht - zu Recht.

          Nachdem Snowden uns allen die Schleier der Illusionen über die inhärente Janusköpfigkeit der Digitaltechnologien von den Augen gerissen hat, ist ein latentes Misstrauen gegenüber der digitalen, vernetzten Technik zum allgemeinen Gefühl geworden. Das Internet ist zwar nicht kaputt, es hat aber seinen einstmaligen emanzipatorischen Glanz endgültig verloren und seine dunkle, unerfreuliche Seite offenbart. Ein alter, rückblickend betrachtend reichlich zynischer Werbeslogan einer großen deutschen Bank war: „Vertrauen ist der Anfang von allem.“ Vertrauen entsteht entweder dadurch, dass eine Person oder Institution seit langem immer wieder das Richtige, Gute tut. Dann traut man ihr auch zu, beim nächsten Mal wieder so zu handeln. Im Internet und bei digitalen Technologien, mit ihren beschleunigten Zyklen von Boom und Bust, ist dafür selten Zeit. Es gibt jedoch auch noch einen anderen Mechanismus, Vertrauen zu erlangen: demonstrierbar und transparent dafür sorgen, dass die Interessen und Motivationen der Institutionen, auch der Unternehmen, und ihrer Mitarbeiter mit denen der Bürger und Nutzer übereinstimmen.

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