http://www.faz.net/-gsf-7ivge
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.10.2013, 17:31 Uhr

Ein Überwachungsselbstversuch Mein digitaler Verrat

Wenn das Handy zum Spion wird, verrät es weit mehr als Telefonate. Es verändert alles. In der Logik digitaler Systeme sind wir immerzu verdächtig. Ein Selbstversuch.

von Ranga Yogeshwar
© ARD Überwacht mit Bild und Ton: Ranga Yogeshwar und Wolfgang Heckl auf dem Flohmarkt

Das Frühjahr hat sich im Herbst verirrt. Obwohl wir fast November haben, herrschen Temperaturen wie im Mai. Föhnwetter in München. Die Biergärten haben noch auf, Menschen sitzen draußen, bunte Dirndl, T-Shirts, Radfahrer in kurzen Hosen.

An diesem Wochenende besuchen meine Frau und ich unsere älteste Tochter. Sie hat gerade ihr Studium aufgenommen: neue Stadt, eigene Wohnung, große Universität, eigene Verantwortung. Unsere Tochter macht ihre ersten Gehversuche in einem neuen Lebensabschnitt, und meine Frau und ich lernen die schwere Lektion des Loslassens: Kinder werden groß.

Ein ganz normales Handy mit winziger Zusatzsoftware

„Ihr Paket ist angekommen.“ Der Hotelportier händigt mir einen Karton aus. Absender: Syss GmbH Tübingen. Das Experiment kann beginnen. Am Sonntag wollen wir in einer Sendung aufzeigen, was mit dem Abhören eines Handys so alles möglich ist. Die Redaktionsmitarbeiter der ARD-Talkshow „Günter Jauch“ haben mich gebeten mitzumachen, und ich habe, nach einer längeren Abwägung mit meiner Frau, zugesagt. Wir erleben das Wochenende also mit einer gespaltenen Haltung: Der eigentlich geplante familiäre Besuch bei meiner Tochter gerät kurzfristig zu einem Selbstversuch mit einem „infizierten“ Handy.

Das Gerät der Firma Huawei ist ein ganz normales Handy, nur dieses Modell enthält einen Trojaner, eine winzige Zusatzsoftware, mit der sich Daten von außen abgreifen lassen: Ortsangabe, Gespräche, Telefonate, SMS-Nachrichten und sogar alle Fotos, die ich mache. Die Zusatzsoftware könnte schon durch das unachtsame Öffnen eines Mail-Anhangs installiert werden. Ab dann lassen sich damit sogar Gespräche belauschen, denn das Mikrofon des Mobiltelefons kann aus der Ferne eingeschaltet werden, ohne dass der Nutzer es bemerkt.

„Mir ist das etwas unheimlich“, meint meine Frau

Gemeinsam mit der Redaktion und der Syss GmbH habe ich ein klares Prozedere bei meinem Selbstversuch verabredet: Wir alle sind uns einig, dass es hier lediglich um eine Demonstration des technisch Möglichen geht; die Privatsphäre meiner Familie darf nicht verletzt werden.

Ich schalte das Gerät ein, tippe den mitgelieferten Pincode ein, und das Gerät antwortet sogleich mit einem leichten Vibrieren. Auf dem bunten Bildschirm finden sich die üblichen Logos für SMS, Mail oder Kamera. Smartphones sind digitale Alleskönner, die uns auf Schritt und Tritt begleiten. Wie verabredet, rufe ich eine Mitarbeiterin der Firma Syss an. Sie wird gemeinsam mit einem Techniker während des Versuchs die Daten aus der Ferne abgreifen und so ein Profil meiner Aktivitäten erstellen. Es ist wie ein Spiel: Ich werde bestimmte Dinge unternehmen, und die andere Seite muss herausfinden, wohin ich mich bewege oder was ich gerade tue.

26468856 © privat Vergrößern Das Bild der beiden Freunde wurde an die Überwacher gesandt

„Mir ist das etwas unheimlich“, meint meine Frau. „Die können also jetzt genau hören, was wir hier reden?“ - „Ja, können Sie, jedoch haben wir klar vereinbart, dass du und die Kinder herausgehalten werdet.“ Wir müssen der anderen Seite vertrauen, dass sie sich an die Spielregeln halten. Auf den Internetseiten von Syss findet man einen Ethikkodex, dem sich das Unternehmen verpflichtet hat, und dennoch ist uns beiden nicht wohl dabei. Auch bei diesem Smartphone lässt sich der Akku nicht entfernen, und so kann ich nie sicher sein, ob es wirklich ausgeschaltet ist. Unsere Unterhaltung wird einsilbiger als sonst, meine Frau schweigt.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mama allein zu Haus Meine Woche ohne Kinder

Papa ist mit den Kindern sieben Tage an die Ostsee gefahren – unsere Autorin allein zu Hause geblieben. Endlich mal ausschlafen und Zeit für sich haben. Paradiesisch. Oder? Ein Tagebuch. Mehr Von Anke Schipp

26.08.2016, 12:09 Uhr | Gesellschaft
Elektronikmesse in Berlin IFA: Wo der Kühlschrank Fotos an den Besitzer schickt

Auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin sind alle Geräte irgendwie vernetzt. Auch Augmented Reality und Virtual Reality werden in diesem Jahr wieder ein großes Thema sein. Mehr

31.08.2016, 19:24 Uhr | Technik-Motor
IFA 2016 Elektronik, die auch die Gefühle ihrer Besitzer misst

Schärfste Fernsehbilder, Waschmaschinen mit Fernbedienung und jede Menge virtuelle Welten: Von Freitag an zeigt die IFA in Berlin, was wir heute und auch morgen von der Technik erwarten dürfen. Mehr Von Thiemo Heeg

31.08.2016, 08:22 Uhr | Technik-Motor
Polizeieinsatz Frankfurter Flughafen wird zeitweise evakuiert

Am Frankfurter Flughafen ist es einer Frau gelungen, unkontrolliert in den Sicherheitsbereich zu gelangen. Die Polizei sperrte eine Abflughalle stundenlang ab, Reisende waren verunsichert. Mehr

31.08.2016, 16:12 Uhr | Gesellschaft
FAZ.NET-Tatortsicherung Werden wir bald von Computern gelenkt?

Perfekte Gesichtserkennung, menschenähnliche Avatare und Computer, die sich nicht mehr abschalten lassen und den Menschen gefährlich werden. Wie realitätsnah ist der erste Science-Fiction-Tatort? Mehr Von Maria Wiesner

28.08.2016, 21:45 Uhr | Feuilleton
Glosse

Das M-Wort

Von Hannes Hintermeier

Die Briten suchten letztens das unbeliebteste Wort der englischen Sprache, brachen aber ergebnislos ab. Wir hätten da einen Vorschlag. Mehr 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“