http://www.faz.net/-gsf-7bqwu

Datensammlung und Spionage : Das Entscheidungsproblem

  • -Aktualisiert am

Bild: Simon Rüger

Die NSA und die IT-Industrie haben es weit gebracht: Durch Datensammlung können sie rekonstruieren, was ein Mensch denkt. Damit verwirklichen sie das, wovon die Vordenker der Spionage immer träumten. Nur eines wissen sie tragischerweise nicht - was menschliche Intuition ist.

          Am 19. August 1960 fiel über dem nördlichen Pazifik, unweit von Hawaii, kurz nach 12 Uhr Ortszeit eine spülbeckengroße Metallkapsel vom Himmel und schwebte an einem Fallschirm zur Erde. Sie wurde von einem C-119-Transportflugzeug, einem „fliegenden Güterwagen“, in der Luft aufgefangen und umgehend zur Moffett Field Naval Air Station in Mountain View, Kalifornien, gebracht, wo heute die Privatjets von Google stehen. In der Kapsel befanden sich tausend Meter belichteter 70-mm-Film mit Aufnahmen von mehr als 4,2 Millionen Quadratkilometern Sowjetunion, deren Luftraum seinerzeit nicht überflogen werden durfte. (English Version)

          Diesem spektakulären Spionagecoup waren dreizehn misslungene Versuche vorausgegangen. Bei Geheimprogrammen werden natürlich auch Geldverschwendung und Misserfolge verheimlicht, doch in diesem Fall führte die Geheimhaltung zum Erfolg. Jeder vernünftige Politiker hätte das Corona-Ausspähprogramm nach dem elften oder zwölften Versuch abgebrochen.

          Heute landen hier die Privatjets von Google und Solarflugzeuge: die Moffett Field Naval Air Station in Mountain View
          Heute landen hier die Privatjets von Google und Solarflugzeuge: die Moffett Field Naval Air Station in Mountain View : Bild: AFP

          Corona, ein Unternehmen von CIA, NSA und Verteidigungsministerium, wurde von der Advanced Research Projects Agency (Arpa) koordiniert und unter strengster Geheimhaltung noch zwölf Jahre und für weitere 126 Missionen fortgeführt. Es war die ertragreichste Spionageoperation des Kalten Kriegs. „Es war, als wäre in einer dunklen Lagerhalle ein gleißendes Flutlicht eingeschaltet worden“, erklärte der ehemalige CIA-Programmdirektor Albert D. Wheelon, nachdem die Dokumente 1995 von Präsident Clinton freigegeben worden waren. „Die von Corona beschafften Daten spielten bald eine ebenso entscheidende Rolle wie die entschlüsselten Enigma-Funksprüche im Zweiten Weltkrieg.“

          Die unbemerkte Überwachung

          Die Mitarbeiter des Corona-Programms, die zur Tarnung als Angestellte verschiedener in Sunnyvale und Umgebung ansässiger Unternehmen und Institutionen auftraten (Fairchild, Lockheed, Stanford Industrial Park und andere), trugen maßgeblich zum heutigen Silicon Valley bei. Google Earth ist ein direkter Nachkomme von Corona. Die Tatsache, dass jedermann überall auf der Welt ungehinderten Zugang zu Satellitenbildern hat, deren Existenz noch vor einer Generation ein streng gehütetes Geheimnis war, ist so erstaunlich wie der Fall der Berliner Mauer.

          Direkter Nachkomme des Corona-Programms: Google Earth - hier eine Ansicht von San Francisco, abgerufen auf einem iPad
          Direkter Nachkomme des Corona-Programms: Google Earth - hier eine Ansicht von San Francisco, abgerufen auf einem iPad : Bild: dpa

          „Prism“ operiert dagegen im Verborgenen. Unabhängig von der Frage, ob das pauschale, unspezifische Sammeln von Daten legal ist (was die Befürworter natürlich bejahen), wird das Programm damit begründet, dass Überwachung nur dann funktioniere, wenn die Schurken nicht wissen, dass sie überwacht werden. Die gefährlichsten Schurken sind aber dummerweise diejenigen, die schon ahnen, dass sie beobachtet werden.

          Weitere Themen

          Innovations-Hotspot Taiwan Video-Seite öffnen

          Technik der Zukunft : Innovations-Hotspot Taiwan

          High-Tech-Produkte haben Taiwan reich gemacht. Hier gebaute Computer, Laptops und Smartphones werden auf der ganzen Welt genutzt. Die neue Generation von Startups entwickelt nun die Technik von morgen: Software-Produkte, Apps, künstliche Intelligenz.

          Merkel: Europa braucht Solidarität Video-Seite öffnen

          EU-Gipfel in Brüssel : Merkel: Europa braucht Solidarität

          Das Dublin-System funktioniere in der Flüchtlingsfrage nicht, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem EU-Gipfel in Brüssel. Deshalb müsse die EU solidarische Lösungen finden.

          Topmeldungen

          Flüchtlinge in Europa : Wo Tusk recht hat

          Es besteht Einigkeit, dass die EU-Außengrenzen besser geschützt werden sollen. Was spricht dagegen, dass Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, sich dabei stärker engagieren? Ein Kommentar.

          Brexit-Veto : Ein erster Sieg im Rückzugsgefecht

          Nach Mays Niederlage im Parlament keimt nun bei vielen die Hoffnung auf, dass die Regierung gezwungen sein könnte, in Brüssel einen „weicheren“ Brexit zu verhandeln. Ein Rennen gegen die Zeit.

          Kryptowährung : Bulgarien ist Bitcoin-Großbesitzer

          Bulgarien besitzt Bitcoin im Wert von fast drei Milliarden Euro. Damit könnte das Land fast 20 Prozent seiner Staatsschulden bezahlen. Es gibt nur einen Haken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.