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Veröffentlicht: 10.07.2013, 10:19 Uhr

Datenhandelsspiel „Data Dealer“ Das gibt es ja wirklich schon!

Welche Spuren hinterlassen wir im Netz, wer interessiert sich dafür, wer verdient daran? Auf bissige Weise will das Online-Spiel „Data Dealer“ das Bewusstsein für Datenhandel und Datenschutz schärfen. Ein Gespräch.

© Data Dealer Bei „Data Dealer“ zahlt die NSA für die Nutzerdaten

Wer selbst zum Datenhändler wird, bekommt einen ganz guten Eindruck davon, wie mit der Sammlung und Verknüpfung unserer Daten Geld verdient wird. Beim Browser-Game „Data Dealer“ schlüpfen die Spieler in diese Rolle. Ein Gespräch mit Wolfie Christl, einem der Erfinder, über kommerzielle und geheimdienstliche Datenauswertung, „Self Tracking“ und die Schwierigkeit, die Wirklichkeit zu überbieten.

Herr Christl, gerade reden alle über Prism und die NSA, über Datenschnüffelei und Überwachung durch Geheimdienste. Kommt so etwas bei Data Dealer eigentlich auch vor, haben Sie etwas ergänzen müssen, bietet sich Stoff für eine Fortsetzung?

Eigentlich fokussieren wir stark auf das kommerzielle Geschäft mit den persönlichen Daten. Trotzdem hatten wir von Beginn an auch diverse staatliche Behörden als Abnehmer für die gesammelten Infos im Spiel. Bei uns bezahlen die Geheimdienste allerdings dafür. In der Realität tun sie das wohl nur selten. Der Skandal um die umfangreiche Überwachung des Internet durch die NSA und andere Behörden kam kurz nach der Veröffentlichung der ersten englischen Version unseres Spiels ins Rollen. Das hat uns in puncto Aufmerksamkeit einerseits sicher genützt, andererseits mussten wir innerhalb kürzester Zeit einiges umbauen. Das ist uns allerdings nicht schwergefallen. Wenn die Vollversion online ist, haben wir schließlich genau das vor. Wir betrachten unser Spiel als Medium und planen, immer wieder Ereignisse aus der Realität in unsere Spielwelt zu integrieren.

Überwachung durch Geheimdienste ist ein spektakuläres Thema. Droht dadurch das Thema Datensammlung, -auswertung und -abgleich aus kommerziellem Interesse gerade in den Hintergrund zu treten?

Die kommerzielle Datensammelei ist momentan wirklich kein großes Thema. Dabei spielen die beiden Bereiche hier geradezu mustergültig zusammen. Die großen Internet-Konzerne speichern umfangreichste Informationen über das Leben der halben Weltbevölkerung und der Staat greift darauf zu. Überall dort, wo eine große Menge an persönlichen Daten verwaltet wird, besteht die Gefahr des Missbrauchs. Voilà. Wobei die NSA das vermutlich nicht als Missbrauch betrachtet. Es gab auch einige interessante Debatten über die Verschränkungen zwischen den großen IT-Firmen im Silicon Valley und dem staatlichen Überwachungs-Komplex. Geradezu bezeichnend ist hier wohl der Wechsel des ehemaligen Sicherheits-Chefs von Facebook Max Kelly zur NSA. Gerade noch für die Datensicherheit von hunderten Millionen Facebook-Nutzern verantwortlich und schon auf der anderen Seite.

Egal ob man sich vor der Überwachung durch Behörden oder durch Firmen schützen will – die Strategien ähneln sich. Womit sollte man anfangen, am besten heute noch?

Grundsätzlich kann ich mir natürlich überlegen, wo ich welche Daten und digitalen Spuren hinterlasse. Ich muss nicht unbedingt jedes private Detail öffentlich ins öffentlich Netz stellen und auf Teufel komm raus jede dubiose App nutzen. Und ich kann meine Einstellungen bezüglich Privatsphäre einigermaßen bewusst setzen. Außerdem gäbe es da auch noch so effektive Dinge wie beispielsweise Verschlüsselungstechnologien. Gar nichts halte ich jedenfalls von einer prinzipiellen Ablehnung all der tollen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters. Abgesehen davon, dass derartig exzessive Überwachung durch staatliche Behörden einfach abgestellt gehört, braucht es wohl einerseits gute Datenschutzgesetze. Und - egal ob es um soziale Netzwerke oder Smartphone-Apps geht - es braucht einfach Anbieter und Tools, denen man vertrauen kann.

datenschleudern © datadealer.net CC-BY-SA 3.0 Vergrößern Woher kommen nur all die Daten? Szene aus dem Einführungsfilm zu „Data Dealer“

Welche Datenquelle, welches Datenleck hat Sie bei den Recherchen für das Spiel am meisten überrascht?

Während der Entwicklung haben wir immer wieder versucht, irgendwelche neuen Geschäftsmodelle zu erfinden, die auf der Verwertung persönlicher Daten basieren, um diese dann in unser Spiel einzubauen. Das Dumme war nur: Immer wenn wir gedacht haben, wir haben jetzt etwas wirklich Düster-Dystopisches erfunden, haben wir gesehen - das gibt es schon! Sehr interessant finde ich zum Beispiel all diese „Self Tracking“-Apps, die von den täglich zurückgelegten Schritten, Ernährung über Puls bis zu Schlafdauer und Stimmung alles mögliche festhalten. Krankenversicherungen würden alles geben für diese Informationen. Eine kalifornische Firma entwickelt jetzt sogar eine Handelsplattform für menschliche DNA-Daten. Die Nutzer liefern ihre DNA-Daten und erhalten dafür etwa eine Prognose, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie eine Glatze bekommen. Sehr schön verspielt.

25108014 © Data Dealer Vergrößern Die Erfinder von „Data Dealer“: Ivan Averintsev (l.), Ralf Traunsteiner, Pascale Osterwalder und Wolfie Christl

Haben Sie Ihre eigenen Gewohnheiten im Netz durch die Arbeit am Spiel geändert?

Da wir uns schon lange mit der Thematik beschäftigen, gehen wir prinzipiell sicher bewusster an die Sache ran. Oder überlegen zumindest, in welchem Kontext wir was von uns geben. Gleichzeitig sind wir natürlich sehr intensiv im Netz unterwegs und nutzen auch all diese intransparenten Plattformen wie Facebook oder Google, bei denen man wirklich nicht sicher sein kann, was die mit all den Daten wirklich treiben. Sehr schön fand ich übrigens die Jury-Begründung für unseren Preis in New  York. Sinngemäß zusammengefasst: Nach dem Spiel ist nicht vor dem Spiel. Danach würde sich irgendwas im Kopf festsetzen, das sich in entscheidenden Momenten immer wieder ins Bewusstsein drängt. Ich würde sagen: Ausprobieren!

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