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Datenanalyst Markus Morgenroth im Gespräch : Wer böse ist, bestimmt der Kunde

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Kohlick: Es geht ja immer um die Abweichung von Normen. Wenn die Norm ist, dass die Daten von allen lesbar sind, und der Ausnahmefall ist, dass jemand seine Daten verschlüsselt, dann weicht er ab und wird deswegen interessant. Haben wir überhaupt noch eine Chance, da herauszukommen? Gibt es noch ein Draußen, ein Außerhalb der digitalen Welt?

Eigentlich nicht. Denn alles ist inzwischen elektronisch geregelt. Wer ein Bankkonto hat, zum Arzt geht, im Supermarkt einkauft oder verreist, der hinterlässt auch Spuren in der digitalen Welt. Dank Snowden wissen wir nun, dass Geheimdienste in der Lage sind, auf alle diese Daten zuzugreifen. Es ist vorgekommen, dass Geheimdienstmitarbeiter ihre Ehepartner ausspioniert haben: Auf welchen Internetseiten wurde gesurft, was wurde eingekauft, mit wem telefoniert?

Reents: Aber nur, wenn Google oder Facebook diese Daten liefert?

Geheimdienste sind Datenkraken, sie können auf fast alles zugreifen.

Reents: Ohne Hilfe von den Firmen?

Viel Technologie zum Abgreifen von Daten wird innerhalb der Geheimdienste entwickelt. Aber nach allem, was bekannt ist, brauchen die Geheimdienste die Unterstützung von anderen Unternehmen, wie zum Beispiel Google, Facebook, Microsoft oder Apple.

Reents: Also müssen Unternehmen doch mithelfen? Das ist ja der springende Punkt.

Ja, sie werden zum Mithelfen verpflichtet. Die NSA und auch andere Geheimdienste in anderen Ländern, wahrscheinlich auch der BND, haben die technischen Mittel, um auf diese Daten zuzugreifen.

Kohlick: Nach den NSA-Enthüllungen hat sich ja eigentlich nichts getan. Niemand hat - zum Beispiel unter meinen Freunden auf Facebook - irgendetwas im Umgang mit dem Netzwerk verändert. Ist das Phlegma, Bequemlichkeit?

Wahrscheinlich. Man hat sich sicherlich schon viel zu sehr daran gewöhnt, online zu leben. Es hat ja auch viele Vorteile, macht Spaß und ist enorm praktisch. Der eine oder andere hat vielleicht kurzzeitig darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass die NSA oder der BND ihn bespitzelt. Aber solange man keine direkten, negativen Auswirkungen bemerkt, macht man eben so weiter wie bisher. Vielleicht posten wir ein paar Monate lang etwas weniger - bis Edward Snowden wieder aus den Nachrichten verschwindet. Um das zu ändern, müsste viel mehr Aufklärung betrieben werden. Man darf nicht vergessen, dass die Technologien immer weiterentwickelt werden.

Nehmen Sie zum Beispiel Google Glass. Bald, in einigen wenigen Jahren, wird es technisch möglich sein, dass man durch die Straßen läuft und dank automatischer Gesichtserkennung die Namen der Passanten in der Brille aufleuchten sieht. Und dazu dann auch noch das Alter, Geburtsdatum, die Facebook-Freunde, Interessen, ob jemand Single ist oder nicht, was er gestern gekauft hat und welche Kinofilme er mag. Wie gesagt, technisch ist das machbar. Entscheidend wird sein, ob die Politik entsprechende Regelungen und Gesetze etablieren wird und ob die Gesellschaft so etwas überhaupt zulässt. Genau deswegen ist Aufklärung so wichtig. Wir stecken jedenfalls schon zu tief drin.

Zur Person

Markus Morgenroth arbeitet seit zehn Jahren in der Computer- und Softwarebranche. Seit 2006 ist er bei dem amerikanischen Unternehmen Cataphora - gegründet von Elizabeth Charnock - beschäftigt und dort für den europäischen Markt zuständig.

Cataphora beobachtet und analysiert das individuelle Verhalten von Mitarbeitern in Organisationen und begann vor zehn Jahren als eine der ersten Firmen damit, millionenfach E-Mails mit computergestützten Methoden des „Data-Mining“ auszuwerten. Mit dem Wissen der Psychologie und Spieltheorie lässt sich einiges über Menschen sagen, was sonst verborgen bliebe.

Das Gespräch führten Morten Freidel, Juan S. Guse, Anne Kohlick, Philip Kovce, Kathrin Maurer und Edo Reents.

Quelle: F.A.Z.

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