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Veröffentlicht: 12.09.2013, 14:02 Uhr

Datenanalyst Markus Morgenroth im Gespräch Wer böse ist, bestimmt der Kunde


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Kovce: Sie haben Kerviel eben so beschrieben, als handelte es sich um eine Art betriebswirtschaftliches 9/11, als müsste man nun nach den hausinternen Terroristen suchen. Und das spitzt die Frage noch einmal zu: Die Maßstäbe, nach denen der angebliche Schutz für die Allgemeinheit organisiert wird, entsprechen der politischen Rhetorik, die irgendwo eine Achse des Bösen vermutet.

Es ist aber ein deutlicher Unterschied, ob die Privatwirtschaft solche Daten auswertet oder der Staat. Was wäre mit der deutschen Einheit gewesen, hätte sie fünfzehn Jahre später stattgefunden, als alle Leute ein Handy besaßen? Es wäre für die Stasi ein Leichtes gewesen herauszufinden, wer da demonstriert. Mit Hilfe der Analysen, wie wir sie so ähnlich bei Cataphora auch machen, hätte man die Personen im Zentrum der Bewegung, die Anführer und Strippenzieher aufspüren können. Hätte die Stasi das gewusst, hätte sie diese Personen gezielt ausschalten oder einsperren können.

Reents: Alles, was Sie uns bisher erzählt haben, läuft auf eine Ernüchterung in Bezug auf die sozialen Netzwerke hinaus. Diese starteten mit Versprechungen von demokratischer Teilhabe, individueller Freiheit und Selbstbestimmung über die eigenen Daten. Spätestens seit den NSA-Enthüllungen wissen wir, dass wir im Internet so wenig wie möglich über uns preisgeben sollten. Führt Big Data am Ende dazu, dass die Menschen zu einer Form von vorauseilendem Gehorsam abgerichtet werden, zu immer mehr Effizienz?

Ich glaube, dass bestimmte Unternehmen die technischen Möglichkeiten immer ausreizen werden. Und möglich ist vieles. Es müsste einen Gegenpol mit Hilfe von Gesetzen geben, der einschränkt, was Unternehmen erlaubt ist zu tun.

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Guse: Können Gesetze da weiterhelfen?

Das Problem ist, dass die Technik sehr schnell voranschreitet. Was aktuell technisch alles möglich ist, überblicken nur wenige Experten. Das Feld ist riesig.

Guse: Nehmen wir die angeblich anonymisierten Daten, die immer wieder mit den gleichen Verfahren verschlüsselt werden: Warum gibt es gegen eine solche Verfahrensweise kein Gesetz?

Die meisten Leute wissen über dieses Thema kaum Bescheid. Außerdem steht hinter Big Data eine riesengroße Wirtschaft, die natürlich auch Lobbyarbeit betreibt. Und das Verrückte ist: Die Leute machen auch noch freiwillig mit. Wir alle sind bei Facebook. Wir alle teilen freiwillig unsere Daten oder kaufen uns diese Armbänder, um uns selbst zu tracken. Wir haben ein Smartphone mit Apps darauf, die Daten sammeln und sie dann weitergeben. Unter den Top-Ten-Facebook-Spielen sind einige, die sogar die Daten von Freunden der Spieler weitergeben. Ich muss also gar nicht selbst spielen; wenn meine Freunde mitmachen, kann ich nicht verhindern, dass auch Teile von meinen Daten weitergegeben werden.

Freidel: Machen die Leute wirklich alle freiwillig mit? Da wirkt doch ein starker Druck. Wenn in Zukunft immer mehr Daten miteinander vernetzt werden, sich die Kaffeemaschine mit dem Auto verbindet, wie kann man sich da noch entziehen? Ist es bald nicht sogar umgekehrt: Die Leerstelle, die Datenverweigerung wird zur eigentlichen Information?

Ja, auch wenn bestimmte Daten nicht vorhanden sind, ist das eine Information. Generell entziehen kann man sich kaum noch. In unserer technisierten Umgebung fallen für jeden Einzelnen ständig irgendwo Daten an.

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