http://www.faz.net/-gsf-7b5mm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.07.2013, 10:40 Uhr

Buchpreisträger Ruge zum Überwachungsskandal Frau Merkel, das müssen Sie mir als Republikflüchtling nicht erklären

Selbst die Stasi wusste weniger über mich als die NSA. Wir haben ein Recht auf Schutz der Privatsphäre. Und unsere Politiker haben die moralische Pflicht, dafür einzutreten. Ein Wutausbruch

von Eugen Ruge
© dpa Eugen Ruge, geboren 1954 in Soswa (Ural), flüchtete 1988 aus der DDR in den Westen. 2011 wurde er für sein Romandebüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Soeben erschien der Roman „Cabo de Gata“.

Ich finde es stets gefährlich, mich als Schriftsteller in politische Debatten einzumischen, zum einen, weil Thesen und Meinungen die innere Freiheit einschränken, zum anderen, weil mir zumeist Sachkenntnis und Informationen fehlen (auch Hintergrundinformationen, denn ein nicht unbeträchtlicher Teil der Politik auch demokratischer Staaten wird bekanntlich hinter verschlossenen Türen gemacht).

Aber hier geht es nicht um Politik, sondern um den unerträglichen Mangel an Courage. Und es geht auch nicht um Hintergrundinformationen, sondern um offene Unverschämtheit.

Wenn ich von dem ganzen Skandal nur einen Halbsatz wüsste, nämlich den des amerikanischen Präsidenten, dass davon ja nur Ausländer betroffen seien - wäre das Grund genug, mich zu empören. Das Schlimmste: Er merkt gar nicht, was er da sagt! Er hält es für eine Entschuldigung! Nur Ausländer betroffen? Nur Polen? Nur Deutsche? Nur Chinesen?

Allein für diese Äußerung, für diesen Halbsatz, müsste sich Barack Obama beim Rest der Welt entschuldigen. Wenn nicht er selbst, müssten seine Diplomaten herumfahren und versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Was passiert jedoch? Ein Minister aus dem Kabinett Merkel darf in die Vereinigten Staaten fliegen, um dort mit der Bitte um Aufklärung vorstellig zu werden. Mit anderen Worten: Der Unverschämtheit folgt die Demütigung.

Sehr geehrter Herr Präsident! Ich verurteile Terrorismus absolut und in jeder Form. Aber anstatt die Bürger der Welt mit Aushorchprogrammen zu überziehen, anstatt Drohneneinsätze zu genehmigen oder Gefangene ohne Anklage festzuhalten, sollten Sie vielleicht auch einmal darüber nachdenken, woher der Hass kommt, der Menschen so weit bringt, ihr Leben wegzuwerfen, um Ihren Bürgern, Ihren Einrichtungen Schaden zuzufügen - und ob das mit dieser Art von Verhalten zu tun haben könnte.

Sehr geehrte Frau Merkel! Wie oft und mit welchem Eifer haben Sie die Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verurteilt! Zu Recht, denn die Stasi war eine ekelhafte Institution, das müssen Sie mir, einem Republikflüchtigen, nicht erklären. Dennoch hat die Stasi über mich persönlich vermutlich nicht den hundertsten, vielleicht nicht den tausendsten Teil der Informationen besessen, die irgendwo bei der NSA auf Festplatten herumliegen. Wäre es, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, nicht Ihre politische, Ihre juristische, Ihre moralische Pflicht, mich als Bürger vor den Angriffen auf meine Privatsphäre zu schützen? Wäre es nicht zumindest angemessen, der Person, die diese Angriffe enthüllt hat, in unserem Land Zuflucht zu gewähren?

Liebe Mitbürger, liebe User, liebe Informatiker und, ja, auch Sie, liebe Banker! Gewiss ist es - siehe Großbritannien - töricht zu glauben, dass europäische Regierungen für das Sammeln von Daten grundsätzlich nicht anfällig seien. Auch ist vollkommene Sicherheit, wie alles Vollkommene, Illusion. Trotzdem frage ich Sie, ob es angesichts der offensichtlichen und schamlosen Kollaboration großer amerikanischer Firmen mit ihrer Regierung nicht an der Zeit wäre, wenn nicht seinen Account abzumelden, so doch über Alternativen zu Facebook und Google nachzudenken.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Türkische Regierungspartei AKP wählt Yildirim einstimmig zum Vorsitzenden

Der neue AKP-Vorsitzende Yildirim wird wahrscheinlich schnell mit der Bildung einer Regierung beauftragt werden. Schon vorher zeigt er sich als treuer Handlanger Erdogans. Mehr

22.05.2016, 16:03 Uhr | Politik
Aberglaube in Island Eine Insel nimmt Rücksicht auf Elfen

Ausländer halten Geschichten von Elfen oft für liebenswerten Mummenschanz, doch in Island glauben viele Bürger laut Umfragen tatsächlich an die Existenz von Zwergen, Trollen und Elfen. Wegen der geheimnisvollen Wesen müssen Straßen umgeplant werden, und nun gibt es sogar eine Elfenschule. Mehr

13.05.2016, 15:11 Uhr | Gesellschaft
CDU-Regionalkonferenz Sachsen soll wieder stolz sein

In Sachsen verliert die CDU Mitglieder, die AfD gewinnt an Zustimmung. In der Hoffnung, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken, entdeckt die Union den Patriotismus wieder. Mehr Von Stefan Locke, Dresden

18.05.2016, 19:31 Uhr | Politik
Neo Magazin Fernsehnothilfe Schwiegertochter gesucht #Verafake

Seit zehn Jahren sucht Vera Int-Veen für RTL nach der großen Liebe. Jan Böhmermann und das Neo Magazin Royale zeigen eine unbekannte Seite der Sendung. Mehr

13.05.2016, 17:00 Uhr | Feuilleton
Eintracht im Abstiegskampf Bereit für das Wunder, Teil vier

Alex Meier könnte spielen, Carlos Zambrano auch – für den Fall der Fälle. Eintracht-Trainer Niko Kovac ist vom Klassenverbleib in Bremen überzeugt: Wir verteidigen, was wir haben. Mehr Von Peter Heß, Frankfurt

14.05.2016, 08:05 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Gott geht offline

Von Michael Hanfeld

„Godspot“ nennt die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz das Projekt: Sie rüstet alle Kirchen mit W-Lan aus. Ob da der göttliche Funke überspringt? Mehr 21 15

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“