Home
http://www.faz.net/-hur-7b5mm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Buchpreisträger Ruge zum Überwachungsskandal Frau Merkel, das müssen Sie mir als Republikflüchtling nicht erklären

Selbst die Stasi wusste weniger über mich als die NSA. Wir haben ein Recht auf Schutz der Privatsphäre. Und unsere Politiker haben die moralische Pflicht, dafür einzutreten. Ein Wutausbruch

© dpa Vergrößern Eugen Ruge, geboren 1954 in Soswa (Ural), flüchtete 1988 aus der DDR in den Westen. 2011 wurde er für sein Romandebüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Soeben erschien der Roman „Cabo de Gata“.

Ich finde es stets gefährlich, mich als Schriftsteller in politische Debatten einzumischen, zum einen, weil Thesen und Meinungen die innere Freiheit einschränken, zum anderen, weil mir zumeist Sachkenntnis und Informationen fehlen (auch Hintergrundinformationen, denn ein nicht unbeträchtlicher Teil der Politik auch demokratischer Staaten wird bekanntlich hinter verschlossenen Türen gemacht).

Aber hier geht es nicht um Politik, sondern um den unerträglichen Mangel an Courage. Und es geht auch nicht um Hintergrundinformationen, sondern um offene Unverschämtheit.

Wenn ich von dem ganzen Skandal nur einen Halbsatz wüsste, nämlich den des amerikanischen Präsidenten, dass davon ja nur Ausländer betroffen seien - wäre das Grund genug, mich zu empören. Das Schlimmste: Er merkt gar nicht, was er da sagt! Er hält es für eine Entschuldigung! Nur Ausländer betroffen? Nur Polen? Nur Deutsche? Nur Chinesen?

Allein für diese Äußerung, für diesen Halbsatz, müsste sich Barack Obama beim Rest der Welt entschuldigen. Wenn nicht er selbst, müssten seine Diplomaten herumfahren und versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Was passiert jedoch? Ein Minister aus dem Kabinett Merkel darf in die Vereinigten Staaten fliegen, um dort mit der Bitte um Aufklärung vorstellig zu werden. Mit anderen Worten: Der Unverschämtheit folgt die Demütigung.

Sehr geehrter Herr Präsident! Ich verurteile Terrorismus absolut und in jeder Form. Aber anstatt die Bürger der Welt mit Aushorchprogrammen zu überziehen, anstatt Drohneneinsätze zu genehmigen oder Gefangene ohne Anklage festzuhalten, sollten Sie vielleicht auch einmal darüber nachdenken, woher der Hass kommt, der Menschen so weit bringt, ihr Leben wegzuwerfen, um Ihren Bürgern, Ihren Einrichtungen Schaden zuzufügen - und ob das mit dieser Art von Verhalten zu tun haben könnte.

Sehr geehrte Frau Merkel! Wie oft und mit welchem Eifer haben Sie die Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verurteilt! Zu Recht, denn die Stasi war eine ekelhafte Institution, das müssen Sie mir, einem Republikflüchtigen, nicht erklären. Dennoch hat die Stasi über mich persönlich vermutlich nicht den hundertsten, vielleicht nicht den tausendsten Teil der Informationen besessen, die irgendwo bei der NSA auf Festplatten herumliegen. Wäre es, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, nicht Ihre politische, Ihre juristische, Ihre moralische Pflicht, mich als Bürger vor den Angriffen auf meine Privatsphäre zu schützen? Wäre es nicht zumindest angemessen, der Person, die diese Angriffe enthüllt hat, in unserem Land Zuflucht zu gewähren?

Liebe Mitbürger, liebe User, liebe Informatiker und, ja, auch Sie, liebe Banker! Gewiss ist es - siehe Großbritannien - töricht zu glauben, dass europäische Regierungen für das Sammeln von Daten grundsätzlich nicht anfällig seien. Auch ist vollkommene Sicherheit, wie alles Vollkommene, Illusion. Trotzdem frage ich Sie, ob es angesichts der offensichtlichen und schamlosen Kollaboration großer amerikanischer Firmen mit ihrer Regierung nicht an der Zeit wäre, wenn nicht seinen Account abzumelden, so doch über Alternativen zu Facebook und Google nachzudenken.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
F.A.Z.-Autorin Trotzdem lese ich noch gern!

Wer Germanistik studiert, verliert die Lust am Lesen? Das passiert tatsächlich vielen, sagt F.A.Z.-Autorin Mona Jaeger. Auch sie musste kämpfen, sich die Liebe zur Literatur nicht nehmen zu lassen. Mehr Von Mona Jaeger

19.01.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Liebes-Schlösser sollen weg

Lust und Last der demonstrativen Liebe: Die berühmte Pariser Fußgänger-Brücke Pont des Arts kann anscheinend all die Vorhängeschlösser, pardon: Liebesschlösser, nicht mehr tragen, die Verliebte aus aller Welt ihr zu Hunderttausenden aufbürden. Die Stadtverwaltung hat jetzt begonnen, durchsichtige Brückengeländer zu installieren. Mehr

25.09.2014, 12:49 Uhr | Gesellschaft
Geboren ohne Geruchssinn Wie riecht die Welt?

Als sie andere Frauen die Nasen in Blumensträuße senken sah, war sie verblüfft. Jahre später stellte sie fest, dass ihr jeglicher Geruchssinn fehlt. Eine Betroffene erzählt, wie es ist, wenn man keinen Verlust zu betrauern hat und trotzdem etwas vermisst. Mehr Von Nicole Quint

12.01.2015, 10:26 Uhr | Gesellschaft
Partnerschaft Was hält die Liebe frisch?

Eine Liebe fürs Leben: Das klingt romantisch, doch die Hürden des Alltags lassen viele Paare scheitern. Psychologe Eric Hegmann erklärt, wie Sie die Liebe frisch halten können. Mehr

05.01.2015, 16:48 Uhr | Gesellschaft
Dieter Nuhr im Gespräch Beim Islam hört es mit dem Witzemachen auf

Die Welt ist erschüttert über den Anschlag auf Charlie Hebdo. Warum es höchste Zeit ist, dass die gesellschaftliche Mitte dem Fanatismus entschlossen Paroli bietet. Ein Gespräch mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr. Mehr

12.01.2015, 14:30 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.07.2013, 10:40 Uhr

Pegida oder Jedem sein Vorurteil

Von Harald Welzer

Ressentiment ist durch Information nicht zu belehren. Die Debatte mit Pegida-Akteuren ist daher nutzlos. Und fahrlässig ist es, ihnen auch noch eine mediale Bühne zu bauen, wie es das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerade macht. Mehr 266 46