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Buchpreisträger Ruge zum Überwachungsskandal Frau Merkel, das müssen Sie mir als Republikflüchtling nicht erklären

Selbst die Stasi wusste weniger über mich als die NSA. Wir haben ein Recht auf Schutz der Privatsphäre. Und unsere Politiker haben die moralische Pflicht, dafür einzutreten. Ein Wutausbruch

© dpa Eugen Ruge, geboren 1954 in Soswa (Ural), flüchtete 1988 aus der DDR in den Westen. 2011 wurde er für sein Romandebüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Soeben erschien der Roman „Cabo de Gata“.

Ich finde es stets gefährlich, mich als Schriftsteller in politische Debatten einzumischen, zum einen, weil Thesen und Meinungen die innere Freiheit einschränken, zum anderen, weil mir zumeist Sachkenntnis und Informationen fehlen (auch Hintergrundinformationen, denn ein nicht unbeträchtlicher Teil der Politik auch demokratischer Staaten wird bekanntlich hinter verschlossenen Türen gemacht).

Aber hier geht es nicht um Politik, sondern um den unerträglichen Mangel an Courage. Und es geht auch nicht um Hintergrundinformationen, sondern um offene Unverschämtheit.

Wenn ich von dem ganzen Skandal nur einen Halbsatz wüsste, nämlich den des amerikanischen Präsidenten, dass davon ja nur Ausländer betroffen seien - wäre das Grund genug, mich zu empören. Das Schlimmste: Er merkt gar nicht, was er da sagt! Er hält es für eine Entschuldigung! Nur Ausländer betroffen? Nur Polen? Nur Deutsche? Nur Chinesen?

Allein für diese Äußerung, für diesen Halbsatz, müsste sich Barack Obama beim Rest der Welt entschuldigen. Wenn nicht er selbst, müssten seine Diplomaten herumfahren und versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Was passiert jedoch? Ein Minister aus dem Kabinett Merkel darf in die Vereinigten Staaten fliegen, um dort mit der Bitte um Aufklärung vorstellig zu werden. Mit anderen Worten: Der Unverschämtheit folgt die Demütigung.

Sehr geehrter Herr Präsident! Ich verurteile Terrorismus absolut und in jeder Form. Aber anstatt die Bürger der Welt mit Aushorchprogrammen zu überziehen, anstatt Drohneneinsätze zu genehmigen oder Gefangene ohne Anklage festzuhalten, sollten Sie vielleicht auch einmal darüber nachdenken, woher der Hass kommt, der Menschen so weit bringt, ihr Leben wegzuwerfen, um Ihren Bürgern, Ihren Einrichtungen Schaden zuzufügen - und ob das mit dieser Art von Verhalten zu tun haben könnte.

Sehr geehrte Frau Merkel! Wie oft und mit welchem Eifer haben Sie die Machenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verurteilt! Zu Recht, denn die Stasi war eine ekelhafte Institution, das müssen Sie mir, einem Republikflüchtigen, nicht erklären. Dennoch hat die Stasi über mich persönlich vermutlich nicht den hundertsten, vielleicht nicht den tausendsten Teil der Informationen besessen, die irgendwo bei der NSA auf Festplatten herumliegen. Wäre es, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, nicht Ihre politische, Ihre juristische, Ihre moralische Pflicht, mich als Bürger vor den Angriffen auf meine Privatsphäre zu schützen? Wäre es nicht zumindest angemessen, der Person, die diese Angriffe enthüllt hat, in unserem Land Zuflucht zu gewähren?

Liebe Mitbürger, liebe User, liebe Informatiker und, ja, auch Sie, liebe Banker! Gewiss ist es - siehe Großbritannien - töricht zu glauben, dass europäische Regierungen für das Sammeln von Daten grundsätzlich nicht anfällig seien. Auch ist vollkommene Sicherheit, wie alles Vollkommene, Illusion. Trotzdem frage ich Sie, ob es angesichts der offensichtlichen und schamlosen Kollaboration großer amerikanischer Firmen mit ihrer Regierung nicht an der Zeit wäre, wenn nicht seinen Account abzumelden, so doch über Alternativen zu Facebook und Google nachzudenken.

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Quelle: F.A.Z.

 
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