http://www.faz.net/-gsf-7msek

Britischer Geheimdienst : So werden Menschen vernichtet

  • -Aktualisiert am

Option Rufmord: Der britische Geheimdienst überwacht nicht nur, er sabotiert auch Bild: picture alliance / dpa

Diskreditieren Sie Personen und Organisationen! Das ist eines der Ziele des britischen Geheimdiensts. Geheime Dokumente zeigen, wie der GCHQ im Internet für die Zerstörung Einzelner sorgt.

          Der britische Geheimdienst GCHQ steht nach acht Monaten Spähaffäre noch immer im Schatten der amerikanischen NSA. Offenbar zu Unrecht. Denn beschränken sich die Amerikaner auf weltweite Metadatenanalysen und digitale Kriegsführung im Ausland, haben die Briten – neben der offen eingestandenen Wirtschaftsspionage – sogar noch ein viertes Standbein: die Sabotage der öffentlichen Meinung und die Zerstörung der Reputation Einzelner.

          In einem Enthüllungsbericht, den der mit allen Dokumenten Edward Snowdens vertraute Glenn Greenwald am Dienstag auf „The Intercept“ veröffentlichte, zeigt dieser auf, wie die britischen Agenten vorgehen sollen: Sie schreiben im Namen ihrer Zielpersonen falsche Nachrichten an Freunde, Nachbarn und Kollegen. Sie veröffentlichen zum Zwecke der Irreführung Bilder in sozialen Netzen. Sie veröffentlichen private und vertrauliche Informationen über Zielpersonen, und sie denken sich falsche, diskreditierende Informationen aus. Die Ziele werden in den Folien deutlich benannt: Diskreditieren Sie Personen und Organisationen!

          Verleugnen, unterbrechen, herabsetzen und täuschen

          Glenn Greenwald hat das dazugehörige Spionage-Prinzip schon zuvor benannt. Diesmal, schreibt er, gehe es um die Geschichte, die dazu noch zu erzählen sei. Demnach entwickelten die Briten aus der „Signals Intelligence“ (Sigint), der Analyse von digitalen Daten aller Art, eine neue, digitale Form des „Signals Development“ (Sigdev). Die Agenten wurden selbst zu Akteuren, ihrer Spionage folgte Sabotage. All das steht den Dokumenten zufolge, die Greenwald zeigt, unter dem Titel „Psychologie“. Die Folien belegen den Aufbau einer „sozialwissenschaftlichen Operationseinheit“ (Human Science Operation Cell – HSOC), die strategisch Einfluss nehmen und Störungen verursachen soll.

          Das Programm sei von Beginn an zweigleisig geplant worden. Zum einen ging es um technische Störungen, beispielsweise die Sabotage von Infrastruktur, die ausländische Regierungen oder Online-Aktivisten nutzen. Zusätzlich befassten sich die Agenten jedoch mit der Beeinflussung und Zerstörung zwischenmenschlicher Kontakte und Netzwerke. Orientierung dafür sollen die vier „D“ geben: Deny, Disrupt, Degrade und Deceive: verleugnen, unterbrechen, herabsetzen und täuschen.

          Auch im Kampf gegen unliebsame Aktivisten-Netzwerke

          Auf einer anderen Folie wurde zusätzlich „Destroy“ aufgenommen – zerstören. Diese Strategien, sagt Greenwald, seien gegen verfeindete Staatsführer, Militärorganisationen und Geheimdienste angewendet worden. Tatsächlich würden sie aber auch im Kampf gegen unliebsame Aktivisten-Netzwerke in Verbindung mit dem Gesetzesvollzug diskutiert. Opfer könnten demnach Verdächtige sein, gegen die noch keine Beweise vorlägen, oder Aktivisten, die der Politik ein Dorn im Auge seien. In diesem Zusammenhang referiert Greenwald über die Arbeit der speziellen Arbeitsgruppe „Joint Threat Research Intelligence Group“ (JTRIG).

          Die Gefährlichkeit dieser ungezügelt und geheim arbeitenden Forschergruppe lässt sich schon an ihrem Selbstverständnis erkennen. Auf den Folien ist die Rede von „magischen Techniken und Experimenten“, es gehe um „die Kunst der Täuschung“, ermöglicht durch die vier „S“: Science, Sigint, Skills, Systems – Wissenschaft, Signaldeutung, Fähigkeiten und Systeme. Durchblättert man das dazugehörige fünfzigseitige Dokument, mit dem der Geheimdienst intern über seine sozialwissenschaftliche Forschung informiert, offenbart sich eine aus Theoriebruchstücken und Studienwissen wüst zusammengewürfelte Abhandlung menschlichen Verhaltens, die für die Agenten attraktiv scheint, weil sich ihnen überall Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

          So verknüpfen die Forscher beispielsweise sozialwissenschaftliche Modelle menschlichen Handelns mit den Gegebenheiten technischer Infrastrukturen, um daraus abzuleiten, wie sie mit Methoden der Maskierung und Nachahmung öffentliche Erwartungen kontrollieren können. Um die Wirksamkeit zu untermauern, finden sich in den Dokumenten bekannte Abbildungen, mit denen optische Täuschungen veranschaulicht werden können.

          Entsprechend den vier „D“ und „S“ kommt keines der Konzepte davon ab, Methoden und Ziele in Vierfeldertafeln oder ähnlich eingängigen Matrizen darzustellen. Auf diese Weise behandeln die Forscher Gruppendynamiken, wenn sie sich die Frage stellen, was Menschen zusammenführt und wieder auseinanderbringt.

          „Spionagepraxis erbarmungslos optimieren“

          Ebenso einfach sei es, Menschen durch spielerische Taktiken zu einem Verhalten zu motivieren, dessen eigentliche Ziele ihnen verborgen blieben. Sollte der spielerische Ansatz nicht helfen, müsse der menschliche Sinn für Gehorsam und Zustimmung, Führungskraft und Vertrauen kontrolliert bedient werden, legen die Forscher nahe. Letztlich, zeigt eine recht bunte Folie auf, bedienen sie sich selektiv in der Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Geschichte, Politologie, Biologie und Wirtschaftswissenschaft, um „Cybermagier“ auszubilden.

          Die Arbeitsgruppe besteht seit Anfang des vergangenen Jahres aus 150 Mitarbeitern. Da sie Zugang zum vollständigen Wissensbestand der Geheimdienste hat, wird sie ihre Arbeit unweigerlich verbessern und ihre, wie sie es in den Papieren selbst schreibt, „Spionagepraxis erbarmungslos optimieren“.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Merkel und Europa : Deutschland wartet

          Auf einmal muss die Europapolitik als Grund für eine schnelle Wiederauflage der großen Koalition herhalten. Dabei zählt für die Wähler etwas ganz anderes.. Ein Kommentar.
          Die französische Philosophin Elisabeth Badinter und die deutsche Publizistin Alice Schwarzer diskutieren in der Pariser Wohung Badinters.

          Islam und Antisemitismus : „In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

          Kommt es durch die Einwanderung von Muslimen zum Erstarken des Antisemitismus? Und was bedeutet diese Diskussion für Feministinnen? Ein Gespräch zwischen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der deutschen Journalistin Alice Schwarzer.
          Noch werden im Atomkraftwerk Philippsburg Brennelemente gewechselt.

          Energiewende : Wer haftet für den Atomausstieg?

          Ein Halbsatz im Gesetz zum Atomausstieg könnte die Steuerzahler Milliarden kosten. Neun Landkreise wollen diesen Passus nun vor Gericht kippen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.