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BND-Affäre : So handelt nur, wer Unangenehmes zu verbergen hat

  • -Aktualisiert am

Der alte Kontrollraum des BND in Pullach Bild: Martin Schlüter

Mit mehr als sechs Millionen Selektoren filtert allein der BND im NSA-Auftrag die von ihm abgefangenen Datenströme. Deutschland darf sich nicht von den Geheimdiensten zur Duldungsstarre nötigen lassen.

          Seit der NSA-BND-Untersuchungsausschuss – für viele Beobachter doch überraschend – inkriminierende Fakten über die tatsächliche Kooperation des Bundesnachrichtendienstes mit der National Security Agency zusammenträgt, fällt immer öfter ein Wort: Selektoren. Aus den Snowden-Dokumenten wissen wir, dass es sich dabei um eine Art Grundprinzip von Abhörgeheimdiensten handelt. Wie funktionieren die Selektoren aber, wofür sind sie eigentlich da, wie viel Macht steckt in ihnen?

          Das Arbeitsprinzip eines Abhörgeheimdienstes wie der amerikanischen NSA oder des britischen GCHQ basiert auf mehreren Stufen: Im ersten Schritt besorgt sich der Dienst mit praktisch allen Mitteln den Zugang zu den Daten und Anrufen, die durch Internet- und Telefonleitungen fließen, zu den Glasfasern, Satellitenverbindungen und Funkstrecken. Aus diesen Quellen kommen gigantische Mengen Daten in verschiedenster Form zusammen, so wie sie durch die Informationsadern unserer Welt transportiert werden: Anrufe, Kurznachrichten, E-Mails, Chats, Website-Aufrufe, Buchungen, Datenbankzugriffe – die ganze Vielfalt der digitalen Kommunikation und Transaktionen.

          Kein Mensch kann diese Mengen noch selbst lesen, sichten oder gar auswerten. Der schrankenlose Zugriff führt jedoch mitnichten dazu, dass die Geheimdienste, wie zuweilen hoffnungsfroh-naiv angenommen, in den Datenmengen ertrinken würden. Computer sind heute schnell genug, um in den Datenströmen, noch während sie vorbeifließen, nach Merkmalen aller Art zu suchen. Deshalb – und um Verschlüsselungsmethoden anzugreifen – sind die großen Abhörgeheimdienste auch die Betreiber der größten Supercomputer auf diesem Planeten.

          Wer die Selektoren kontrolliert, bestimmt, was abgehört wird

          Diese Merkmale, nach denen im zweiten Schritt die abgehörten Datenströme gefiltert werden, sind die Selektoren. Man kann sich das etwa vorstellen wie eine Paketsortieranlage bei der Post, die nach Größe, Gewicht, Postleitzahlen sortiert. Nur dass die Sortieranlagen der Dienste auch nach Farbe des Einschlagpapiers, Schreibweise der Adresse und Geruch des Pakets sortieren können. Während die Post normalerweise nicht in die Pakete hineinschaut, können die Filtercomputer der Dienste auch danach schauen, ob Wollsocken oder Kaffee im Paket sind, und den beigefügten Brief lesen.

          Selektoren können einfacher Natur sein, etwa eine einzelne Telefonnummer, deren Anrufe fortan aufgezeichnet werden; oder komplex, etwa alle IP-Adressen eines internationalen Konzerns, dessen gesamter Nachrichtenverkehr aus den abgehörten Datenströmen in die Speicher der Dienste kopiert wird. Ein NSA-Selektor, wie er laut den Snowden-Dokumenten verwendet wird, kann die Komplexität eines kleinen Programms annehmen, um etwa alle Kommunikation aufzuzeichnen, die aus einer Region kommt und bestimmte Charakteristika aufweist. Wer die Selektoren kontrolliert, bestimmt, was abgehört wird.

          Wie viele Daten durch den einzelnen Selektor herausgefischt werden, ist pauschal nicht zu beantworten. Ein Selektor kann eine einzelne E-Mail-Adresse betreffen oder die Kommunikation eines ganzen Landes. Es ist daher nicht anzunehmen, dass die Anzahl der NSA-Selektoren, die vom BND nach unklaren Kriterien als Verstöße gegen deutsche Interessen gewertet wurden, der Anzahl betroffener Menschen entspricht – die muss weitaus höher liegen. Die in der Presse kursierende Gesamtzahl der Selektoren – von mehr als 40.000, die europäische Interessen betreffen, war die Rede, von sechseinhalb Millionen insgesamt – weist auf einen erheblichen Umfang an Betroffenen.

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