08.09.2006 · Schon im Alter von zwölf Jahren habe sie einen Pakt mit ihrem späteren Ich geschlossen, daß es kommen werde und das kleine Mädchen befreie, sagte Natascha Kampusch. Diese Vorstellungskraft hat ihr womöglich das Leben gerettet. Eine Analyse von Christian Geyer.
Von Christian GeyerDer Satz der Sätze lautete: Sie habe früh, so etwa im Alter von zwölf Jahren, einen Pakt mit ihrem späteren Ich geschlossen, daß es kommen werde und das kleine Mädchen befreie. So erzählte es Natascha Kampusch in ihrem Fernsehinterview. Wenn man sich darüber klarwerden will, was es ist, das den Fall Kampusch aus dem Feld des Boulevards heraushebt, das ihm mehr als die übliche menschliche Anteilnahme sichert, die man den täglichen Gewaltopfern dieser Welt entgegenbringt - wenn man sich darüber klarwerden will, wird man diesen einen Satz nicht aus dem Ohr bekommen: Ich habe einen Pakt mit meinem späteren Ich geschlossen.
Man hat viel von der Kraft gesprochen, mit der Kampusch die acht Jahre ihrer Gefangenschaft durchgestanden hat (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Entführungsfall Natascha Kampusch). Heute, nach diesem Satz übers spätere Ich, wissen wir genauer, um welche Art Kraft es sich gehandelt hat. Es war die Kraft, sich etwas vorzustellen, was jetzt nicht ist. Und allein aus dieser Vorstellung die Energie zum Überleben zu ziehen, die Energie zur Abwehr des Wahnsinnigwerdens, zum jahrelangen Tüfteln am richtigen Zeitpunkt der Flucht.
Die Kraft der Abstraktion
Es hat nichts Großsprecherisches, es ist kein neuer Anlauf von Deutungsbesessenheit, wenn man feststellt: Es war die Kraft der Abstraktion, mit der sie dem empirischen Desaster standgehalten und ihm endlich entkommen ist. Die Energie, sich unter dem Druck der übermächtigen, alles gefangennehmenden Umstände gedanklich von diesen Umständen zu lösen, sie zu bezwingen, auch wenn man ihnen verhaftet bleibt - diese Art Kraft muß Kampusch gemeint haben, als sie gleich nach ihrer Flucht sagte: Er, der Entführer, hat sich mit der Falschen angelegt. Und die sie jetzt im Fernsehen sagen ließ: Ich bin der Meinung, daß ich stärker war als er.
Sie selbst schien über ihre Kraftquelle kaum weniger erstaunt als die Welt, die ihr zuhörte. Hatte sie in der Gefangenschaft doch andererseits auch erfahren, daß es mit dem Abstraktionsvermögen nicht weit her ist. Es setzt schon aus, wenn man Hunger hat. Sie hat, wie sie sagt, in ihrem Verlies viel hungern müssen. Dann hätten sich ihre Gedanken herausgequält, nur zu den primitivsten Gedanken sei sie fähig gewesen, schon jedes Kratzgeräusch habe sie rasend gemacht. Man könne eben nicht denken, wenn man nichts zu essen habe.
Eine Frage der Ernährung
Am Ende hing der ganze Erfolg der Überlebensstrategie wieder am Vegetativen, am Essen. Der Pakt mit dem späteren Ich war nicht dadurch bedroht, daß der Entführer ihr Angst einjagte; daß er einen früheren Fluchtversuch, bei dem sie aus dem Auto springen wollte, mit einer Schleuderfahrt beantwortete, während der sie nur so durch den Wagen flog; daß er drohte, alle umzubringen, wenn sie auf ihren Ausgängen mit ihm eine falsche Bewegung machen sollte. Nein, ihr Pakt mit dem späteren Ich war immer dann bedroht, wenn der Magen knurrte. War das zu glauben? Kann der Kopf so viel und zugleich so wenig ausrichten? Man halte sich immer gerne für intelligent, sagte Kampusch im Interview, und doch sei die ganze Intelligenz eine Frage der Ernährung.
Es war Teil des Paktes, erklärt sie jetzt, sich sukzessive das Vertrauen des Täters zu sichern. Die Überlegene sucht ihren Intellekt mit dem des Gegners zu identifizieren. Die Ambivalenzen, die damit verbunden sind, konnte sie nicht abschütteln. So erzählte sie dem Täter, dessen Vertrauen sie doch gewinnen wollte, daß sie einmal fliehen werde. Sie wurde Gefangene in einer Gefühlswelt, die sie gedanklich hinterging. In dieser Gefühlswelt bereitete es ihr sogar Skrupel, sie könne das Weltbild der Mutter des ordentlichen Täters zerstören. Und aus dieser Gefühlswelt heraus sagt sie im Fernsehinterview den unglaublichen Satz, der Täter habe sie indirekt zu seinem Mörder gemacht, denn für ihren Fluchtfall habe er seinen Suizid ja angekündigt. Als sie dann, endlich eine kalkulierbare Fluchtgelegenheit vor Augen, tatsächlich floh, fielen die Skrupel nicht mehr ins Gewicht. Sie habe gewußt, daß sie sein Todesurteil sprach, als sie über die Zäune sprang.
Horror der Freiheit
Was sie in den Sekunden danach in den Schrebergärten, im grünen Niemandsland zwischen Verlies und Freiheit, erlebte, waren genau die fürchterlichen Umstände, die sie in der Abstraktion immer vorweggenommen hatte. Die Nachbarin, der sie sich auf der Flucht in Todesangst anvertraute, verstand sie nicht, wollte sie nicht in ihre Wohnung hineinlassen. Das war der Horror, den sie sich in Gedanken immer ausgemalt hatte: Sie steht in der Freiheit, und der Täter bleibt der einzige, der ihr gegenwärtiges Ich identifizieren kann und alles in die Luft sprengt, sobald ihr künftiges Ich zum Einsatz kommt. Genau dieser Horror holte sie schon damals im Baumarkt ein, als sie in stummer Panik neben dem Täter stand und der nette Verkäufer sie fragte: Kann ich Ihnen helfen? Sie lächelte, weil sie ihren Fahndungsfotos möglichst ähnlich sehen wollte.
Es fehlte immer die Zeit, meine Situation zu erläutern, resümierte Natascha Kampusch im Fernsehgespräch ihre Lage. Zeitmangel war es, der ihren Pakt, den sie mit zwölf geschlossen hatte, Jahr um Jahr verlängerte.
traue ich dem Braten?
hartmut stroth (hartmut_stroth)
- 07.09.2006, 20:41 Uhr
nur ein Fake?
Thomas Hechinger (Hechinger)
- 07.09.2006, 21:34 Uhr
Scheinheiligkeit auf allen Seiten
C. B. Sturm (CBest)
- 07.09.2006, 21:41 Uhr
Vorstellung
Hermann Nübel (rosenfuchs)
- 07.09.2006, 22:00 Uhr
kein Kaspar Hauser
Günter Weber (GWeberBV)
- 07.09.2006, 22:20 Uhr