15.02.2008 · Die Überforderung hat Methode: Was die Gymnasialreform in den Familien anrichtet, geht alle etwas an. Der Fernsehmoderator Reinhold Beckmann über eine Pädagogik der puren Effizienz und ihre Folgen für unsere Kinder.
Von Reinhold BeckmannEher nebenbei und zufällig ging ich in einer meiner letzten Sendungen auf das Thema G 8 ein, machte meinem Ärger als Vater zweier schulpflichtiger Kinder über diese schlampig gemachte Schulreform Luft. Das Echo von Eltern, Lehrern und Schülern war so enorm, dass ich begriff: Hier ist ein Nerv getroffen.
Ich selbst empfinde es mit vielen anderen Eltern als überfällig, dass das Thema nicht mehr nur im üblichen Fachjargon behandelt und schöngeredet wird. Da es tief in den täglichen Alltag von Familien hineinschneidet, gehört es in die breite Öffentlichkeit, nicht nur in die Fachöffentlichkeit der Bildungsexperten. Es gibt bei uns Eltern oft eine Scham, die Missstände zu benennen, eine Angst, das Gesicht zu verlieren. Man will sich seiner Kinder wegen bei den Lehrern nicht unbeliebt machen. Dabei fühlen sich bei G 8 gerade auch viele Lehrer als Versuchskaninchen, nicht nur die Kinder und Eltern.
So geht es nicht!
Auf die Frage, was man tun könne, damit G 8 auch nach den Landtagswahlen noch ein Thema bleibe, sagte mir letzte Woche die Schulleiterin eines Gymnasiums: „Wir schreien so lange, bis sich etwas zum Positiven ändert. Ganz im Ernst: Der Druck, der jetzt seit vierzehn Tagen da ist, hilft. Für uns an der Schule ist das Thema nicht neu, aber niemand hat es angepackt. Wir müssen sagen: So geht es nicht!“
Mein Sohn geht in die achte und meine Tochter in die fünfte Klasse. Meinen Kindern geht es wie vielen G-8-Schülern im Land: Sie haben dreimal in der Woche bis 16 Uhr Schule, sind dann um 16.30 Uhr schließlich zu Hause. Dann stehen aber erst noch die Hausaufgaben an, und es muss oft bis in den Abend hinein gepaukt werden, um auf die nächste Klassenarbeit vorbereitet zu sein.
Nachhilfe als Strukturelement
Hart trifft es in vielen Fällen gerade die Anfangsklässler. Deren Lage verschärft sich in den Familien, wo alleinerziehende Mütter oder Väter abends um 18 Uhr von der Arbeit kommen und bis 21 Uhr mit den Kindern am Tisch sitzen und üben. Nachhilfe ist vom G-8-Modell, wie wir es erleben, beinahe als Strukturelement vorgesehen. Wo der Lernstoff der verkürzten Schulzeit nicht angepasst ist, wird er in der Schule nur durchgehechelt, kann nicht vertieft und eingeübt werden. Die Nachhilfe - sei es durch Eltern oder durch bezahlte Hilfskräfte - soll's dann richten.
Auch ich bin nicht grundsätzlich gegen G 8 - wie Schulkritikern von Wirtschaftsvertretern gern unterstellt wird -, sondern gegen die wenig durchdachte Umsetzung dieses Schulmodells. Der Unterricht muss so rhythmisiert werden, dass unsere Kinder nicht von früh bis spät mit Wissen vollgestopft werden. Stattdessen muss er Entspannungsphasen enthalten, in denen vermehrt das gemacht werden kann, was man bislang meist in Vereinen oder Arbeitsgemeinschaften nach der Schule machte: Sport, Theater, Fotografie, Musik. Es ist ein Alarmzeichen, dass die Vereine nach Einführung von G 8 einen rapiden Mitgliederschwund von Kindern melden, die für solche Aktivitäten einfach keine Zeit mehr haben.
Faktisch Ganztagsschule
G 8 läuft an den meisten Wochentagen faktisch schon heute auf Ganztagsschule heraus, nur eben ohne entsprechende Organisation, zu der zum Beispiel auch mensaartige Einrichtungen zum Mittagessen gehören müssten. Warum also nicht, wie von einigen Ministerpräsidenten inzwischen ja auch angekündigt, G 8 so organisieren, dass eine ordentliche Ganztagsschule möglich ist? Eine Schule, die Aktivitäten des Vereinslebens in ihren Ablauf integriert und wo, wenn man schließlich nach Hause kommt, keine Hausaufgaben mehr anliegen. Nur so hat Bildung eine Chance, nicht ein eindimensionaler Vorgang der Stoffhuberei zu werden, sondern auf Lebenserfahrung und soziale Intelligenz bezogen zu bleiben.
Wenn es in meinem Elternkreis heißt, den Kinder fehlen kreative Pausen, die Zeit zur Muße, Ruhephasen, in denen sie zu sich selbst kommen können, denke ich unwillkürlich an meine eigene Kindheit. Ich verkläre nichts, wenn ich sage: Diese Muße neben der Schule hatten wir, und wir haben sie verdammt geliebt. Wenn ich heute meinen beiden Kindern davon erzähle, kommt uns diese Zeit fast märchenhaft vor. Bis zu 50 Stunden Wochenlernzeit für junge Gymnasiasten, Hausaufgaben eingerechnet - da ist der Lern-Kollaps programmiert. Reinstopfen, abrufen, abhaken - will man das Gymnasium auf diesen Dreischritt reduzieren?
Wenn in dieser Situation bisweilen die neu entdeckte „Disziplin“ als Allheilmittel gepriesen wird, ist das nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Bernhard Bueb, der ehemalige Direktor des Internats Schloss Salem, hat seine Fans als Deutschlands „strengster Lehrer“, und seine Streitschrift „Lob der Disziplin“ geriert sich als pädagogischer Masterplan. Hier läuft aber doch nur die PR-Maschine einer Pädagogik der puren Effizienz heiß, die die Entwicklung der Kinder an einer abstrakten globalen Erfolgskultur messen möchte. Was sind Disziplin und Gehorsam im Buebschen Sinne wert, wenn dafür Urteilsfähigkeit und Selbständigkeit auf der Strecke bleiben?