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Über Neuengland Amerikanischer Wahlkampf, aus der Luft betrachtet

09.01.2008 ·  Vom Flugzeug aus macht Neuengland einen friedlichen Eindruck. Dazu läuft das Filmmusical „Hairspray“ auf den herausgeklappten Monitoren. Und Jordan Mejias wird klar, was Hillary Clinton, Barack Obama und John Travolta gemeinsam haben.

Von Jordan Mejias, über Neuengland
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Aus 10.363 Meter Höhe macht Neuengland einen friedlichen Eindruck. Die Wälder leicht mit Schnee gepudert, die Flüsse und Seen weiß vereist, scheint die Natur noch, gezielt am Lauf der Welt vorbei, von sich selbst zu träumen. Wir hier oben in der Kabine hätten da nur zu gern mitgeträumt, gäbe es nicht jene gestrengen Kabinenaufseherinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die strikte Fensterverdunkelung gegen allen Protest zu gewährleisten. Angeblich liefe der Film auf den herausgeklappten Monitoren sonst Gefahr, im Sonnenlicht zu verblassen. Dabei ist das Filmmusical „Hairspray“ so grell eingefärbt und ausgestattet, dass es auch tausend Sonnen überstrahlen müsste.

Es bietet also ein überaus reizvolles Kontrastprogramm zum fernen neuenglischen Idyll, erinnert aber auch an gewisse aktuelle Vorgänge dort unten. Während der Film um John Travolta als kugelrunde Mama aus Baltimore kreist, wenn nicht tanzt, erschöpft er sich keineswegs in der Gaudi um die weibliche Leibesfülle, die der männliche Star in Bewegung versetzt. Mamas Töchterlein, kaum minder wohlgenährt, sorgt nämlich dafür, dass über popmusikalische Wonnen nicht die gesellschaftlichen Verwicklungen vergessen werden, die in einer gutgelaunten, mächtig aufgedrehten, rhythmisch unversiegbaren Version der Sixties auftreten.

So sind selbst die hartnäckigsten Probleme zu lösen

Mögen auch ein paar Vorvorgestrige und Unverbesserliche an der strikten Trennung der Tänzer nach ihrer Hautfarbe festhalten wollen, löst sich zum Schluss doch alles in eitel Wohlgefallen auf. Auf der Fernsehtanzparty werden von nun an schwarze und weiße Teenager nebeneinander tanzen dürfen, womit zu guter Letzt all das erledigt und abgeschafft wäre, was die vergangenen Jahrhunderte hartnäckig als Rassenproblem mit sich schleppten. Warum nicht gleich so.

Baltimore liegt nicht in Neuengland, aber New Hampshire schon. Der rustikale Kleinstaat, den wir wahrscheinlich in fünf Minuten überflogen haben, gäbe für das urbane Märchen mit Musik, das in „Hairspray“ erzählt wird, keine besonders überzeugende Kulisse ab. Aber in den Geschehnissen dort am Boden schwingt doch die ungeniert naive Märchenhaftigkeit des Films weiter. Denn, so erfahren wir hier wie dort, selbst die hartnäckigsten Probleme sind mit etwas gutem Willen, einer Prise Menschlichkeit und der Einsicht, dass ein Lied alle Menschen zu Brüdern und Schwestern werden lässt, zu lösen.

Clinton und Obama - beide passen in diese Wohlfühlgeschichte

Der Kampf Barack Obama gegen Hillary Clinton könnte einmal wie „Hairspray“ zu Musik gesetzt und auf der Leinwand nacherzählt werden. In Iowa und New Hampshire hat jetzt ein vorwiegend weißes Amerika, das einfach keine Vorurteile mehr kennen will, seine Stimme abgegeben und erhoben. Es ist, als hätte ein DJ endlich die korrekte CD aufgelegt, und plötzlich wollten alle nicht nur gemeinsam dazu tanzen, sondern könnten es auch, weil sie ganz intuitiv die Schritte beherrschten. Welche Hautfarbe einer hat, wird gar nicht mehr wahrgenommen. O du fröhliche, o du selige Farbenblindheit! Ein neues Zeitalter soll angebrochen sein, in dem Amerika sich in Harmonie wiederfinden will, egal, wie zerstritten es in den letzten sieben Jahren war, und wenn dann auch noch einer kommt, der verspricht, unter seinem Dirigat alle Dissonanzen aus dem nationalen Konzert zu verbannen, können die Ovationen nicht ausbleiben.

Darf die Obama-Show nach New Hampshire weiter auf das Happy End hoffen? Das Vorbild von „Hairspray“ bleibt auf jeden Fall akut, ob sich Hillary Clintons Chancen, als erste Präsidentin das Weiße Haus zu erobern, nun weiterhin verbessern oder nicht. Ginge sie demnächst vor Obama auch noch deutlich in Führung, könnte sich die schöne Story von Gleichheit und Gerechtigkeit, an die alle redlichen Amerikaner aus Prinzip zu glauben wenigstens vorgeben, eben in seiner feministischen Ausprägung entfalten. Amerika scheint bereit, sich und der Welt beweisen zu wollen, dass es fortschrittlicher, gerechter, offener, schlicht besser ist als sein gegenwärtiger Ruf.

Sogar die Republikaner sind gegen so viel Harmoniebedürfnis nicht gefeit. Reden wir zur Abwechslung auch von ihnen, denn nirgendwo steht geschrieben oder wird derzeit garantiert, dass der nächste Präsident ein Demokrat sein muss. Vor wenigen Wochen noch galt, zumal in Europa, die Wahl von Hillary Clinton als abgemachte Sache. Viel kann passieren bis zum ersten Dienstag im November, wenn die Wahlautomaten ihre Funktionstüchtigkeit zu beweisen haben. Eher als einem Mormonen aber dürfte Hillary Clinton der Weg nach Washington gelingen. Und in die schrankenüberwindende Wohlfühlgeschichte, die „Hairspray“ so unwiderstehlich zur Vollendung verkitscht hat, würde sie mindestens so gut passen wie Obama.

Quelle: F.A.Z., 10.01.2008, Nr. 8 / Seite 33
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