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Veröffentlicht: 15.02.2017, 20:28 Uhr

Twitter und Trump Der Präsident kriegt Kontra

Ohne Twitter kann Donald Trump anscheinend nicht existieren und nicht regieren. Permanent feuert er dort seine Botschaften ab. Doch jetzt gibt der Kurznachrichtendienst seinen Kritikern Raum.

von Adrian Lobe
© dpa Ohne Twitter geht es nicht: Der Kurznachrichtendienst scheint für Donald Trump wie geschaffen.

Twitter gehört neben dem Dekret zu den bevorzugten Regierungswerkzeugen des amerikanischen Präsidenten. Über den Kurznachrichtendienst setzt Donald Trump die Agenda. Wenn er twittert, zittern die Börsen und die politischen Gegner. Am 31. Januar setzte Trump frühmorgens um 6.21 Uhr einen Tweet ab, in dem er die demokratische Minderheitsführerin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, und den Oppositionschef im Senat, Chuck Schumer, wegen dessen Aussage „Von den Wangen der Freiheitsstatue rollen die Tränen“ angriff. 39 000 Direktantworten wurden zu diesem Tweet abgeschickt. Doch was die Twitter-Community in der Unterhaltung an oberster Stelle sah, war nicht der Retweet eines Twitter-Bots, deren sich Trump millionenfach bedient, sondern die Antwort der „New Yorker“-Journalistin Bess Kalb, die sich ihrerseits über Trumps Tweet mokierte. „Oh Donald“, hieß es da. „Das sind drei Schritte zurück für Sie. Was sagten wir über die unreifen Spitznamen, jetzt, wo Sie Präsident sind?“ Mehr als viertausend Nutzer favorisierten die Botschaft.

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Dass der Tweet so prominent direkt unter den Worten des Präsidenten erschien, liegt an einer Änderung, die Twitter kürzlich vorgenommen hat. Bis dato waren Antworten in chronologischer Reihenfolge erschienen. Also lag ein Anreiz darin, Computerskripte zu schreiben, die binnen Sekunden auf Trump antworten. Diese Meinungsroboter sorgten etwa dafür, dass der Hashtag „TrumpWon“ nach dem ersten Präsidentschaftsduell zum Trending Topic in den Vereinigten Staaten wurde. Samuel Woolley, Direktor des Forschungsprojekts Computational Propaganda Project, schätzt, dass achtzig Prozent des Trump-Traffics automatisiert sind.

Welche Antworten kommen zuerst?

Durch die Änderung werden Direktantworten nicht mehr chronologisch angezeigt, sondern nach anderen Faktoren gewichtet. Etwa, ob es sich um einen verifizierten Account handelt. Auf Twitters „Hilfe-Center“ heißt es dazu: „Antworten werden nach dem Unterhaltungsverlauf gruppiert, da wir versuchen, dir den besten Inhalt und das, was dich wahrscheinlich am meisten interessiert, zuerst anzuzeigen. Eine Antwort erhält zum Beispiel dann höhere Priorität, wenn sie vom Autor des ursprünglichen Tweets oder von einem Nutzer stammt, dem du folgst.“ Durch diesen Kniff kann Twitter automatisierten Claqueuren den Resonanzboden entziehen.

44798097 © AP Vergrößern Das Verhältnis zum amerikanischen Präsidenten ist „ambivalent“, sagt Twitter-Chef Jack Dorsey.

Die Beziehungen zwischen Twitter sowie der gesamten Online-Lobby zu Präsident Trump sind ambivalent. Twitter-Chef Jack Dorsey sagte auf einer Konferenz in San Francisco, das Verhältnis sei „kompliziert“. „Dass der gewählte Präsident unseren Dienst als direkte Kommunikationsform benutzt, zeigt und ermöglicht es jedem zu sehen, was in seinem Kopf vorgeht. Das ist faszinierend.“ Doch nicht jeder ist von dem prominenten Nutzer begeistert. Intern gab es Kritik und Überlegungen, Trumps Kommentare als „hate speech“ zu klassifizieren, in der Öffentlichkeit wurden Forderungen laut, den Präsidenten zu sperren.

Twitter hatte die bessere Idee: Trump wird Paroli geboten. Wenn man sich die Direktantworten auf ihn ansieht, fällt auf, dass liberale Stimmen bevorzugt werden. Das nimmt Trumps Furor nicht die Wucht, lässt aber seine Behauptungen nicht einfach so stehen. Gleichwohl wirft die intransparente Auswahl Fragen auf: Wie kommt eine Antwort ins Schaufenster? Wie werden Argumente gewichtet? Geht es allein um politische Opportunität? Das würde man von Twitter schon gerne wissen.

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