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Twitter Bin Presse. Reicht doch. Maul zu

20.08.2009 ·  Ein Twitterer hat den Polizeifunk abgehört und in dem Internetportal veröffentlicht, wie die Beamten den Amoklauf von Schwalmtal beenden wollten. Der Fall belegt: Auch journalistisches Ethos muss geschützt werden.

Von Michael Hanfeld
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Der Blogdienst Twitter kann ein Segen sein und ein Fluch. Auf den Inhalt und das Verantwortungsbewusstsein des Absenders kommt es an, schneller als per Twitter gehen Nachrichten nicht um die Welt, das kann den Aufstand der Anständigen befördern und zeitweilig die Mechanismen der Zensur unterlaufen, wie der Protest in Iran nach den manipulierten Wahlen gezeigt hat.

Es kann aber auch Erinnerungen an einen der größten Skandale des deutschen Journalismus wachrufen - an das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem Journalisten die Arbeit der Polizei behinderten und sich den Gewalttätern ohne jede Distanz als Verlautbarungsorgane andienten. Die Geschichte wiederholt sich - mit Tempo und im Kleinen: Am Dienstag hat ein Twitterer den Polizeifunk abgehört. Er hörte, was die Polizei unternahm, um den Amoklauf eines Einundsiebzigjährigen im niederrheinischen Schwalmtal im Kreis Viersen zu beenden, der drei Menschen erschoss. Dass er damit - auch wenn es unwahrscheinlich ist - dem Täter Informationen an die Hand geben könnte, schien der Autor, der unter @JO31DH bloggt und sich vor Meldungen geradezu überschlug, nicht bedacht zu haben.

Möchtegern-Sensationsreporter

Sichtlich fasziniert rapportierte der Autor vielmehr, was er über den Polizeifunk einfing. „Polizei gibt im Amoklauf Notvarianten 1 und 2 frei“ war da zu lesen, die Mitteilung, dass das SEK gerade am Einsatzort eingetroffen sei oder dass eine verletzte Person aus dem Haus, in dem sich der Täter verschanzte, angerufen habe. Gut angekommen sind die Mitteilungen von @JO31DH allerdings nicht. Von Lesern bekam er seine Verantwortungslosigkeit und Sensationsgeilheit schnell um die Ohren gehauen, die ersten kritischen Hinweise bügelte er allerdings rüde ab, wie man in verschiedenen Blogs nachlesen kann, etwa bei dem Chefredakteur der „Rhein Zeitung“, Christian Lindner, Philipp Ostrop von den „Ruhr-Nachrichten“ und dem Fachdienst meedia.de. „Ich werde weiterhin Polizei und Notruf Funk illegal abhören und hier posten“, schrieb @JO31DH, „und wer was dagegen hat bekommt auf die Fresse!“ Er tituliere sich „als Presse. Reicht doch . . . Maul zu“, hieß es da, der Blogger zeigte sich zufrieden über „770 Besucher. Alles andere ist egal.“

Das war am Dienstag, als sich die Ereignisse in Schwalmtal überschlugen, am Ort des Geschehens war @JO31DH nicht, er soll fünfzehn Kilometer entfernt in Nettetal leben und sich, wie die örtlichen Beobachter schreiben, sonst mit harmloseren Dingen beschäftigen; bevor er sich an den Polizeifunk setzte, hatte er seine Follower noch darüber informiert, dass er einen Freund am Düsseldorfer Flughafen abgesetzt und wenig geschlafen habe, weil das Gebäude so toll ausgeleuchtet sei. Ausgeschlafen genug, um sich als Möchtegern-Sensationsreporter wichtig zu machen, war der Mann dann aber doch.

Den Angehörigen der Opfer gelte sein - „Beileid“

Auf die Moral von der Geschichte sind auch andere schon gekommen. Es geht hier nicht allein um das illegale Abhören des Polizeifunks, sondern um die Gefahren, die man mit der direkten Weitergabe von Informationen heraufbeschwört. Es geht um ein Ethos, das man ein journalistisches nennen kann, das, genauso wie der Beruf selbst, nicht geschützt ist, solange diejenigen, die den Beruf ausüben oder sich frei als Informationsmittler betätigen, sich nicht um die moralischen und ganz realen Konsequenzen ihres Tuns scheren.

Am Mittwoch hat JO31DH den Fehler nach einigem Nachdenken vielleicht eingesehen. So wie der Journalist Udo Röbel, der seinerzeit zu den Entführern von Gladbeck ins Auto gestiegen war, dürfte @JO31DH gedämmert sein, was er angerichtet hatte. Allerdings klingt die Entschuldigung, die man bei ihm nachlesen kann, heuchlerisch. Dass tags zuvor so viele auf sein Twitter-Konto zugegriffen hätten „nach dieser schlimmen Sache“, habe er nicht erwartet. Als er die Zugriffe gesehen und den Kommentar des Chefredakteurs der „Rhein Zeitung“ gelesen habe, sei ihm klargeworden, dass er alles löschen musste, „um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu schüren“. Entschuldigen wolle er sich, man sehe, „wofür diese Sozial Netzwerke missbraucht werden können“. „Grundsätzlich“ fühle er sich „gerade nicht gut“, teilt @JO31DH mit, er hoffe, dass „andere nicht diese saudumme Idee nachmachen“. Den Angehörigen der Opfer gelte sein - „Beileid“. Wie tröstlich.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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