06.11.2007 · Seit Sonntag wird der Körper des berühmten Kindpharaos Tutanchamun in einer Seitenkammer seines Grabs zur Schau gestellt: eine Leichenschändung im Namen von Wissenschaft und Kultur. Von Dieter Bartetzko.
Von Dieter BartetzkoIn diesen Tagen sprengt Schaulust neuerlich die Grenzen des Anstands und der Pietät: In Mannheim und Karlsruhe sind in Großausstellungen Dutzende von Mumien schutzlos den Blicken von Besuchermassen ausgesetzt. Im Oktober dieses Jahres, anlässlich des zwanzigsten Todestags von Uwe Barschel, brachte die Frage, ob im Fall des ehemaligen Ministerpräsidenten Selbsttötung oder Mord vorliegt, schockierend drastische Fotos der Leiche in die Medien. Momentan liegt in allen deutschen Buchhandlungen eine Publikation über Rosemarie Nitribitt aus, die - Anlass ist hier der fünfzigste Todestag - eine Schwarzweissfotografie des grauenerregend entstellten Leichnams der ermordeten Nobelprostituierten enthält, dazu eine farbige Aufnahme ihres Schädels, der in einer Glasvitrine die Attraktion des Asservaten-Museums im Frankfurter Polizeipräsidium ist.
Es ist gerade vier Monate her, dass die Sensationsmeldung, man habe die Mumie der legendären Pharaonin Hatschepsut identifiziert, mit den Fotografien eines mumifizierten Gesichts illustriert wurde, in dem abstoßende Risse und Löcher klafften. Nun ist Tutanchamun an der Reihe, jener Pharao, den die Welt kennt. Seit zwei Tagen liegt sein Körper, bar aller Mumienbinden, in einer allseitig einsehbaren Glasvitrine in der Sargkammer seines Grabs im Tal der Könige. Gestern prangte sein versehrtes Gesicht auf den Titelseiten vieler internationaler Zeitungen.
Gibt es ein Recht, ihm „ins Gesicht zu schauen“?
Damit sind achtzig Jahre Grabesruhe beendet, die dem König nach der Autopsie seiner Mumie im Jahr 1927 vergönnt waren. Zweimal, einmal wegen Röntgenuntersuchungen in den sechziger Jahren und im Januar 2005 zwecks einer Computertomographie, wurde diese Ruhe gestört. Danach aber hatte man den Pharao, gemäß einem Beschluss der Entdecker, wieder in einen der drei Särge gebettet, die ihn dreitausend Jahre lang umschlossen hatten. So lag der rätselhaft jung Gestorbene in seinem Sarkophag. Eine Glasplatte ermöglichte den Blick auf das nach altägyptischem Ritus vergoldete Abbild in Gestalt des Totengottes Osiris.
Zahi Havass, Ägyptens oberster Verwalter der Altertümer und Leiter der jetzigen Aktion, begründet sie mit dem Schutz des Körpers vor Feuchtigkeitsschäden infolge der Besuchermassen. Bemerkenswert deutlich spricht er auch davon, noch mehr Touristen anlocken zu wollen, und von deren Recht, dem Herrscher „ins Gesicht zu schauen“. Was aber sieht man? Ein Antlitz mit geschlossenen Augen, die Nase gebrochen infolge der straffen Wicklung der Mumienbinden, der ehemals volllippige Mund durch das Natron der Mumifizierung ausgedörrt und über die breiten vorderen Schneidezähne zurückgezogen. Risse überziehen wie ein Spinnennetz die Gesichtshaut, die Gliedmaßen sind von pergamentdünner ledriger Haut überzogene Knochen. Einzig die Zehen bleiben als auffallend schlank und wohlgeformt erkennbar. Erschreckend aber ist das undurchdringliche Schwarz des Körpers - eine Entstellung durch die Überfülle an Salbölen, die altägyptische Priester über die Mumie gegossen hatten. Sie verharzten zu steinähnlicher Konsistenz und verätzten den Körper des Pharaos, bis er nahezu verkohlt war.
1927 wurde sein Körper noch pietätvoll geschützt
Howard Carter, der Entdecker Tutanchamuns, sah anderes. Seine Berichte, unmittelbar nach Auswickeln der Mumie niedergeschrieben, sprechen von einem zartgliedrigen Jüngling mit bezaubernden Zügen, dessen wohlgeformten rasierten Hinterkopf eine perlenbestickte Haube bedeckt. Zur Verzauberung des Archäologen hatten Details beigetragen, die ihm während des Auswickelns ins Auge gefallen waren: Hauchfeine kostbare Tücher bedeckten das Gesicht jedes der drei Mumiensärge; über der berühmten goldenen Totenmaske mit den porträthaften Zügen lag ein weiterer Schleier samt einem Kranz aus Blüten, niedergelegt von der jungen Witwe.
Verhüllen und Schützen war das Anliegen der Angehörigen des neunzehnjährigen Toten gewesen. Dies und die Pietät unserer Epoche führten 1927 zum Entschluss, Tutanchamuns Körper zudringlichen Blicken zu entziehen. Zurück blieben Fotografien, die bis heute in fast jedem Bildband über das Grab und seine Kunstschätze zu sehen sind - und Howard Carters bestechend exakte und doch zartfühlende Zeichnungen, die uns den König überliefern, wie er ihn sah und wie ihn die Plastiken und Masken des Grabs wiedergeben: als einen rührend jungen Mann von zerbrechlicher Statur und Schönheit.
Vom unbezwinglichen Drang, sich zu vergewissern
Wir kennen also das wahre Gesicht des Königs. Warum geht man nun so weit, die erbarmenswerte sterbliche Hülle zur Schau zu stellen? Selbstverständlich haben die Leichen-Shows des Gunther von Hagens die Hemmschwelle herabgesetzt. Die archäologische Schallmauer wurde durchbrochen, als im März 2003 das Nationalmuseum in Neapel neue Funde aus Pompeji präsentierte. Im Zentrum der Schau erhob sich ein schwarzes, in Dämmerlicht gehülltes Podest, auf dem die Gipsausgüsse eines jungen Paares und seiner zwei Kinder zu sehen waren, die der Vulkanausbruch getötet hatte. Verrenkt, die Beine durch den Sturz von einer bebenden Treppe gebrochen, sah man die Erwachsenen liegen. Die Mutter hielt mit gestreckten Armen ihr dreijähriges Kind über sich im verzweifelten Versuch, es vor den steigenden heißen Ascheströmen zu schützen.
Die Besucher, die das Podest umlagerten, starrten erschüttert auf dieses Zeugnis einstigen Lebens und über alle Zeiten hinweg sich gleichender Elternliebe. Überhaupt kann man sagen, dass der Blick auf die toten Pompejaner - es existieren Hunderte Gipsausgüsse der Opfer - so wie der auf Mumien ein mitleidender ist. Er entspringt ebenso sehr unserer Ehrfurcht wie dem unbezwinglichen Drang, sich zu vergewissern, dass vor Jahrtausenden schon Menschen dachten, fühlten und handelten wie wir. Doch rechtfertigt das, die Toten nun als Stimulans sei es solcher, sei es voyeuristischer Gefühle und Vorstellungen zu gebrauchen?
Mit fadenscheinigen Argumenten und großem Risiko
Zahi Hawass führt aus, es gelte, das Gesicht Tutanchamuns zu erhalten, ehe es „zu Puder zerfällt“. Doch dazu braucht man zwar tatsächlich eine klimatisierte Hülle, aber keinen öffentlichen Glassarg. Auch der Hinweis, man könne nun die verwandtschaftlichen Verhältnisse zwischen ihm und seinem Vorgänger, dem berüchtigten „Ketzerpharao“ Echnaton, klären, ist fadenscheinig. Man weiß seit 2005, dass beide wohl Halbbrüder, vielleicht auch Vater und Sohn gewesen sind. Gewebeproben für eine künftig eventuell mögliche genauere Bestimmung können auch ohne öffentliche Präsentation des Leichnams jederzeit entnommen werden.
Es ist kein Zweifel möglich: Der ausschlaggebende Grund ist die profitable Steigerung der Besucherzahlen im Tal der Könige. Goethe, der über dem Totenschädel seines Freundes Schiller sinniert; moderne Dichter, die der Anblick der toten Pompejaner zu Betrachtungen über den möglichen selbstverschuldeten Untergang der Menschheit anregt - das sind die Ausnahmen. Die aktuelle Regel aber ist die Sucht, die Leben als Recht, alles zu erleben und zu enthüllen - als Event - definiert.