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„Tussikratie“ : Big Sister weiß, was gut für dich ist

Eine Szene aus Russ Meyers Film „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ Bild: Action Press

Ein sehr gutes Buch - mit einem sehr bescheuerten Titel: Der Essay „Tussikratie“ zeigt, wie wenig damit gewonnen ist, wenn die Frauen für alles, was nicht klappt, nur die Männer verantwortlich machen. Das Problem liegt ganz woanders.

          Ach du liebes bisschen, denkt man, wenn man die neonorangefarbene Sprechblase sieht, aus der einen das Wort „Tussikratie“ anschreit. Nein, eigentlich will man dieses Buch über Feminismus nicht lesen, denn das Wort Tussi ist ein hässliches, gemeines, die Wortschöpfung ist bescheuert, und anschreien lässt man sich auch nicht gerne. Okay, danke, tschüss, denkt man, schon wieder irgendwelche Frauen, die anderen Frauen sagen wollen, wie sie leben sollen und was sie alles falsch machen.

          Antonia Baum

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass die erste Begegnung mit dem Buch der Autorinnen Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling so völlig missverständlich ausfällt, liegt allerdings nur an dem Feminismusangriffstitel. Ihm nach zu urteilen, müsste auf den 320 folgenden Seiten nur verurteilt und geschossen werden, aber das stimmt eben überhaupt nicht, und das ist so schön. Hätte aber auch schiefgehen können, im Sinne von: der feminismusinteressierte Mensch verbrennt das Buch sofort, was sehr schade wäre, weil es wichtig ist, dieses Buch - auch wenn das Gerede über die „Tussi“ wirklich nervt, und man kann sich schon fragen, warum die Autorinnen so einen fiesen Schreihalsbegriff wählen, um eine bestimmte Gruppe gleichgesinnter Frauen zu beschreiben. Merkwürdig, aber zum Inhalt.

          Eine komfortable Situation

          Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein stellen die Existenz einer (autsch) „Tussikratie“ fest, die sie folgendermaßen beschreiben: Frauen fühlten sich, wie vielfach zu lesen und zu hören ist, benachteiligt, weil sie weniger verdienen, seltener in Vorständen sitzen und dann auch noch den Haushalt schmeißen würden, ferner hätten sie unter Männern zu leiden, die mit starken Frauen einfach nicht zurechtkämen. Als ihre Gegner hätten sie, ja, „die Männer“ identifiziert. Diese brutalen, egoistischen, in Sauberkeitsfragen komplett unfähigen, waschlappenhaften Männer seien schuld an dem schlechten Leben der Frauen, die heute so unglücklich seien wie nie und die Männer entweder belächeln oder verachten würden. Denn es sei eben eine komfortable Situation, die Verantwortung dafür, dass es zu Hause, mit der Karriere, also insgesamt nicht so laufe, wie man das gerne hätte, den Männern zuzuschieben.

          Bild: Heyne

          Denn natürlich möchte man als Mensch einen möglichst konkreten Grund dafür haben, warum es ist, wie es ist, nämlich beschissen. Und natürlich muss hier hinzugefügt werden, dass nicht alle Frauen auf diese bequeme Position zurückgreifen.

          High Heels sind auch keine Lösung

          Es geht den Autorinnen jedoch mehr um die Beschreibung einer Mentalität, einer gesellschaftlichen Tendenz, und das Tolle an diesem Buch ist eben exakt, dass es ohne Zuschreibungen, „die Frauen“ und „die Männer“ betreffend, auskommt, sondern im Gegenteil versucht, deutlich zu machen, dass es das nicht gibt, die Frauen, die Männer als homogene Gruppen, was eine extrem schwachsinnige Annahme ist. Und auch wenn das nach einer simplen Einsicht klingt, möchte man den Autorinnen nur dafür irgendeinen Preis verleihen. Ergebnis jener im Gesellschaftsbewusstsein angekommenen Annahme der benachteiligten Frau sei die Reaktion, nun den Mann oder kleine Jungs zu benachteiligen. Man dreht einfach alles um, den Frauen ging es so lange schlecht, und jetzt sind bitte die Männer dran. „Frauen haben die frauendominierte Berufswelt zu räumen, Jungen die männerdominierte. Barbie soll raus aus dem Traumhaus, und Ken soll darin einziehen. Genau das passt in das Weltbild der Tussikratie: Sie will Kindern ihre traditionellen Rollen klar aberziehen. De facto werden die Kinder so in ihrer Wahl wieder eingeengt, diesmal allerdings unter umgekehrten Vorzeichen.“

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