16.02.2006 · Ein türkischer Action-Film inszeniert Haßphantasien der Muslime. Seine Botschaft: Solidarität der muslimischen Völker. Sein Feindbild: der Westen. Bei aller Hetze funktioniert „Tal der Wölfe“ als perfide Unterhaltung.
Von Richard KämmerlingsDer Film beginnt wie eine Militärposse: Ein amerikanisches Kommando stürmt einen türkischen Vorposten im Nordirak - die schwerbewaffneten Soldaten halten sich in grotesker Weise gegenseitig in Schach, und der türkische Kommandant erbittet telefonisch von seinem Vorgesetzten die Erlaubnis, gegen die feindliche Übermacht kämpfen und seine Truppe opfern zu dürfen - um damit die Ehre der türkischen Armee und überhaupt der ganzen Nation zu retten. Für westliche Betrachter mag es etwas Lächerliches haben, wie der Offizier um sein Recht auf Heldentod fleht.
Doch niemand des fast ausschließlich jungen türkischen Publikums im gut gefüllten Saal des Frankfurter Turmkinos lacht, nicht an dieser Stelle. Der Vorspann beruht auf einer realen Begebenheit kurz nach dem Sieg über Saddam Hussein: Türkische Soldaten wurden, Säcke über den Kopf gestülpt, von den Amerikanern abgeführt - eine Demütigung, die sich offenbar tief ins kollektive Gedächtnis der Türken eingeprägt hat.
Die Amerikaner: zynisch-sadistische Killer
„Tal der Wölfe“ erzählt vordergründig die Geschichte einer Blutrache. Der Spitzenagent Polat Alemdar reist mit seinem Team in den Nordirak, um diese nationale Schmach zu sühnen und dem verantwortlichen amerikanischen Kommandanten Sam (sic!) William Marshall Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Doch ihr erster Plan schlägt fehl, und die Männer (und die Zuschauer) müssen sich mit komplexen politischen Verhältnissen vertraut machen, in der die amerikanischen Besatzer mit brutalster Gewalt die Kurden, Araber und Turkmenen gegeneinander ausspielen: Unschuldige Zivilisten werden als Terroristen verschleppt - mit unmißverständlichen Anspielungen auf die Deportationen und „Selektionen“ der Nazis -, gefoltert und als lebende Organspender mißbraucht; mit Hilfe kurdischer Kollaborateure werden ethnische Säuberungen vorgenommen, um die Ölvorkommen in westliche Hand zu bringen.
Die Amerikaner erscheinen fast ausnahmslos als zynisch-sadistische Killer, denen ein Menschenleben keinen Pfifferling wert ist, die buchstäblich mit Kanonen auf Spatzen schießen und die unschuldige Zivilbevölkerung massakrieren. In einer Schlüsselszene richten sie ein Blutbad unter einer arabischen Hochzeitsgesellschaft an und setzen damit selbst die Haßspirale der Selbstmordattentate in Gang.
„Tal der Wölfe“ als Statement zum clash of civilisations
Der Regisseur Serdar Akar hat seine Stereotypisierung mit der Frage verteidigt, warum man denn keinen antiamerikanischen Film drehen dürfe. In der Tat, wie sich der Zeichner einer Mohammed-Karikatur mit Bombe im Turban auf die grausame Wirklichkeit des gewalttätigen Islamismus berufen kann, so findet diese filmische Karikatur „des Amerikaners“ ihren Anlaß in Abu Ghraib - das im Film, ins Infernalische vergrößert, vorkommt. Ein Scherge Sams heißt nicht zufällig Dante.
Und natürlich gehört das absolute Böse zum Trivialschema des Actionfilms: Die Nazi-Chargen aus Hollywood, die Asiaten in Weltkriegs- oder Vietnam-Filmen, die Russen bei „Rambo“ oder auch die Indianer sind ein genretypisches Personal, deren Tod der Zuschauer meist ebensowenig bedauert wie hier die Erschießung der tumben G.I.s. Doch hinter der Fassade eines spannenden, mit aufwendigen special effects ausgestatteten Ballerfilms verbirgt sich viel mehr: „Tal der Wölfe“ will als Statement zum clash of civilisations verstanden werden.
Zwischen Denunziations- und Unterhaltungsfilm
Die Amerikaner sind nämlich selbst nur pars pro toto für ein umfassendes westlich-zionistisches Weltherrschaftsstreben: Die den Einheimischen lebend entnommenen Organe gehen, wie eine skandalöse Einstellung zeigt, nach London, New York und Tel Aviv. Und der Oberbösewicht Sam befindet sich auf einem regelrechten Kreuzzug. Beim Gebet - ein Kruzifix ist dabei in Nahaufnahme zu sehen - gelobt er seinem Gott, nicht eher zu ruhen, bis er das Zweistromland von Ungläubigen gereinigt hat - mindestens diese Szene trägt eindeutig den Charakter einer Denunziation des Christentums als solches. Eine als lebende Schutzschilder verwendete arabische Kinderschar läßt er - Gipfel des Zynismus - „Freude, schöner Götterfunken“ singen, während ein Spezialist schweißgebadet die Bombe entschärft.
Man darf den Film mit seiner offenkundigen antiwestlichen und antisemitischen Hetze aber auch nicht unterschätzen. Seine Perfidie besteht gerade darin, daß er als Unterhaltungsfilm funktioniert und für ein breites und ideologisch ganz unverdächtiges Publikum attraktiv ist. So gibt es zwischen den realistischen und mitunter schockierenden Gewaltszenen immer wieder als Ventil komische Einlagen (ein Mitglied des Agententeams ist eine Art Klassenclown und einem türkischen Publikum offenbar als Witzbold vertraut).
Der gemeinsame Feind ist klar: der Westen
Die ideelle Gegenfigur zu dem christlich-satanischen Sam ist aber ein angesehener Scheich, der Selbstmordattentate vehement als Sünde verurteilt, ebenso Entführungen westlicher Geiseln und - fast wie eine Art irakischer Gandhi - für passiven Widerstand aus der Kraft des wahren Glaubens eintritt. Die Überwindung der Gegensätze zwischen den muslimischen Völkern - interessanterweise auch zwischen Türken und Kurden - ist so die tiefere Botschaft des Films. Denn der gemeinsame Feind ist klar: der Westen.
In einer langen, merkwürdig zusammenhanglosen Szene ist der weise Scheich bei einem Sufi-Ritual zu sehen. Der Großvater des Hauptdarstellers Necati Sasmaz (in der Türkei ein Star) und des Produzenten Raci Sasmaz, zweier Brüder, war ein einflußreicher Scheich des Sufi-Ordens der Kadiri, der den Film angeblich auch mitfinanziert haben soll. Wenn am Ende der Held den Schurken erdolcht, vollzieht so ein Türke stellvertretend die Rache für die muslimische Welt - und schließt damit die Kette von der Wiederherstellung türkischer Ehre über den religiös motivierten Widerstand gegen die westliche Besatzungsarmee bis zum Heiligen Krieg. Im Kino gibt es dazu heftigen Szenenapplaus.